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Sonntag, 17. März 2013

Klassiker auf Blu-ray #3: Cidade de Deus/City of God (2002)

Im Sambatakt werden das Messer gewetzt, die Karotten geschnitten, das Huhn gerupft. In schnellen Schnitten sieht man immer wieder das zweite Huhn, das immer nervöser werdend zusehen muß, bis es schließlich die Fußfessel abstreift und entflieht. Panik, Chaos, ein Trupp Kinder und Jugendlicher macht sich zur Verfolgung auf. Plötzlich werden Schußwaffen gezogen, das Huhn rennt in Richtung der Polizisten am Ende der Straße. Dazwischen der junge Photograph Buscapé ("Rakete"), eigentlich nur Beobachter, jetzt mitten in der Schußlinie.

Wir befinden uns in der Cidade de Deus, der "Gottesstadt", einer Favela Rio de Janeiros zu Beginn der 80er Jahre. Bevor die aktuelle Geschichte fortgeführt wird, erleben wir in zwei langen Rückblenden Buscapés Kindheit Ende der 60er und sein Heranwachsen in den 70ern. Wir lernen drei Generationen von Gangstern ("Hoods") kennen, die das Leben im Slum bestimmen. Zunächst das Trio herumalbernder, planloser Heranwachsender, die unblutige Überfälle veranstalten. Dann den 10jährigen Li'l Dice, schon als Kind ein Soziopath und hemmungsloser Killer. Zum 18. Geburtstag macht er sich selbst zum Drogenkönig, indem er alle Konkurrenten umbringt, und nennt sich von nun an Li'l Zé.. Nur Carrot, dem Kumpel seines besten Freundes Benny, überläßt er zunächst die Geschäfte in einem Teil der Stadt. Zunächst kehrt jetzt Ruhe ein, aber natürlich ist die Situation nicht nachhaltig stabil. Zur Mißgunst gegenüber Carrot kommt noch eine persönliche Fehde mit dem vom Busfahrer zum Racheengel mutierten Knockout Ned, und es wächst eine neue Kinder-Gang heran, wieder ohne Erziehung oder Plan, aber diesmal gut bewaffnet. Es folgt ein Bandenkrieg, den auch die korrupte Polizei nicht mehr ignorieren kann...

Buscapé erzählt und kommentiert die Geschehnisse. Er selbst versucht sich an der Peripherie der Gewalt mit ehrlichen Arbeiten durchzuschlagen. Nur manchmal ist er direkt betroffen, etwa als Benny ihm seine Liebe Angélica ausspannt - gespielt von der ausdrucksstarken, damals 16jährigen Alice Braga, die inzwischen einige Male in Hollywood die Leinwand zum Leuchten bringen konnte. Der gleichaltrige sympathische Hauptdarsteller Alexandre Rodriguez hat sich mit einer TV-Karriere in seiner Heimat begnügen müssen. Das Script basiert auf einem episodischen Roman von Paulo Lins, der in einer Favela aufwuchs und sich immer wieder Ereignisse aus erster Hand erzählen ließ, um sie in sein Werk einfließen zu lassen. Offenbar sind gerade die blutigsten und erschreckendsten Szenen des Films der brutalen Realität entnommen. Im Abspann sieht man übrigens einige Kurzinterviews des realen Knockout Neds.

Nicht oft passiert es, daß ein brasilianischer Film über die Landesgrenzen hinaus bekannt wird. Mir selbst fallen nur fünf solcher Werke ein, der berühmteste darunter natürlich Marcel Camus' Oscar-Gewinner Orfeu Negro von 1959 und Walter Salles' Bewerber Central Station von 1998. Leider gehört dazu auch die fürchterliche Macho-Fantasie Tropa de Elite von 2007, in der brutalstmöglich in einer Favela aufgeräumt wird. Cidade de Deus allerdings wurde für Regie und Drehbuch nominiert, darüber hinaus zu Recht für die erstaunliche Schnitt- und Kameraarbeit, die für Atmosphäre und Spannung bei einem klaren Blick auf die Charaktere sorgen. Regisseur Fernando Meirelles lieferte 2005 mit seinem englischsprachiges Debut Der ewige Gärtner einen gelungenen, wenngleich recht konventionellen Nachfolger ab, für den Rachel Weisz einen Oscar als beste Nebendarstellerin einstreichen durfte. Seitdem widmet er sich hauptsächlich brasilianischen Filmen und TV-Projekten.

Mit seiner Analyse der Mechanismen, wie Armut und mangelnde Bildung verbrecherische Strukturen erzeugen, hat Cidade de Deus offenbar ein grenzüberschreitendes Thema, was den internationalen Erfolg erklärt. Auch in Deutschland wurde der Film viel diskutiert, wobei er merkwürdigerweise unter dem amerikanischen Titel "City of God"lief. Wahrscheinlich wurden in der Synchronisation die Namen eingedeutscht, die habe ich aber nicht mehr im Gedächtnis.

Unterhaltsam, mit zeitlosem Thema zum Nachdenken anregend, reiht sich Cidade de Deus in den Kanon der Meisterwerke des Weltkinos ein (10/10).

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