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Sonntag, 12. Juli 2015

Die BBC in den 60ern: Nick Hornbys "Funny Girl"

Funny Girl ist der Titel eines (durchaus sehenswerten) Wyler-Films von 1968, der die Geschichte der erfolgreichen amerikanischen Entertainerin Fanny Brice (1891-1951) erzählt und Barbra Streisand für ihr bestechendes Leinwand-Debut einen Oscar einbrachte. Nick Hornbys Roman hat damit überhaupt nichts zu tun - er erzählt die fiktive Biographie der britischen Komikerin Sophie Straw, die Mitte der 60er bei der britischen BBC eine erfolgreiche Karriere als TV-Komödiantin startet. Da ansonsten kaum Parallelen erkennbar sind, halte ich bereits den Romantitel für eine Fehlkalkulation.

Nick Hornby ist zudem nicht gerade für seine starken Frauenfiguren bekannt. Für seine Protagonisten etwa in High Fidelity oder About a Boy ist Weiblichkeit fast synonym mit einem unergründlichen Geheimnis. So wird das Funny Girl (im Deutschen: "Miss Blackpool") auch eher durch die Männer in seinem Umfeld charakterisiert: den unsterblich in sie verliebten Produzenten Dennis, das Autorenteam der sehr unterschiedlichen Homosexuellen Bill und Tony sowie Sophies Co-Star Clive, der an seiner Herabsetzung durch eine Paranthese leidet - der Name der Fernsehserie lautet "Barbara (and Jim)".

Das klingt jetzt alles sehr negativ, aber tatsächlich ist die Geschichte durchaus unterhaltsam - nicht besonders witzig, aber amüsant, zwar vorhersehbar, aber trotzdem bewegend, kaum satirisch, aber doch mit authentischem Zeitbild. Es ist nur im Nachhinein, daß man sich wundert, wie Sophie so widerstandslos zum Star werden, wie insbesondere Bill (der seine Sexualität offen auslebt) fast mühelos Repressalien vermeiden, wie Dennis dann doch sein Glück finden kann. Allzu oft überschreitet Hornby die Grenze von Nostalgie zur Sentimentalität. Insbesondere vor dem Hintergrund der jüngsten Mißbrauchsenthüllungen über BBC-Mitarbeiter fehlt mir hier satirische Schärfe. Zudem sind die Figuren einfach zu brav gezeichnet, fast als wenn der Ruf der fiktiven Charaktere geschützt werden sollte.

Während Nick Hornbys Veröffentlichungen nach seinem Durchbruch 1995 mit "High Fidelity" (und der wunderbaren Verfilmung durch Stephen Frears) für meinen Geschmack von Roman zu Roman schwächer wurden, lieferte er 2009 mit "Juliet, Naked" endlich wieder einen tollen Text ab, der nach langer Zeit wieder aus seiner Leidenschaft für Pop-Musik schürfte und sehr überzeugende, gebrochene Charaktere zu bieten hatte. Der Titel bezieht sich übrigens auf das klassische Hitalbum "Juliet" des (fiktiven) Rockstars Tucker Crowe und die Veröffentlichung einer fast bis auf Demolevel abgespeckten Version (eben "Juliet, Naked"), deren unterschiedliche Beurteilung eine Beziehungskrise bei den Hauptfiguren auslöst.

Zwischendurch zeigte Hornby ein erstaunliches Talent für die Adaption von Fremdmaterial. 2009 war sein Drehbuch für An Education sogar für einen Oscar nominiert. Letztes Jahr lieferte er das Buch für für Jean-Marc Vallées rundum gelungenes Der große Trip, während ironischerweise die Verfilmung seines eigenen Romans A Long Way Down (ohne seine Beteiligung) trotz einer von Pierce Brosnan und Toni Collette angeführten Star-Riege floppte. Mit Brooklyn kommt demnächst seine dritte Romanadaption ins Kino. Die Arbeit an An Education mag übrigens Inspiration für seine Darstellung der 60er Jahre gewesen sein, aber die dichte Atmosphäre des Films und insbesondere das brillante Spiel Carey Mulligans in der Hauptrolle stellen Funny Girl ziemlich in den Schatten.

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