Der Zauberer von Oz ist in Deutschland eher unbekannt oder wird als Kinderkram abgetan. Für mich gehört er zu den fünf schönsten Filmmusicals überhaupt. Chronologisch wären das übrigens:
- Top Hat (1935 - Fred Astaire und Ginger Rogers in Vollendung)
- Der Zauberer von Oz (1939 - mit der 16jährigen Judy Garland)
- Du sollst mein Glücksstern sein/Singin' in the Rain (1952 - Gene Kelly, Donald O'Connor und Debbie Reynolds)
- Meine Lieder, meine Träume/Sound of Music (1965 - Julie Andrews als singende Nonne)
- The Rocky Horror Picture Show (1974 - immer noch das beste moderne Musical)
In den USA ist der "Wizard of Oz" ein Nationalheiligtum, das von allen Generationen geliebt wird und von der Popkultur aufgesogen wurde, von Elton Johns Goodbye Yellowbrick Road bis Raumschiff Enterprise, wo Data die Melodie des Blechmanns "If I Only Had a Heart" pfeift . Daher galt es vielen von vornherein als Sakrileg, dazu eine Art Vorgeschichte zu erzählen. Eigentlich gibt es allerdings mehr als ein Dutzend Oz-Geschichten des Schöpfers L. Frank Baum, und darauf beruht der neue Film, der dem berühmten Musical nur ab und zu direkt seine Referenz erweist (auch weil die Filmrechte bei einem anderen Studio liegen). Natürlich kommen viele Figuren und Orte in beiden Filmen vor. Regisseur Sam Raimi (Spider-Man-Trilogie) sollte aber nicht daran gemessen werden, ob die Charaktere gut kopiert, sondern eher ob sie interessant interpretiert sind. Und das ist meiner Meinung nach weitgehend gelungen. Ein direkter Vergleich ergibt eher absurde Resultate:
James Franco spielt Oz als jungen, spitzbübischen Frauenhelden, der seine wahre Liebe nicht erkennt. Frank Morgans Oz dagegen war ein großväterlicher, herzensguter Scharlatan, der sich schüchtern hinter seiner Projektion versteckte.
Alle Photos sind als Miniaturen aus der IMDB entnommen, durch Klick werden die Originale angezeigt.
Noch größer ist die Diskrepanz bei Theodora. Mila Kunis, sexiest Woman alive, muß sich nun mit Margaret Hamilton vergleichen lassen, deren spitzes Gesicht auch ohne viel Makeup schon nach Hexe aussieht:
Technisch und konzeptionell gelungen fand ich die "neuen" Figuren, Zach Braff als fliegender Affe und Joey King als Porzellanmädchen:
Genauso wie das Musical kann man Sam Raimis Verfilmung als Traumgeschichte verstehen. Es beginnt in einer in schwarz-weiß gedrehten Realität, die Hauptfigur wird von einem Wirbelsturm davongetragen in die wundersame, knallbunte Welt von Oz, wo die Bewältigung einer Lebenskrise sich in einem Abenteuer materialisiert. Besonders in 3D ist das ein überwältigendes Erlebnis: Satte Farben, exotische Pflanzen und Lebewesen, sympathische Figuren. fügen sich zu einem in der Tat fantastischen Ganzen, und schönere Hexen als Mila Kunis, Michelle Williams und Rachel Weisz hat man seit den Hexen von Eastwick nicht mehr gesehen. Die Oscar-Preisträgerin als Evanora macht sicher auch aufgrund ihrer Erfahrung die beste schauspielerische Figur, aber darauf kommt es in einem solchen Märchen kaum an. Ich hatte jedenfalls viel Spaß an der simplen, aber nicht trivialen Geschichte, den Schau- und auch den Hörwerten. Dazu bei trug der neue Dolby-Atmos-Sound bei, ein Riesenschritt vorwärts für das Cinestar im Sony-Center Berlin, in dem es bisher nicht einmal zur THX-Zertifizierung gereicht hatte.
Sehr schön (8/10)!
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen