Georges und Anne sind beide über 80 und seit über 60 Jahren miteinander verheiratet. Zu Anfang sieht man gleich das Ende: Die Feuerwehr bricht die Wohnungstür auf, und Anne liegt blumengeschmückt auf ihrem Totenbett. Kein guter Ausgang also, und wie auch: Keine Biographie kann ein Happy End haben, jedes Leben endet mit dem Tod.
Der Regisseur und Drehbuchautor Michael Haneke breitet dann die letzten Monate der beiden in seiner typisch emotionslosen, unsentimentalen Art vor uns aus. Zu Beginn sehen wir sie als rüstiges Seniorenpaar, bei einem Konzertbesuch (der Regisseur zeigt nur das Publikum, nicht die Bühne). Später finden wir heraus, daß der Solist ein Klavierschüler Annes ist, auf den sie sehr stolz ist. Im folgenden beschränkt sich die Handlung auf die Wohnung der beiden. Anne erkrankt; nach einer mißlungenen Operation und einem Schlaganfall ist sie rechtsseitig gelähmt. Georges kümmert sich, später mit Hilfe einer Krankenschwester, kompetent um seine nun an den Rollstuhl gefesselte Frau. Zunächst sieht es so aus, als ob dies für das Zusammenleben kein großes Hindernis bedeutet. Aber Anne ist klar, daß ihr Zustand nur schlimmer werden wird, und nimmt zunächst ihrem Mann das Versprechen ab, sie nicht mehr in ein Krankenhaus bringen zu lassen. Georges willigt zögernd ein, mag ansonsten aber ihren Wunsch nicht hören, möglichst schnell in Würde zu sterben. Schlimmer ist die Reaktion der Tochter (Isabelle Huppert), die gar nicht wahrhaben will, daß keine Besserung möglich ist.
In einer Schlüsselszene blättert Anne noch einmal in ihren Fotoalben: "Ein langes Leben", stellt sie fest. Aber Georges mag das nahe Ende selbst dann nicht wahrhaben, als Anne durch einen zweiten Schlaganfall jetzt auch im Sprechen und Denken behindert ist und ihre Qual und Wut über ihre Hilflosigkeit kaum mehr verbal ausdrücken kann. Erst als Georges selbst die Pflege über den Kopf wächst, erlöst er seine Frau und damit auch sich. Dies ist jetzt natürlich bereits meine Interpretation, denn der Film gibt uns keine Erklärungen. Über die peinliche Symbolik einer zweimal durchs Fenster hereinflatternden Taube möchte ich mich hier allerdings nicht auslassen. Einzig hilfreicher Kommentar mag der Filmtitel sein: Wahre Liebe hätte Georges zeigen können, indem er Anne zu einem früheren Zeitpunkt erlöste, um ihr ein Sterben in Würde zu ermöglichen, und nicht, um seiner eigenen verzweifelten Situation ein Ende zu bereiten (übrigens erfahren wir nicht direkt, was danach aus ihm wird - diese Frage ist im Kontext der Handlung nebensächlich).
Hanekes Art, eine Geschichte quälend langsam zu erzählen, um dann in wenigen Momenten zu schockieren (hier vor allem in einer Alptraumszene Georges'), wird in "Liebe" nur durch die Kunst und die ungeheure Präsenz der beiden Altstars des französischen Kinos (Emmanuelle Riva, Jahrgang 1927, und Jean-Louis Trintignant, Jahrgang 1930) erträglich. Trotz oft stilisiert wirkender Dialoge und einer fast als Versuchsanordnung anmutenden Handlung erzeugt ihr Spiel Emotion und Teilnahme. Das hat "Liebe" früheren Werken Hanekes voraus, z.B. den preisgekrönten Das weiße Band und Caché, denen ich fast nichts abgewinnen konnte. Haneke wird dafür gelobt, daß er in Echtzeit die demütigenden und peinlichen Momente der Krankenpflege zeigt. Dies wäre vor 30 Jahren sicher etwas besonderes gewesen. Im Vergleich mit beispielsweise dem fabelhaften, mutigen und zugleich lebensfrohen Das Meer in mir von 2004, einer ebenfalls mit dem Tod endenden Biographie eines Gelähmten, verblaßt die Erinnerung an "Liebe" bei mir bereits. Leider müssen wir den bei Preisverleihungen unbeholfen auftretenden Österreicher Michael Haneke in nächster Zeit noch öfter ertragen, Liebe geht mit fünf Nominierungen ins Oscar-Rennen. Wegen der großartigen Darsteller vergebe ich als Filmwertung ein zwiespältiges "Ordentlich" (6/10).
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen