Im offenen Jeep "Kidney Killer" (Nierentöter) fährt Captain John Pringle die Kongressabgeordnete Phoebe Frost (!) durch das zerstörte Tiergarten-Viertel zur Wohnruine der Nachtclubsängerin Erika von Schlütow ("with an Umlaut!"), um herauszufinden, welcher verdammenswerte amerikanische Offizier das ehemalige Naziliebchen protegiert. "Sind Sie sicher, daß es keinen Hinterausgang gibt?" - "Es gibt noch nicht einmal eine Hinterwand!"
Natürlich ist Johnny selbst der unmoralische Bösewicht, der Erikas Aufmerksamkeit mit Seidenstrümpfen, Zucker und einer auf dem Schwarzen Markt gegen einen Kuchen getauschte Matratze erkauft. Auch wenn der Schwarzmarkt und viele andere Szenen sicher im Studio nachgestellt wurden, so ist das zerbombte Berlin doch mehr als nur Kulisse. Die Luftaufnahmen und die wohl auf Photographien beruhenden Hintergründe geben ein authentisches Bild der zerstörten Stadt wieder. Wenn die Delegation aus Washington durch das arg lädierte Brandenburger Tor kutschiert wird, durch die Überreste der Prachtallee "Unter den Linden" ("die Linden wurden gerade neu gepflanzt"), so tut auch mir als Neuberliner schon das Herz weh. Wie muß sich erst der gebürtige Oesterreicher Billy Wilder gefühlt haben, der noch 1930 zum Drehbuch des Berlinfilms Menschen am Sonntag beigetragen hatte, bevor er über Paris in die USA fliehen mußte.
Natürlich hat Wilder die Situation stilisiert, die Sicht auf das wahre Elend sollte Dokumentationen überlassen bleiben. Trotzdem teilt der Regisseur mit zynischem Humor kräftig in alle Richtungen aus. Im Entnazifizierungsbüro stellt sich ein unterwürfiger Vater mit seinem höchstens 10jährigen Sohn vor und entschuldigt sich vielmals für dessen Vorliebe für Hakenkreuzmalereien. Kaum aber verfällt der Captain in Kommandoton, so stehen Vater und Sohn schon stramm: "Jawohl, Herr Kommandant!". Auch den preußischen Behördenton trifft er zielgenau: "Man muß doch leben!" - "Was, Sie wollen leben? Ohne Erlaubnis?" Die Amerikaner bekommen ebenfalls ihr Fett weg, der pragmatische Colonol (der bärbeißige Charakterdarsteller Millard Mitchell erinnert ein wenig an John Wayne) wird den realitätsfernen Abgeordneten gegenübergestellt. "Vielleicht sollten wir mal eine Delegation nach Washington schicken, um deren Moral zu untersuchen!"
Im damals wie heute ungewöhnlichen Liebesdreieck agiert der ansonsten eher unbekannte John Lund zweckdienlich als hilfloser Spielball der beiden 10 Jahre älteren Diven. Über die Rivalität Jean Arthurs und Marlene Dietrichs kann man ausführlich in Hellmuth Karaseks Wilder-Interviews nachlesen. Arthur war eine ausdrucksstarke, furchtlose Komödiantin, die trotz Anfangserfolgen und einer Oscar-Nominierung für George Stevens' schöne Komödie "Immer mehr, immer fröhlicher" u.a. aufgrund von Lampenfieber leider nie ein großer Star wurde. Marlene Dietrich spielt hier mit großer Finesse genau das Gegenteil ihrer eigenen Persönlichkeit. Sie singt drei Lieder von Friedrich Hollaender, der ihr bereits für den Blauen Engel den Hit "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt" komponiert hatte und sie hier persönlich in den Club-Szenen in der "Lorelei" am Klavier begleitet. Am besten gefiel mir "Illusion", das mehr als den typisch verrauchten Sprechgesang zu bieten hat. Erst seit kurzem besinnt sich Berlin mit Stolz dieser großartigen Frau und hat jetzt immerhin einen Marlene-Dietrich-Platz nahe dem Potsdamer Platz nach ihr benannt.
Subversiv, mit einem an sich tragischen historischen Hintergrund und nicht so flockig-leicht, wie es uns die Werbung weismachen will, ist Eine auswärtige Affäre für mich zwar kein Meisterwerk, bietet aber immer noch ein schönes, kurzweiliges Seherlebnis. Sehr gut (8/10).
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