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Sonntag, 13. Juli 2014

Die Hugo-nominierten Kurzromane

Die nominierten Novellen des Jahres sind alle von ähnlicher Länge (ca. 100 Seiten) und spiegeln wohl recht gut die Vielfalt des Genres. In aufsteigender Wertungsreihenfolge gelistet:

The Butcher of Khardov (Dan Wells)


Dies ist ein Beitrag zur weitverbreiteten Sword-and-Sorcery-Fantasy, nicht wirklich schmerzhaft, aber auch nicht von besonderem Interesse. Figuren, magische Elemente und soziale Gegebenheiten aus dem Baukasten.

Six-Gun Snow-White (Catherynne M. Valente)


Dies ist Catherynne Valentes zweiter nominierter Kurzroman in Folge. 2010 war ihr Roman "Palimpsest" nominiert, der mir nach wenigen Jahren schon komplett aus dem Gedächtnis gefallen ist (das war allerdings ein Jahrgang, in dem mich keiner der Kandidaten angesprochen hatte). Mit ihrem Revolver-Schneewittchen amerikanisiert die 35jährige das Grimm'sche Märchen. Schneewittchen ist nun die Tochter einer Indianerin und eines Geschäftsmannes im ausgehenden 19. Jahrhundert, und der Spiegel der Stiefmutter ist eher ein Verwandter von Dorian Grays Gemälde. Das ist nicht langweilig, aber recht versponnen und gegen Ende ziemlich ziellos erzählt.

Equoid (Charles Stross)


Der Brite Charles Stross, Jahrgang 1964, ist ein unbestrittener Star der Science-Fiction-Szene. Zwei seiner Novellen gewannen den Hugo, sieben seiner Romane waren (innerhalb von zehn Jahren!) nominiert, allerdings gehört sein Beitrag auch dieses Jahr nicht zu den Favoriten. Seine Werke würde ich aufteilen in populäre Unterhaltung und anspruchsvollere Versuche. Zur zweiten Kategorie gehören die meisten seiner nominierten Romane, zur ersten die (etwa ab der Hälfte leider enttäuschenden) Merchant-Princes-Reihe und die humoristischen "Laundry"-Erzählungen, zu der auch diese Novelle zählt. Charles Stross ist ein mit ungemeinem Sprachwitz begabter Vielschreiber, mit einer durchwachsenen Menge von Veröffentlichungen. Die Laundry Files sind seine britischsten Werke, mit einem Anklang von Douglas Adams, allerdings mit schlüssigeren Handlungsstrukturen und gelegentlich selbstverliebter Geistreichheit. Sie funktionieren als Abenteuer wie als Satire auf die britische Behördenmentalität.

Die "Laundry" ist eine geheime britische Behörde, die Magie, Dämonenbeschwörung und weitere potentiell apokalyptische Praktiken reguliert. In dieser leicht alternativen Welt hat sich herausgestellt, daß höhere Mathematik und Computeralgorithmen ab einer gewissen Komplexität gefährliche Nebenwirkungen haben können. Entsprechend begabte Personen werden zu ihrer eigenen und zur nationalen Sicherheit aus dem Verkehr gezogen. So auch Bob Howard, nun in der Laundry offiziell zuständig für die Serveradministration, aber eigentlich ein Spezialist für Außeneinsätze, wo er sich - oft nur mit einer Hasenpfote, einem jPhone und seinem Verstand bewaffnet - mit psychopathischen Zauberern, fehlgeleiteten Hackern und freigesetzten Dämonen herumschlägt. Sein geheimes Tagebuch, das Charles Stross seit 2004 in Auszügen veröffentlicht, ist natürlich durch ein mächtiges Geas geschützt, das Unbefugte vom Lesen abhalten soll. Schließlich würde die Welt in Panik ausbrechen, sollte das Ausmaß der durch die moderne Computertechnik freigesetzten magischen Kräfte und das Nahen des Nightmare Case Green öffentlich werden.

Equoid ist ein minderer Beitrag zur Reihe, in der ersten Hälfte amüsant, in der zweiten spannend. Es geht um Einhorne, die allerdings mit dem Mythos nicht mehr viel gemeinsam haben. Ist daher nicht für Kinder geeignet, denn eine Begegnung mit einem Stross'schen Einhorn kann sehr blutig enden.

The Chaplain's Legacy (Brad Torgersen)


Nach Torgersen eindimensionalen Kurzgeschichte war ich nicht so recht auf eine solch komplexe Novelle vorbereitet. Spriritualität, abstrahiert von konkreten Religionen, dient in diesem überzeugenden Kurzroman als Brücke zwischen Menschen und Aliens und schließlich sogar als Friedensbringer. Der Ich-Erzähler Harrison Barlow, der (atheistische) "Assistent des Kaplans", hatte vor 20 Jahren de facto eigenhändig die Vernichtung der Menschheit durch eine technisch weit überlegene Insektenrasse gestoppt, indem er bei den "Käfer"-Wissenschaftlern ein Interesse an der Erforschung menschlicher Religionen erwecken konnte (die Ähnlichkeit der Aliens mit den Bugs aus Starship Troopers scheint mir gewollt). Nun neigt sich der Waffenstillstand seinem Ende zu. Trotz fieberhafter Versuche, technologisch mit dem Gegner aufzuschließen, scheint der Untergang der Menschheit nur noch eine Frage der Zeit. Plötzlich findet sich Barlow mit einer menschlichen Offizierin sowie einem Wissenschaftler und einer einflußreichen Königin der Insektoiden auf einem unwirtlichen Planeten gestrandet wieder. Gemeinsam kämpfen sie ums Überleben und gewinnen gleichzeitig Respekt füreinander. Das ist allerdings deutlich vielschichtiger angelegt als Wolfgang Petersens betulicher Genrefilm Enemy Mine.

Wakulla Springs (Andy Duncan und Ellen Klages)


Von zwei Gelegenheitsautoren kommt dieses tolle, sich über drei Generationen erstreckende Erzählung, die allerdings keinem phantastischen Genre zuzuordnen ist, sondern sich vor dem Hintergrund der Entstehung zweier Fantasy-Filme entwickelt. Wakulla Springs ist ein Resort in Nord-Florida mit einer tiefen Lagune und einem fast urzeitlichen Dschungel. Die Geschichte beginnt 1941, als hier Szenen zum fünften Tarzan-Film mit Johnny Weissmueller gedreht werden. Der zweite Teil setzt 1953 an, mit dem Dreh von Der Schrecken vom Amazonas ("The Creature from the Black Lagoon"), dem ersten (übrigens auch heute noch beeindruckenden) 3D-Film mit Unterwasseraufnahmen. Nach Weissmueller begegnet man hier dem Schwimmstar Ricou Browning als "Titelheld". Inhaltlich geht es aber eher um die Entwicklung der Bürgerrechte amerikanischer Farbiger bis in die heutige Zeit. Zwischendrin gibt es ein bizarres Interview mit dem heimlichen Tarzan-Star Cheetah.

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