Selbst denjenigen, die sich in den letzten Monaten dem Hype entziehen konnten, keine Star-Wars-Batterien kaufen mußten, keine Actionfiguren mit Harrison-Ford-Grimassen, keine Spielzeuglichtschwerter (die laut Spiegel eh nicht den EU-Leuchtmittelrichtlinien entsprechen), keinen Millenium Falcon aus Legosteinen als Geschenke verpackt haben, wird vor Beginn des eigentlichen Spektakels noch einmal eingehämmert, worum es diesem 30-Milliarden-Dollar-Imperium eigentlich geht. Aber kaum jemand stimmt in mein gequältes Stöhnen ein, als eine grottenschlechte, offenbar schwedische Joda-Kopie uns eine als Todesstern verkleidete IKEA-Hängeleuchte anpreist. Als dann die berühmten Schriftzüge auf der Leinwand anrollen, die vertrauten Fanfaren von John Williams erklingen und der erste Zerstörer den Sternenteppich verdunkelt, packt mich dann doch die Aufregung, und es beginnt ein nostalgischer Spaß, den auch die unnötige, die kurzweiligen 2 1/4 Stunden unterbrechende Kommerzpause kaum mindern kann. Ich versuche, in meinem Kommentar ohne wesentliche Spoiler auszukommen.
Es ist (fast) alles richtig, was bereits geschrieben wurde: Das Erwachen der Macht ist nicht nur Fortsetzung, sondern zum Teil auch ein Remake und Beginn einer Variation auf die ursprüngliche Trilogie. Aber auch wenn einem Fan vielleicht zu viel bekannt vorkommt, gelingt es J.J. Abrams doch weitgehend, das Feeling der alten Filme zu reproduzieren. Da gibt es Low-Tech-Raumschiffreparaturen, trottelige Sturmtruppen und altmodisch unbeholfene Lichtschwertduelle. Dabei sind allerdings die Effekte flüssiger, die Dialoge geschmeidiger und die Explosionen heftiger.
Geblieben sind jene handlungsdienlichen Zufälle, wie sie nur im Krieg der Sterne möglich sind. Und so treffen wir auf einem Wüstenplaneten namens Jakku, der auch Tatooine heißen könnte, die Helden der nächsten Generation. Und hier zeigt sich, insbesondere gegenüber den mißlungenen Prequels, ein Glücksgriff für die Episode VII. Die beiden 23jährigen Jungschauspieler aus London haben mit Sicherheit eine vielversprechende Karriere vor sich. Daisy Ridley als kesse Rey und John Boyega als tollpatschiger Finn sind sympathische Identifikationsfiguren mit schauspielerischem Talent und genügen nebenbei noch den erhöhten Anforderungen der heutigen auf politische Korrektheit ausgerichteten Filmwelt. Rey ist eben keine Prinzessin, sondern füllt eher die Schuhe von Luke Skywalker und braucht auch keine männlichen Haudegen, ihr aus der Patsche zu helfen. Über Finns Rolle will ich noch weniger sagen, um auch die ersten fünfzehn Minuten des Films nicht zu spoilern. Er steht für die Emanzipation einer bisher gesichtslosen Fraktion und ist nebenbei noch schwarz und komisch und weiß damit jedes Klischee weiträumig zu umschiffen. Zum Glück schließt die ethnische Diversität erst mal aus, daß sich Rey und Finn später als Geschwister entpuppen, denn ihre Romanze beginnt vielversprechend...
Auch die übrigen Rollen sind facettenreich, im Zweifel mit Briten besetzt. Domhnall Gleason (Ex Machina) als Nachfolger von Peter Cushing kommt dabei am schlechtesten weg, hier wäre sein Vater die bessere Wahl gewesen. Viel Aufhebens wurde im Vorfeld um die Rollen von Oscar-Gewinnerin Lupita Nyong'o (12 Years a Slave) und Game-of-Thrones-Star Gwendoline Christie (Brienne of Tarth) gemacht, aber leider verschwinden die beiden hinter dem Motion Capturing bzw. dem Visier einer Rüstung. Der gänzlich überflüssige Auftritt des 86jährigen Max von Sydow sollte vielleicht eine Hommage an Alec Guiness sein. Oscar Isaac als verwegenem X-Wing-Pilot gelang erneut das Kunststück, von mir nicht erkannt zu werden, und unter die Rebellen mischen sich auch die Abrams-Kumpel Ken Leung (Lost) und Greg Grunberg (Alias). Nur für schwule Liebesgeschichten scheint es in jener fernen Galaxie noch zu früh zu sein, wenn man mal von C3PO absieht, der mit R2D2 aber nur einen Kurzauftritt hat. Auch bei den Droids übernimmt mit dem knuddeligen BB-8 ein jüngerer Star das Ruder, windschnittiger und doch fast genauso anrührend.
Nicht nur mit Domhnall Gleason hat auch die Dunkle Seite der Macht eine Verjüngungskur durchgemacht. Als Darth-Vader-Verschnitt Kylo Ren fand ich den 32jährigen Adam Driver zutiefst unangenehm, auch wenn seine Figur durchaus stimmig erklärt wird (aber kann diese Heulsuse wirklich das Erzeugnis von ... - und ... sein - ach, sei's drum). Ohnehin fehlt das Mysterium des Darth Vader, das in den ersten Episoden so fabelhaft inszeniert worden war. Immerhin hat hier jemand den deutschen Begriff des Licht"schwerts" buchstäblich umgesetzt. Wie in der Episode IV bekommt man den fädenziehende Sith-Lord im Hintergrund nur kurz als Hologramm zu Gesicht. Andy Serkis legt ihn irgendwo zwischen Gollum und Thanos an, mit bisher wenig Persönlichkeit.
Ach ja, und dann waren da noch die "Altstars". Keine Überraschung ist es, daß Han Solo hier eine zentrale Rolle spielt. Harrison Ford sieht man seine 73 Jahre zwar an, aber er füllt immer noch die Leinwand wie kein anderer, und seine sarkastische Art bietet ein bewährtes Gegengewicht zu manch alberner Handlungswendung. Die Chemie mit Leia stimmt auch noch, und Carrie Fisher muß ich hier mal in Schutz nehmen. Sie tritt als elegante, selbstbewußte Dame auf und muß ihre 58 Lebensjahre nicht verstecken. Wenn ich daran denke, wie gleichaltrige Kolleginnen wie Daryl Hannah oder Melanie Griffith ihre Gesichter entstellen ließen, habe ich nichts als Respekt für Ms. Fisher, die die Schauspielerei ohnehin nur nebenbei betreibt und u.a. erfolgreiche (und lesenswerte) Romane veröffentlicht hat. In ihrem zu kurzen Auftritt vermag sie jedenfalls eine Menge Wärme und Weisheit zu vermitteln, auch wenn sie wieder durch eine, sagen wir, unkonventionelle Frisur gestraft ist (bei der Promotion, siehe Photo, ist sie dann besser gestylt). Mark Hamill hingegen hat ja ohnehin ein Charaktergesicht, das er als Riddler in The Flash und Professor in Kingsman effektvoll in Erinnerung gebracht hat. Ich vermute, daß er im Folgefilm mehr im Mittelpunkt stehen wird.
Also haben J.J. Abrams und Lawrence Kasdan (der mit Das Imperium schlägt zurück den für alle Zeiten besten Star-Wars-Film geschrieben hat) mit Hilfe von Michael Arndt (Little Miss Sunshine) gute Arbeit geleistet. Alles in allem ist der der realen Alterung der Darsteller angepaßte Zeitsprung plausibel, auch wenn ich nicht verstehe, daß die Guten immer noch dem "Widerstand" angehören. Hätte sich das mit dem Fall des Imperiums nicht umkehren müssen? Bei aller Freude muß ich ansonsten aber warnen, daß ein solcher Nostalgietrip wirklich nur einmalig gelingen kann (was Abrams leider bereits bei Star Trek bewiesen hat). Für die Fortsetzung müssen sich die Verantwortlichen wirklich etwas Neues ausdenken. Also bitte keine Figur in Carbonite einfrieren! The Empire Strikes Back bleibt unübertroffen und sollte nicht kopiert werden. Für Buch und Regie der Fortsetzung ist übrigens Rian Johnson zuständig, die Dreharbeiten haben bereits begonnen. Der gerade 42 Jahre alt gewordene Kalifornier ist bislang vor allem bekannt für Buch und Regie der mittelmäßigen SF-Merkwürdigkeit Looper (mit Joseph Gordon-Levitt als verstörend mißlungenem jungen Bruce Willis) und die Regie bei der von vielen als TV-Höhepunkt gefeierte Folge Ozymandias von Breaking Bad. Bis Mai 2017 muß ich jedenfalls J.J. Abrams, vielleicht neben Irvin Kershner, die beste Regie bei einem Star-Wars-Film bescheinigen. Da lag die Meßlatte bisher aber nicht besonders hoch. In diesem Sinne frohe Weihnachten!
Mit den genannten Einschränkungen habe ich mich tatsächlich für 12 bis 14 Parsecs beschwingt unterhalten gefühlt. Auf die dritte Dimension werde ich allerdings bei der Blu-ray verzichten. Sehr gut (8/10)!
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