Suche im Blog

Mittwoch, 5. August 2015

SF-Klassiker #7: A Deepness in the Sky (Vernor Vinge, 1999)

Der inzwischen 70jährige Vernor Vinge ist der Stanley Kubrick der SF-Literatur. Von seinen neun veröffentlichten Romanen wurden fünf für den Hugo nominiert, drei davon (plus zwei Novellen) gewannen den begehrten Preis. Der emeritierte Mathematikprofessor und Computerwissenschaftler aus San Diego vertritt die Ansicht, daß unsere Zivilisation auf eine (nicht-apokalyptische) technologische Singularität zusteuert, durch die Schaffung von künstlicher Intelligenz oder die grundsätzliche Integration von Computern und Menschen. In seinem Werk spekuliert er über Szenarien der fernen Zukunft und ist damit wesensverwandt zu David Brin und Charles Stross (zumindest mit seinen Space Operas). Vinge war in den 70ern mit der Anthropologin Joan Vinge verheiratet, ebenfalls eine hervorragende SF-Autorin, deren Werk aber eher ökologisch und soziologisch ausgerichtet ist (sie gewann 1981 einen Hugo für ihren von Hans Christian Andersen inspirierte grandiosen ersten Tiamat-Roman Die Schneekönigin).

A Deepness in the Sky ist der zweite von drei Romanen in Vinges "Zones of Thought" benannten Reihe, in der die Galaxis in Bereiche mit unterschiedlichen physikalischen Möglichkeiten aufgeteilt ist. Da die Handlung von "Deepness" aber lange vor den anderen Beiträgen angesiedelt ist, empfiehlt es sich vielleicht, hier zu beginnen: Seit Jahrtausenden erforscht die Menschheit in Raumschiffen, die relativistische Geschwindigkeiten erreichen, ihre unmittelbare Nachbarschaft und hat inzwischen in einem ca. 400 Lichtjahre durchmessenden Einflußbereich Kolonien aufgebaut. Während die planetaren Zivilisationen (inklusive der Erde) kommen und gehen, sorgt seit etwa 5.000 Jahren die Handelsorganisation Queng Ho für eine gewisse technologische und kulturelle Kontinuität. Durch perfektionierten Kälteschlaf und medizinischen Fortschritt mißt sich die objektive Lebensdauer privilegierter Händler in Jahrhunderten, die subjektive Lebenszeit durchaus in Jahrtausenden (es ist üblich, nicht nur auf der Reise, sondern auch im oft Jahrzehnte währenden Handelskontakt mit planetaren Zivilisationen einen Großteil der Zeit im Kälteschlaf zu verbringen).

Die Geschichte beginnt, als ein Queng-Ho-Flottenkapitän auf dem Planeten Triland einen geheimnisvollen Einsiedler aufstöbert, nach dem offenbar das Flagschiff benannt ist: Pham Nuwen. Der macht sich mit der Flotte auf den Weg zu einem rätselhaften, nur 50 Lichtjahre entfernten Sternensystem mit einer Sonne (dem OnOff-Stern), die in 200 Jahren nur für 30 Jahre scheint. Man erhofft sich physikalische Erkenntnisse, aber natürlich auch profitable Geschäfte - und möglicherweise die für die Menschheit erste Begegnung mit intelligenten Aliens. Leider trifft man am Ziel auf eine zweite Flotte der "Emergents", brutale Abgesandte eines totalitären Mehrplanetensystems, und schnell eskalieren die Feindseligkeiten, bevor der vorgefundene Planet Arachna genauer untersucht werden kann.

