Julianne Moore spielt Alice Howland, eine brillante Professorin für Linguistik mit drei erwachsenen Kindern, der kurz nach ihrem 50. Geburtstag plötzlich die Diagnose Alzheimer gestellt wird. Binnen weniger Jahre verliert sie ihre mentalen Fähigkeiten: Gedächtnis, Orientierung, Logik, Sprachvermögen. Der Film versucht dabei recht konsistent, die Geschichte aus Alices mehr und mehr zersplitterter, stark subjektiver Perspektive zu erzählen. Die beiden Regisseure Richard Glatzer und Wash Westmoreland haben den zugrunde liegenden (gut recherchierten, aber nicht auf einer realen Biographie beruhenden) Roman auch adaptiert. Der Stoff hat sie sehr persönlich angesprochen: Richard Glatzer starb kurz nach der Oscar-Verleihung an ALS. Diese Nervenkrankheit, an der auch Stephen Hawking leidet, unterscheidet sich allerdings stark von Alzheimer, denn sie greift nicht direkt die Persönlichkeit an, sondern beeinträchtigt die Kommunikationsfähigkeit mit der Außenwelt.
Für mich ist der traurigste Moment in Alices Krankengeschichte das Scheitern ihres sorgfältig vorbereiteten Selbstmordplans. Tatsache ist, daß Alice in diesem Moment nicht mehr Alice ist. Diese leere Hülle, die noch ungefähr wie Alice aussieht und noch ein paar lückenhafte Erinnerungen an ihr Leben hat, gleichzusetzen mit jener intelligenten, wohlartikulierten und warmherzigen Frau, die wir zuvor kennengelernt haben, ist eine Beleidigung derselben. Es ist richtig, daß ihre jüngste Tochter Lydia (Kristen Stewart) ihr zum Ende hin näherkommt, aber im Grunde konstruiert sich Lydia die Mutter, die sie in diesen Momenten braucht, aus den eigenen Erinnerungen. Ist es Alices Pflicht, dieses unwürdige Leben bis zum natürlichen Ende durchzustehen, nur damit ihre Angehörigen die Lücke in ihrer Mitte nicht anerkennen müssen? Alices Ehemann John (Alec Baldwin) kommt im Vergleich mit Lydia schlecht weg. Daß er Alice im Frühstadion der Krankheit nicht mehr Zeit widmet (sieh bittet ihn vergeblich, ein Sabbatical einzulegen), hat mich auch enttäuscht. Aber daß er dann aus Karrieregründen seine Frau quasi im Stich läßt, wirkt zwar hartherzig, aber vielleicht hat er nur als erster eingesehen, daß seine Alice nicht mehr existiert. Insofern bin ich offenbar anderer Meinung als die Filmemacher (wenn ich den Buch- und Filmtitel als Meinungsäußerung interpretieren darf).
Die Darstellung der Nebenfiguren ist ansonsten eine Drehbuchschwäche, sie hätten deutlich beser ausgearbeitet werden können. Alec Baldwin bringt immerhin sein gewichtiges Charisma ein, und Kristen Stewarts Rolle kommt ihren Stärken entgegen - wann immer sie unangepaßte Außenseiterinnen spielt, blüht ihre Darstellungskunst auf. Kate Bosworth als ältere Tochter jedoch wirkt oberflächlich (und ist aufgemacht wie eine Vampirin), während Hunter Parrish als dauergrinsender Sohn wenigstens einmal traurig dreinschauen darf. Aber natürlich ist das Julianne Moores Film, eine wenig glamouröse Paraderolle, die vielleicht nicht in der physischen Herausforderung, aber wohl in der Nuancierung Eddie Redmaynes Spiel als Stephen Hawking in den Schatten stellt. Schön, daß es bei der fünften Nominierung nun endlich geklappt hat, im untypischen Alter von 54 Jahren (meist sind die Oscar-Gewinnerinnen deutlich jünger, ab und zu auch mal viel älter, so wie etwa Jessica Tandy oder natürlich Katherine Hepburn bei ihren letzen beiden Triumphen).
Still Alice leistet einen wichtigen Beitrag zur Ent-Tabuisierung von Alzheimer, insbesondere durch die Konzentration auf eine relativ junge Betroffene. Die Gehirnkrankheit wird damit aber beileibe nicht zum ersten Mal thematisiert. Bereits 2001 erzählte der gelungene britische Film Iris den Alzheimer-bedingten geistigen Verfall von Iris Murdock, allerdings aus der Perspektive von Ehemann John Bayley, der der angesehenen Schriftstellerin in seiner Biographie ein anrührendes Denkmal gesetzt hatte. Passenderweise gewann damals Jim Broadbent als (älterer) John Bayley einen Oscar, Judi Dench und Kate Winslet waren beide für die Titelrolle nominiert. Gerade durch die Rückblenden wurde die Krankheit aber nur als Endpunkt eines erfüllten Lebens dargestellt, in entsprechender melodramatischer Breite. Still Alice hat einen schärferen Fokus und wirkt dadurch analytischer, zum Glück allerdings nicht so klinisch steril wie Hanekes Amour (das handelt zwar nicht von Alzheimer, wirft aber ähnliche Fragen auf). Unzulässig romantisiert wurde das Thema eher in Sarah Polleys An ihrer Seite (2006), was für mich aber auch an der (trotzdem Oscar-nominierten) Hauptdarstellerin Julie Christie lag, die mich noch in keiner Rolle überzeugen konnte. Still Alice wird ebenfalls Weichspülerei vorgeworfen, aber bereits in dieser abgeschwächten Form ist Julianne Moores herzzerreißende Darstellung nur schwer zu ertragen. Vor allem dafür vergebe ich ein Sehr gut (8/10).
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