Suche im Blog

Donnerstag, 9. Juli 2015

Melissa McCarthy als Spionin Susan Cooper: Spy (8/10)

Niemand vermag momentan auf der großen Leinwand so gekonnt Beleidigungen zu verteilen wie Melissa McCarthy. Ihre giftigen Wortschwälle sind präzise wie Fausthiebe und durchschlagend wie Kung-Fu-Tritte. Und wenn diese so perfekt auf sie zugeschnitten sind wie von Regisseur und Autor Paul Feig in Spy (mit dem überflüssigen deutschen Untertitel "Susan Cooper Undercover"), dann sprühen die Funken, daß James Bond nur staunen kann: Wortkunst trifft auf Martial Arts. Nicht daß letztere vernachlässigt würden - Melissas "Agentin wider Willen" Susan Cooper weiß sich durchaus auch mit herkömmlicher Gewalt durchzusetzen. Nach zehn Jahren Schreibtischtätigkeiten braucht sie allerdings eine Weile, um das zu erkennen. Bisher hat sie die schmutzige Arbeit anderer gesteuert, insbesondere die von Staragent Bradley Fine (Jude Law empfiehlt sich etwas verspätet für die  Bond-Nachfolge). Nachdem dieser allerdings außer Gefecht gesetzt ist und die vier (4!) verbleibenden CIA-Agenten kompromittiert wurden, bewirbt sich die allseits belachte, übergewichtige Susan als letzte Hoffnung der freien Welt und wird zur Strafe in zunehmend demütigenden Maskeraden auf Informationsjagd geschickt. Alles weitere ist zwar vorhersehbar, aber ungeheuer unterhaltsam...

Melissa McCarthy wurde 2011 pünktlich zu ihrem 40. Geburtstag mit Paul Feigs Brautalarm ("Bridesmaids") zum Kinostar. Zwar hat mich  der zotige Humor nach dem Buch von Kirsten Wiig und Annie Mumolo überhaupt nicht angesprochen (verkauft wurde das als Hangover für Frauen), aber trotz aller Erniedrigungen, die ihre Figur erleiden mußte, kam Melissa bei diesem Frauenquintett noch am besten weg. Natürlich hatte ich sie noch gut in Erinnerung als patente, zu Panikattacken neigende Köchin Sookie bei den Gilmore Girls. Parallel zu ihrem Späteinstieg ins Kinogeschäft hatte die gewiefte Standup-Komikerin mit der Sitcom Mike & Molly noch einen TV-Erfolg, ist jetzt aber wohl ausgebucht mit Filmprojekten (sie wirkt bei der mit Frauen besetzten Neuauflage der Ghostbusters mit - Buch und Regie: Paul Feig). 2013 hatte sie an der Seite von Sandra Bullock bereits einen Hit mit der ebenfalls von Paul Feig inszenierten Buddykomödie Taffe Mädels, aber meiner Meinung hat Feig erst in seinem speziell für sie entwickelten Drehbuch für Spy (mein deutscher Titelvorschlag: "Die Spionin") ihr Potential optimal ausgeschöpft. Er trifft nach meinem Geschmack genau die richtige Balance zwischen Albernheit und Charme, und Melissa füllt nun als seltener weiblicher Star die Kinokassen.

Wie immer bei solchen Filmen lohnt es sich, die negativen Kritiken zu lesen, wo sich z.B. viele IMDB-Nutzer als bigott oder zumindest prüde outen, und noch öfter als dämlich. Ich habe zwar volles Verständnis, wenn man mit dieser Art Humor nicht klarkommt, aber da gibt es wirklich Leute, denen die Darstellung des CIA "nicht realistisch" erschien! Kleiner Tip: Gleich zu Beginn kämpfen die Angestellten dieses geheiligten Geheimdienstes mit einer Fledermausinvasion - wer das ernstnehmen kann, sollte sich auf Dokumentationen beschränken. Merkwürdigerweise erschien mir das geschilderte Agentenmilieu eher britisch als amerikanisch, sei es durch die Anklänge an Bond (u.a. wird Susan mit einer tollen, wenngleich nicht gerade modischen Kollektion von technischen Gimmicks ausgestattet), oder durch die Besetzung einiger Nebenrollen. Die europäischen Handlungsorte, insbesondere Paris mit Susans billiger Absteige, werden allerdings nicht unbedingt in vorteilhaftes Licht getaucht.

Melissa wäre jedoch nur halb so gut, wenn sie nicht mit exzellenten Partnern konfrontiert würde. Die stets wunderbare Allison Janney, einst Stabschefin im West Wing, füllt routiniert die Schuhe eines Deputy Directors der CIA, ohne in Klischees zu verfallen - sie ist zwar zunächst herablassend skeptisch, dann aber pragmatisch und spart bei Erfolg auch nicht mit Lob. Jude Law wurde bereits erwähnt und darf nach langer Zeit mal wieder mit Eleganz und Oberflächlichkeit glänzen. Rose Byrne als Oberschurkin Rayna bringt Susans verbalen Attacken eine wohldosierte stoische Ruhe entgegen, die schelmische Morena Baccarin,  "Companion Inara" aus Firefly, hat ein willkommenes Cameo als Agentenkollegin, und der mir bislang unbekannte britische Komiker Peter Serafinowicz spielt den herrlich abgedrehten italienischen Verbindungsmann Aldo, der Susan ständig an die Wäsche will (wie gesagt, wer diese Art Humor nicht mag...) Melissas komischster Co-Star ist allerdings, wer hätte das gedacht, Mr. Transporter Jason Statham, der sein Image als Action-Superheld in Wort und Tat gewaltig auf die Schippe nehmen darf. Paul Feig hat ihm Sprüche auf den leidensfähigen Leib geschrieben, bei denen Schwarzenegger, Willis & Co. neidisch werden müßten.

Beinahe hätte ich diesen Hochgenuß aufs Heimkino verschoben, aber in der fünften Woche seit dem Kinostart (der in Deutschland immerhin über eine halbe Million Zuschauer angelockt hat) hat's zum Glück gerade noch geklappt. Sehr gut (8/10).

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen