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Sonntag, 17. April 2016

Ich wär so gern wie du - Die Neuverfilmung des "Dschungelbuch" (8/10)

Wir Deutschen haben ein besonders inniges Verhältnis zu Disneys Dschungelbuch. Nach der Erstaufführung von 1967 wurde dieser letzte von Walt Disney persönlich überwachte Zeichentrickfilm in jeder Dekade neu in die Kinos gebracht und brachte jeweils (1979, 1987, 1994) noch Umsätze um die 30 Millionen DM ein. Fernsehausstrahlungen wurden nicht zugelassen, und erst die Veröffentlichung fürs Heimkino beendete diese Erfolgskette, mit unübertroffenen 27 Millionen verkaufter Tickets in deutschen Kinos. Daher hat es vielleicht nostalgische Gründe, dass diese Musikkomödie auch mein liebster Disneyfilm ist. Der Neuverfilmung sah ich daher eher skeptisch entgegen. Zu Unrecht...



Von Beginn an zog mich die dreidimensionale, offenbar komplett am Computer entstandene Welt des indischen Dschungels in ihren Bann. Sie ist ähnlich überwältigend wie zuvor nur James Camerons Avatar, Sam Raimis Die fantastische Welt von Oz und Ang Lees Schiffbruch mit Tiger. Natürlich ergeben sich schon durch die fotorealistische Darstellung (in der nur der 12jährige Indien-stämmige New Yorker Neel Sethi als Mowgli "echt" ist) tonale Unterschiede zur Vorlage (einen guten Eindruck verschafft der Trailer). Regisseur Jon Favreau (Iron Man, Kiss the Cook) und sein wenig erfahrener Drehbuchautor Justin Marks orientieren sich zwar hauptsächlich an Wolfgang Reithermans Zeichentrickvorlage und sind damit keinen Deut näher an Kiplings charmanten Fabeln, modernisieren aber einige Handlungselemente und verzichten weitgehend auf Musicalszenen. Einige der ikonischen Lieder sind trotzdem zu hören, und auch der Score des Fernsehkomponisten John Debney macht kräftig Gebrauch von den berühmten Melodien.



Probier's mal mit Gemütlichkeit
Der Star des Projekts ist eindeutig Bill Murray, der nach langer Zeit mal wieder zeigt, wie komisch er in der richtigen Rolle aufspielen kann. Sein Baloo, der Mowgli auszunutzen versucht und doch schnell seinem Charme erliegt, ist eine eigenständige, aber ähnlich unterhaltsame Interpretation des Bären, und Murray brummt mit Neel Sethi auch überzeugend von den Bare Necessities, wenngleich die Version von Phil Harris natürlich ein Klassiker bleibt.


Ich wär gern wie du
Christopher Walken lässt in seinen Filmen ja keine Gelegenheit aus, eine coole Sohle aufs Parkett zu legen (siehe etwa Hairspray). Sein Orang-Utan King Louie erreicht bei Favreau fast King-Kong-Dimensionen und ist entsprechend täppisch, sein I Wanna be like you ist aber ähnlich beschwingt wie die Version von Jazz-Trompeter Louis Prima. Der 73jährige Oscar-Gewinner (Die durch die Hölle gehen) strahlt aber auch Bedrohlichkeit aus, er war schließlich auch schon Bond-Bösewicht und bei Tarantino zu Gast.


Hör auf mich
Keine Überraschung ist es, wie wunderbar Scarlett Johansson die Python Kaa spricht. Bei ihrer Verführung Mowglis kommt der Raumklang besonders gut zur Geltung, wenn ihre Stimme an verschiedenen Ecken des Kinos erklingt. Erst im Abspann darf sie dann das schöne, in den 60ern von Sterling Halloway eher gesäuselte Lied interpretieren. Es ist der musikalische Höhepunkt des Films. Scarlett ist schließlich nebenberuflich schon länger als Sängerin unterwegs (auch wenn mir ihre Tom-Waits-Interpretationen nicht so zusagen).



Man stelle sich einmal vor, der Tiger in Life of Pi hätte angefangen zu sprechen - es hat eine Weile gedauert, bis ich mich daran gewöhnt hatte. Der Panther Baghira (Sir Ben Kingsley) hat mich am wenigsten überzeugt, die Wölfe (darunter die Oscar-Gewinnerin für 12 Years a Slave, Lupita Nyong'o) waren unauffällig, dafür war Idris Elba als Tiger Shere Khan stark, wenngleich ich hier der Animation ein wenig mehr Mut zur Entstellung des gebrandmarkten  Raubtiers gewünscht hätte. Putzig ist all das eingestreute Kleintier, sei es das vom Regisseur selbst gesprochene Zwergschwein oder Sam Raimis Rieseneichhörnchen. Jedenfalls kann man davon ausgehen, dass bei der Synchronisation ins Deutsche einige Feinheiten verloren gegangen sind. Einen interessanten Einblick gibt dieser Hintergrundbericht.



Tatsächlich hat Disney hier mit ähnlicher Vorgehensweise wie bei Star Wars ein neues Franchise erschlossen. Eine Fortsetzung ist bereits beschlossen. Dabei tut mir Andy Serkis leid, der für Warner Bros. gerade eine weitere Realverfilmung des Stoffes vollendet, mit Benedict Cumberbatch als Shere Khan und Christian Bale als Baghira, die erst 2018 ins Kino kommen wird und sich allein schon aus rechtlichen Gründen eher am Buch orientieren wird. Disney hat sich schließlich viele Freiheiten genommen - in Kiplings Geschichten sind die Rollen von Baloo und Baghira fast vertauscht, Mowgli hat viel früher Kontakt zu Menschen und wehrt sich auch frühzeitig mit Feuer gegen Shere Khan. Aber der Großmeister der Motion-Capture-Technik wird es schwer haben, gegen Jon Favreaus Konkurrenz zu bestehen. Alles in allem kommt dieses Remake also nicht ans Original heran, bereitet die Geschichte aber gekonnt für die Teenager von heute auf. Für kleinere Kinder ist die Neufassung wohl weniger geeignet. Sehr gut (8/10).

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