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Samstag, 24. Januar 2015

Reese Witherspoon ist "Wild" (8/10)

Es ist schon merkwürdig: Wenn ein Mann, etwa Brad Pitt mit Moneyball oder World War Z, Stoffe entwickelt, produziert  und die Hauptrolle übernimmt, wird er dafür gelobt und bewundert. Wenn eine Frau wie Reese Witherspoon (oder vor Jahren Selma Hayek mit Frida) das gleiche tut, wird das als Ego-Trip kommentiert. Das amerikanische Kino kann aber durchaus ein paar mehr Filme über starke Frauen vertragen. Und es erschließt sich mir nicht, warum Der große Trip es nicht unter die acht "Besten Filme" der amerikanischen Akademie geschafft hat, ein dumpf-patriotisches Machwerk wie Clint Eastwoods American Sniper aber schon. Die Nominierungen für die beste Haupt- und Nebenrolle sind da eher als Trostpreise zu verstehen.

Witherspoon spielt Cheryl Strayed, die in den 90ern mit 26 Jahren eine mehr als 1.700 Kilometer weite (und offenbar recht beliebte) Rucksack-Wanderung durch die USA antritt. Der Hike wird weitgehend chronologisch erzählt, aber immer wieder zeigen sehr elegant eingebettete Rückblenden ihr Innenleben, die traumatische Erinnerung an den Krebstod ihrer Mutter, die Haltlosigkeit in den Folgejahren, das Scheitern ihrer Ehe nach wahllosen One-Night-Stands und den leeren Trost der Heroinsucht. Es ist eine Geschichte der Selbstfindung, aber ohne spirituellen Kitsch, Platitüden und die abschließende Begegnung mit der großen Liebe. Fans von Eat, Pray, Love sollten diesen Film also meiden.

Einige Zuschauer schrieben, die Hauptfigur sei von Beginn an unsympathisch, und verstehen sie eher antagonistisch. Man muß aber schon über sehr wenig Empathie verfügen, um hinter der Promiskuität und den Drogen nicht eine verlorene Frau zu entdecken, die sich aus eigener Kraft aus ihrer Lebenskrise befreit. Sie ist sich selbst der stärkste Gegner, eine Anti-Heldin, die ihren Trek relativ unvorbereitet antritt und gleich in der ersten Woche unter kalter Küche leiden muß, da ihre Gasflasche nicht mit dem Campingkocher kompatibel ist. Aber die Willenskraft dieser intelligenten, hübschen Frau hat mich von Anfang an in ihren Bann gezogen.

Reese Witherspoon kommen in ihrem Porträt die zehn zusätzlichen Lebensjahre zugute, die passende Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen haben. Obwohl sich die Massen an das süße Blondchen aus romantischen Komödien (Natürlich Blond, Sweet Home Alabama) erinnern, war ich schon immer ein Fan ihrer anspruchsvolleren Rollen, etwa in Pleasantville, Election und Eiskalte Engel. 2005 gewann sie einen Oscar für ihr brillantes Porträt der June Carter in der Cash-Biographie Walk the Line. Nach zwei Ehen und drei Kindern scheint sie jetzt für reifere Rollen bereit, und anders als bei Julia Roberts spiegelt sich ihre faszinierende Persönlichkeit auch vollkommen ungeschminkt  (wie in diesem Film) in natürlicher äußerer Schönheit.

Neben der Hauptdarstellerin muß ich Regisseur Jean-Marc Vallée für seine unsentimentale, humorvolle  Inszenierung loben, die durchaus atemberaubende Landschaftsaufnahmen zu bieten hat. Nach Dallas Buyers Club ist dies sein zweiter toller Film in Folge, und für seine exzellente Schauspielerführung sprechen die Nominierungen, letztes Jahr erfolgreich für zwei Herren, diesmal für zwei Damen (die supernette Laura Dern hat aber diesmal keine Chancen gegen Patricia Arquette, genauso wenig wie Reese gegen die lange überfällige Julianne Moore). Beigetragen hat natürlich auch das auf Cheryls Erlebnisbericht basierende Drehbuch von Nick Hornby (High Fidelity, About a Boy), der sich inzwischen eine zweite Karriere im Filmgeschäft aufgebaut hat (2010 war er für die schöne Adaption An Education sogar Oscar-nominiert). Als letztes muß ich noch das Lama erwähnen, und den Fuchs, der dann doch noch einen kleinen spirituellen Akzent setzt.

Sehr gut (8/10).

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