Geht es nach Hollywood, so halten Freundschaften aus der Schulzeit für immer, und die Prom-Königin und der Football-Jock bleiben ihr Leben lang zusammen. In der Realität sieht das allerdings anders aus. Jugendliche gruppieren sich meist nach flüchtigen Gemeinsamkeiten, aus relativ kleinen Klassenverbänden kristallisieren sich eher zufällig Freundes- und Liebesbeziehungen. Werden solche Cliquen nach dem Schulabschluß nicht durch äußere Umstände auf natürliche Weise zerschlagen, können sie, begünstigt durch die menschliche Trägheit, tatsächlich eine lange Lebensdauer haben. Solche Cliquen wirken aber oft genauso wie Familienbande und enge Kollegenkreise als soziale Zwangsjacken, die die Lebensweise ihrer Mitglieder stark normierend eingrenzen.
Die 28jährige Megan (Keira Knightley) ist Teil einer solchen Clique, die gerade den zehnten Jahrestag des Highschool-Abschlusses feiert. Das erste Pärchen daraus ist bereits verheiratet und erwartet Nachwuchs, das zweite plant gerade die Hochzeit. Nur Megan ist ein wenig der Nachzügler, sie hat sich noch nicht entschieden, was sie mit ihrem College-Abschluß anstellen soll und flüchtet bei Entscheidungsdruck gern in die elterliche Wohnung. In diese Situation platzt ihr Freund Anthony mit seinem Heiratsantrag hinein, um sie endlich auf die rechte Bahn zu bringen. Verwirrt nimmt Megan zwar den Antrag an, sucht dann aber für eine Bedenkwoche Zuflucht bei der 16jährigen Zufallsbekanntschaft Annika (Chloe Moretz) und (unfreiwillig) deren geschiedenem Vater Craig (Sam Rockwell). Der spießigen Zwangsjacke beraubt, kann sich ihre Persönlichkeit plötzlich entfalten, wenngleich nicht ohne Hindernisse und Peinlichkeiten...
Die gerade 30 gewordene Keira Knightley hat in den letzten Jahren eine gute Balance gefunden zwischen Filmen mit größerem Profil (zuletzt mit Oscar-Nominierung in The Imitation Game) und kleineren britischen und amerikanischen Werken. Nach ihren schönen Rollen in Auf der Suche nach einem Freund fürs Ende der Welt und Can a Song Save Your Life? hat sie mich nun besonders begeistert in Grow Up!? - Erwachsen werd ich später (der schwer übersetzbare Originaltitel lautet: "Laggies", selbst im UK umbenannt zu "Say When"). Ob ihrer Schönheit und ihre ansteckenden, überschwänglichen Lebensfreude (ihr Reklametanz mit Walkman und Werbeschild ist ein Highlight des Kinojahres) vergißt man leicht, welch eine kluge und ausdrucksstarke Darstellerin sie sein kann.
Laggies kam hierzulande gar nicht erst in die Kinos. Die Marketingabteilungen tun sich sicher schwer bei der Einordnung. Ich würde es als leichtes, amüsantes Drama bezeichnen. Das Drehbuch von Andrea Seigel kommt vor allem zum Schluß nicht ganz ohne Klischees aus, ist aber insgesamt erfreulich unangepaßt und wurde von der jungen Regisseurin Lynn Shelton an Lokationen in Seattle, Washington mit luftiger Leichtigkeit inszeniert. Dazu paßt der Soundtrack aus jungen, wenig bekannten Popsongs. Auch die Nebenrollen sind überzeugend besetzt. Sam Rockwell ist eigentlich immer sehenswert, ob als Redshirt Guy in Galaxy Quest, als Zaphod Beeblebrox im Hitchhiker oder als zwielichtiger Wissenschaftler in Iron Man. Chloe Grace Moretz hat zum Glück gegenüber ihrer Rolle in Scorseses nicht kindgerechten Kinderfilm Hugo Cabret ihre Niedlichkeit zurückgenommen, und die junge Kaitlyn Dever beeindruckt als Annikas beste Freundin.
Es ist schade, daß Laggies kaum ein Publikum zu finden scheint, und wahrscheinlich nur aufgrund der berühmten Hauptdarstellerin überhaupt bei uns auf Blu-ray erschienen ist. Es wird wohl ein Werk bleiben, das nur wenige Zuschauer anspricht. Trotzdem vergebe ich ein persönliches Sehr gut (8/10).
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