Insektenkundler werden von Hank Pyms Haustieren nicht besonders begeistert sein. Seine (computergenerierten) Ameisen sind deutlich zahmer und niedlicher angelegt als ihre in freier Wildbahn zu findenden Vorbilder. Gleiches gilt leider auch für die menschlichen Charaktere in diesem jüngsten Beitrag zum Avengers-Universum. Man will halt das überwiegend jugendliche Zielpublikum nicht verschrecken, begibt sich dadurch aber in bedenkliche Nähe harmloser 50er-Jahre-Abenteuerfilme (etwa Die unglaubliche Geschichte des Mr. C). Für Erwachsene gibt es immerhin eine gesunde Prise Komik, am besten dargereicht durch Michael Peñas Kleinganoven Luis (polizeibekannt durch den Diebstahl einer Smoothie-Maschine). Herrlich ist seine ellenlange Erläuterung, wie ihm mal wieder der Tip zum Heist des Jahrhunderts zugeflogen ist (ich traf einen Typen, der kannte jemand, dessen Schwester...) Zum Ende des Films gibt es dazu eine noch bessere Zugabe-Sequenz, an der sogar der inzwischen 93jährige Marvel-Übervater Stan Lee in seinem obligatorischen Cameo beteiligt ist.
Überhaupt kündigen bereits die das Marvel-Logo untermalenden Samba-Rhythmen eine entsprechende Erzählhaltung an. San Francisco bietet dazu eine beschwingte Lokation. Mehr noch als die Guardians nimmt sich der Film niemals ernst. Das ist eine durchaus willkommene Abwechslung zum gewichtigen Drama der Avengers, insbesondere des Erzählfadens um Captain America, der im nächsten Kinojahr zum "Bürgerkrieg" (einem Zerwürfnis innerhalb der Avengers) führen soll. Schade nur, daß die Geschichte und die Actionszenen von Ant-Man besonders abgegriffen erscheinen. Und es wird Zeit, daß Hollywood mal ein Moratorium für geschiedene Väter im Sorgerechtsstreit einführt. Das Thema ist in TV und Kino nun wirklich erschöpft - von Hawai Five-O mit Danno und seiner niedlichen Grace bis hin zu Dwayne Johnson in San Andreas (da hat mir der Trailer schon gereicht).
Ansonsten ist es kein Zufall, daß ich bisher nur Michael Peña namentlich erwähnt habe. Die übrigen Darsteller schlagen sich allemal wacker, von Michael Douglas als Dr. Pym in einer milden Altersrolle über Judy Greer, die nach Jurassic World ein weiteres Mal die treusorgende Mutter spielen darf, bis hin zu "Tauriel" Evangeline Lilly, deren Charme hier leider durch eine bizarre, helmartigen Frisur stark eingeschränkt ist. Besonders enttäuschend ist Corey Stoll in einer blassen Schurkenrolle, vor allem nach seiner beeindruckenden Leistung als Abgeordneter Peter Russo in House of Cards. Und Paul Rudd? Er bleibt auch hier der nette Kerl von nebenan, den man sofort wieder vergißt - oder erinnert sich noch jemand an Charlize Therons Soldaten-Verlobten Wally aus Gottes Werk und Teufels Beitrag? Jedenfalls wartet auf ihn nicht der kometenhafte Aufstieg eines Chris Pratt...
Es wird viel diskutiert, was Visionär Edgar Wright wohl aus dem Stoff herausgeholt hätte. Sicher wären seine Ameisen weniger putzig und seine Miniaturwelten schmutziger ausgefallen. Peyton Reed, der das Projekt von ihm übernommen hat, war mir bisher nur durch die mäßige RomCom Down With Love von 2003 (mit Renée Zellweger und Ewan McGregor) bekannt. Wie alle Beteiligten leistete er solide Arbeit, nur das Cameo von Hayley Atwell hat er leider total verhunzt: Wenn man sich schon die Mühe macht, sie für eine Rückblende ins Jahr 1989 auf "alt" zu schminken (während man Michael Douglas digital verjüngt hat), sollte man der Gründerin und Direktorin von SHIELD (und Vorgängerin von Nick Fury, der hier übrigens zum ersten Mal aussetzt) - sollte man Agent Peggy Carter doch wohl ein paar Dialogzeilen gönnen! Stattdessen wirkt sie wie eine verloren gegangene Statistin.
Nach all dem Gejammer muß ich gestehen, daß ich mich als Fan des Marvel-Kinouniversums trotzdem glänzend amüsiert habe. Die 3D-Effekte machen gerade die Miniaturszenen sehenswert, und trotz etwas zu langer Laufzeit (von an sich kurzen zwei Stunden) hat mich Ant-Man nie gelangweilt, vielleicht auch weil mir diese Figur bislang völlig unbekannt war. Daher vergebe ich gerade noch ein Gut (7/10).
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