Raymond Chandler trifft auf die X-Men: So könnte man vereinfacht diese erstaunliche Trilogie des in Utah lebenden Mittdreißigers Larry Correia beschreiben, auf die ich erst im Rahmen dieser Hugo-Nominierung gestoßen bin. Sie spielt in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, aber es liegt ihr ein alternativer Geschichtsverlauf zugrunde: Etwa seit Mitte des 19. Jahrhunderts werden immer mehr Menschen mit besonderen Fähigkeiten geboren. Sie können auf natürliche Weise eine geheimnisvolle Kraftquelle anzapfen, die scheinbar magische Eigenschaften hat. Sowohl die Stärke als auch die Ausprägung dieser Fähigkeiten variiert mit den betroffenen Individuen. Da gibt es klassische Mutantenfähigkeiten (Telekinese, Teleportation, Telepathie, Heilkräfte), die Manipulation von physikalischen Gegebenheiten (Feuer, Eis, Masse), aber auch die mit Urängsten verbundenen Fähigkeiten, Tiere fernzusteuern, Dämonen aus
einer anderen Dimension heraufzubeschwören oder gar Tote zum
(Zombie-)Leben zurückzurufen.
Eine besondere Rolle spielen die sogenannten Cogs, meist ohnehin Genies, deren rationale Fähigkeiten unvorstellbar geseteigert werden. Und so hat sich auch die menschliche Technologie in andere Richtungen entwickelt. Die Erfindungen von Einstein, Edison und Tesla (!) prägen eine deutlich abweichende Wissenschaftswelt. Die Luftfahrt wird von zeppelinartigen Luftschiffen dominiert, und die Atombombe ist nicht einmal die schrecklichste bisher erfundene Waffe. Im dritten Band spielt der Cog Buckminster Fuller eine entscheidende Rolle, uns als Architekt, Erbauer geodätischer Kuppeln und Namensgeber für die Fullerene bekannt.
Vor diesem Hintergrund hat der Erste Weltkrieg zwar einen ähnlichen Verlauf wie in unserer Geschichte genommen, seine Schrecken haben aber durch das Aufeinanderprallen der Mutanten eine besondere Dimension gewonnen. So liegt Berlin in Schutt und Asche und dient, von einer hohen Mauer umgeben, nun als Ghetto für die von Kaiser Wilhelms Magiern freigesetzten Zombies. Als Gewinnermächte stehen sich weltpolitisch nun die Amerikaner und ein übermächtiges japanisches Reich gegenüber.
Als Gegengewicht zum zentral von einem scheinbar unbesiegbaren Supermutanten gesteuerten Japan mit seinen Elitetruppen, der mit übermenschlichen Kräften operierenden eisernen Garde und teleportierenden Ninjas, hat sich in den USA und anderen alliierten Ländern die Gesellschaft der "Grimnoir" etabliert, eine Art Freimaurer-Organisation der Mutanten. Sie stemmen sich meist im Verborgenen gegen die japanische Bedrohung und müssen gleichzeitig gegen die Vorurteile und Beschwichtigungspolitik des amerikanischen Establishments ankämpfen, deren Schlüsselfiguren J. Edgar Hoover und Franklin D. Roosevelt die wahre Bedrohung nicht erkennen wollen. Je mehr man jedoch über die Herkunft der geheimnisvollen Kräfte erfährt, desto mehr verschwimmen die Grenzen zwischen Gut und Böse.
Ich beschreibe diesen Hintergrund der Trilogie deswegen so im Detail, weil die fabelhafte Ausarbeitung dieser alternativen Realität die wesentliche Qualität der Romane ausmacht. Daneben sind aber auch einige durchaus überzeugende Charakterzeichnungen zu nennen. Insbesondere die komplexen Hauptfiguren sind mir beim Lesen sehr ans Herz gewachsen. Dabei entspricht Gravitationsmanipulator, Weltkriegsveteran und Privatdetektiv Jake Sullivan am ehesten einer Chandler-Figur, während die junge, hochbegabte Teleporterin Faye moderner, fast emanzipatorisch wirkt. Auch einige der Nebenfiguren beruhen übrigens auf historischen Persönlichkeiten, so etwa der (nun telepathische) General Pershing als Anführer der amerikanischen Grimnoir und sein Stellvertreter John Browning, der als Cog noch ausgefuchstere Waffen herstellt als sein ohnehin schon berühmtes Vorbild. Wie oft in mehrteiligen Erzählungen sind gerade die im zweiten Band eingeführten Figuren schwächer. Mit diesen reinen Handlungsträgern hat der Leser eine geringere emotionale Bindung. Mit dem aus der Iron Guard desertierten Toru gibt es dann aber doch noch eine interessante neuere Figur.
Während Correias Helden teilweise aus der Schwarzen Serie stammen könnten, ist die Handlung sehr von (ungemein spannenden) Actionszenen bestimmt. Zu Beginn möchte man die Romane der Urban Fantasy zuordnen, aber mit der Zeit stellt sich heraus, daß es sich tatsächlich um waschechte Science Fiction handelt, und solche gut durchdachten Szenarien findet man nur selten. Besonders bezogen auf seine Vorgängerromane wird Correias Waffenfetischismus kritisiert. In dieser Trilogie fand ich diesen Aspekt nicht störend. Es gibt viele Kampfhandlungen, bei denen (neben den Mutantenkräften) eine Vielzahl unterschiedlicher Waffen zum Einsatz kommen, und die Detailliertheit der Beschreibungen fand ich durchaus angemessen. Insgesamt betrachte ich die Reihe als intelligente, spannende Unterhaltung auf hohem Niveau. Für die Hugos wäre es vielleicht geschickter gewesen, die komplette Trilogie und nicht nur den Abschlußband zu nominieren. So oder so halte ich diese Überraschung in der Kategorie Roman für einen würdigen Beitrag.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen