Charles Stross ist der Mann mit den großen Ideen in der Science Fiction der letzten zwei Dekaden. Leider gelingt es ihm mit seinem jüngsten Roman wiederholt nicht, diese in eine wohlkonstruierten Handlung einzubetten und mit überzeugenden Figuren zu vermitteln. Stross schöpft aus einem riesigen Wortschatz (ein oft unnötiges Ärgernis, wenn man einen superseltenen Begriff nachschlagen muß) und baut wohlfeile, knifflig verschachtelte Sätze, aber Spannungsaufbau gehört nicht zu seinen Stärken, während sein Humor mehr Pointen vertragen könnte.
Neptune's Brood spielt in einer Zukunft, in der die Menschen weitgehend ausgestorben sind, ihre Zivilisation aber in Form von sehr menschenähnlichen Androiden fortgeführt wird. Stross entwirft (und erläutert dieses in handlungsunterbrechenden Passagen) ein Banken- und Wirtschaftssystem der Zukunft. Zur Finanzierung der Kolonisation Lichtjahre entfernter Systeme durch Raumschiffe mit nur gering-relativistischen Geschwindigkeiten hat sich ein Kreditsystem des "langsamen Geldes" etabliert, das auf Kommunikation mit Lichtgeschwindigkeit basiert. Es können auch komplette Androiden-Persönlichkeiten von System zu System "gebeamt" werden, die dann in den "Seelenchips" neu geschaffener Körper wieder zum Leben erweckt werden.
Auf diese Weise reist auch die Hauptfigur (und Ich-Erzählerin) "Krina Buchhaltung Historiker Alizond-114" (nicht übersetzt) auf der Suche nach ihrer Schwester Ana, bevor sie für die letzte Etappe auf dem Schiff einer Kirche der Fragilen anheuert, die ihre heilige Pflicht in der Wiederansiedlung von fleischlichen Menschen sieht. Krina wird von Piraten (der Unterart Versicherungsagenten) abgefangen, dann auf einer Wasserwelt entführt und in eine Meerjungfrau gewandelt, bevor sie endlich mit ihrer Schwester einen gigantischen Ponzi-Trick aufklärt. Das ist alles recht amüsant, aber doch auch belanglos. Krina gewinnt nicht so recht an Format, auch ihr Geschlecht scheint beliebig, und zum Schluß erscheinen alle Motivationen durch einen Twist nochmals in neuem Licht - frustrierend, wenn man bis dahin versucht hat, die komplexen Hintergründe nachzuvollziehen.
Auch außerhalb der gelungenen Laundry-Reihe hat Stross schon bessere Romane geschrieben. So wird es wohl auch dieses Jahr nichts mit dem Hugo in der Königskategorie.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen