The Great Wall sieht besser aus und hat auch einen größeren Unterhaltungswert als die meisten sogenannten Blockbuster des letzten Jahres. Das ist allerdings Lob auf niedrigem Niveau. Tatsächlich ist diese angeblich 150 Millionen teure US-chinesische Koproduktion ein kühl kalkuliertes Produkt, bei dem die Teile sich nur widerspenstig zu einem Ganzen fügen. Dabei ist die Grundidee dieses Fantasy-Films tatsächlich ganz nett: Die Chinesische Mauer wurde gebaut, um allesfressende Ungeheuer abzuwehren. Zur Zeit der Song-Dynastie verirren sich nach dem legendären Schwarzpulver suchende Europäer in die entscheidende Schlacht. "Helms Deep" in China, sozusagen.
Das von einem amerikanischen Komittee zusammengestückelte Drehbuch konzentriert sich, welche Überraschung, bei den Figuren auf die drei Westler. Die asiatischen Darsteller gehören zum malerischen Hintergrund, obwohl etwa mit Andy Lau (Infernal Affairs, House of Flying Daggers) ein veritabler Superstar den Strategen Wang gibt. In der weiblichen Hauptrolle ist die junge Tian Jing zu sehen, die mit liebreizendem Gesicht eine gute Figur in ihren farbenprächtigen Kostümen macht. Schauspielerische Fähigkeiten konnte ich jedoch nicht erkennen (man munkelt, sie habe einen einflussreichen "Onkel" in der chinesischen Filmindustrie). Jedenfalls wird man sie demnächst in weiteren Monster-Filmen bewundern können: in der vierten King-Kong-Auflage Kong: Skull Island und der Fortsetzung von Guillermo del Toros Pacific Rim.
Zu den abgebrühten Helden Matt Damon und Willem Dafoe gesellt sich der chilenische TV-Star Pedro Pascal, der als Viper Oberyn Martell bereits die vierte Staffel von Game of Thrones veredeln durfte (und nicht nur aufgrund seines spektakulären Zweikampfs mit dem Mountain, der am Ende doch ins Auge ging). Die drei Recken wetteifern um den gruseligsten britischen Akzent (wer weiss schon, wie sich europäische Weltenbummler vor über 1.000 Jahren verständigt haben - vielleicht eher durch Grunzen). Überhaupt finden sie sich in der Rolle der Barbaren, während als Kontrast tatsächliche und erfundene Errungenschaften der asiatischen Hochkultur offenbar den chinesischen Nationalstolz anfachen sollen (die chinesische Jugend ist allerdings an den Kinokassen nicht drauf reingefallen).
Ausstattung und Effekte brauchen sich vor keinem amerikanischen Fantasy-Film zu verstecken. Am unglaubwürdigsten sind wie so oft weder die Monster noch die Handlung, sondern die Figuren. Frauen in Machtpositionen hat es in der chinesischen Geschichte eher selten gegeben, und sicher keine mit Porzellan-Teint und Mannequinfigur. Und was Willem Dafoes Ballard nun 25 Jahre lang an der Mauer getrieben hat, bleibt auch unklar. Matt Damon kann natürlich mit oder ohne Bart einen Film tragen, aber Wills Freundschaft zu Pero bleibt vage.
Wie auch immer, man muss Regisseur Zhang Yimou ein großes Lob aussprechen, dass er unter diesen widrigen Umständen dem Material trotzdem eine unterhaltsame Geschichte enttrotzt hat. Natürlich ist er nicht irgendjemand, sondern (mal abgesehen vom Taiwan-Amerikaner Ang Lee) der weltweit angesehenste chinesische Regisseur. Ab den 80ern war er gerngesehener Gast bei den europäischen Festivals, gewann mit seinen Arthouse-Filmen, mit seiner damaligen Frau Gong Li in den Hauptrollen, u.a. einen Berliner Bären und eine Goldene Palme in Cannes. Mein Favorit aus dieser Zeit ist das anrührende metaphorische Ehedrama Rote Laterne von 1991.
Im Kielwasser von Ang Lees überraschendem Kassenschlager Tiger & Dragon (und nach seiner Trennung von Gong Li) feierte Zhang Yimou dann internationale Erfolge mit den poetischen Wuxia-Filmen Hero (2002) und House of Flying Daggers (2004, mit der von Ang Lee entdeckten zauberhaften und begabten Zhang Ziyi - keine Verwandte übrigens). 2011 stellte er in The Flowers of War mit Christian Bale schon einmal einen westlichen Schauspieler in den Mittelpunkt einer chinesischen Produktion. Mir gefiel das damals nicht besonders, aber in China fand die Geschichte aus dem Vorfeld des Zweiten Weltkriegs ein großes Publikum. Zwischendurch drehte er auch intimere, die chinesische Gegenwart spiegelnde Dramen (Happy Time, Keiner weniger), soweit ihm die staatliche Zensur das zuließ.
Die Kunst eines Regiemagiers ist es auch, aus minderwertigem Material das beste herauszuholen. Das ist Zhang Yimou hier für meinen Geschmack gelungen. Daher meine milde Wertung: Ordentlich (6/10).
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