Arachna beherbergt nämlich tatsächlich eine fremdartige Zivilisation, spinnenartige Lebewesen, durch die Evolution perfekt an den extremen Sonnenzyklus angepaßt. Während der Dunkelphase suchen sie Zuflucht in Höhlen (damit ist der Begriff Deepness verbunden) und verfallen in einen Jahrzehnte dauernden Winterschlaf, um nach dem Erwachen ihre Welt wieder aufzubauen. Im aktuellen Zyklus sind sie allerdings gerade an dem Punkt angelangt, daß ihre technologischen Möglichkeiten ein Wachbleiben auch während der Kälteperiode ermöglichen. Zunächst ohne es zu wissen, werden sie zum Zankapfel der Emergents, die sie versklaven , und der Queng Ho, die vom Technologieaustausch profitieren wollen. Die detaillierte Darstellung der Aliens (genannt Spinnen/Spiders), ihrer Gesellschaft, Traditionen und Familienbande, ist eine der Stärken des Romans. Vinge bedient sich dabei eines cleveren Tricks. Die Spinnen haben aufgrund ihres komplexen Sehvermögens (die Augen scheinen an den zehn Beinen platziert zu sein) kein Fernsehen oder Video entwickelt, sondern könenn im wesentlichen nur über ihre Radiosendungen "beobachtet" werden. Dadurch bekommt der Leser ein durch die Übersetzer der Menschen im Orbit gefiltertes, anthropomorphes Bild. Trotzdem gehören die eingeführten Spinnen-Figuren zu den überzeugendesten Alien-Charakteren, die ich kenne. Mit Sherkaner Underhill, Victory Smith, ihren Kindern und ihrem Freund Hrunkner Unnerby, den herausragenden Wissenschaftlern, Ingenieuren und Soldaten der Spinnen, konnte ich mich oft stärker identifizieren als mit den Menschen der Zukunft und ihren verblüffenden technischen Möglichkeiten. Erst gegen Ende zeigt sich, wie fremdartig die Aliens tatsächlich sind und wie stark sie von den menschlichen Besuchern unterschätzt wurden.

Aber auch die menschlichen Charaktere bleiben in Erinnerung. Da gibt es die "bösen" Emergents: der pragmatische, sich als Vermittler aufspielende Podmaster Tomas Nau; sein sadistischer Stellvertreter Ritser Brughel und seine wie ein menschlicher Computer wirkende rechte Hand Anne Reynolt (hinter ihrer Perfektion verbirgt sich ein schreckliches Geheimnis). Und natürlich die "guten" Queng Ho: der junge Ezr Vinh, der nach dem Konflikt als einziger verbliebener Sproß der Eigenerfamilien die Leitung übernehmen muß; seine große Liebe, die von Triland stammende Trixia Bonsol; die geniale, aber fehlgeleitete Qiwi Lin Lisolet, die beim Abflug noch ein Teenager war; und vor allem ein gewisser Pham Trinli, der das größte Geheimnis der Expedition verkörpert und vielleicht bereits seit Jahrtausenden bei den Queng Ho seine Intrigen spinnt...

Mehr will ich von der Handlung eigentlich nicht verraten. Es gelingt Vinge, mit seiner reichhaltigen, aber doch klaren Sprache die komplexen Zusammenhänge deutlich zu machen, ohne sich im esoterischen Wischiwaschi zu verlieren (wie es in Space Operas oft üblich ist). Aufgrund der Vielzahl der Charaktere und der Vielschichtigkeit der präsentierten Ideen bedarf es einer gewissen Anfangsanstrengung, bevor man in diesen Roman eintauchen kann. Aber der Lohn ist gewaltig, sowohl auf emotionaler Ebene als auch rein intellektuell. Allein die Kultur der kapitalistischen, aber ansonsten apolitischen Queng Ho, mit ihren Kälteschlaf-Zyklen, ihrer Freude an Bonsai-Züchtungen und anderen über Jahrtausende aufgebauten Traditionen ist so überzeugend wie faszinierend. Gerade durch den Kontrast zu den faschistischen Emergents erscheinen sie so glaubwürdig, wie es einer Zukunftserzählung nur gelingen kann. Und natürlich ist die Grenze zwischen "gut" und "böse" längst nicht so klar gezogen, wie es die Voraussetzungen vielleicht erscheinen lassen. Außerdem gefällt mir, daß es fast keine direkte Exposition gibt. Die raffinierten technologischen Extrapolationen werden fast beiläufig eingeführt und nur genau so weit erklärt, wie es für die Handlung von Nöten ist. Beispiel ist der Ramscoop-Antrieb, dessen Theorie bereits in den 60ern aufkam und der inzwischen von verschiedenen Autoren genutzt wird. Reisen mit Überlichtgeschwindigkeit kommen hier übrigens genausowenig vor wie künstliche Intelligenz (was aufgrund von Vinges Hintergrund ein wenig verwundert).

Die Kindle-Edition ist ordentlich formatiert, nur selten sind mir Fehler aufgefallen ("show" statt "snow"). Ab und zu gibt es fehlerhafte Umbrüche innerhalb eines Satzes. Schlimmer ist die Preispolitik. Wenn man bedenkt, daß die meisten Leser (wie ich) die Romane bereits als Taschenbücher besitzen, ist der aktuelle Preis von 6,99€ leicht unverschämt, mehr noch die 12,99€ für das Bündel mit dem Vorgänger "A Fire Upon the Deep". Zum Glück konnte ich beide Bände in einem kurzzeitigen Amazon-Angebot für jeweils 3,99€ erstehen, was ich als fairen Preis ansehe.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen