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Freitag, 28. Dezember 2012

Life of Pi (9/10)

"Schiffbruch mit Tiger" lautet der deutsche Untertitel. Das klingt wie ein "Pitch" für die Geldgeber oder die Marketingabteilung, im Filmgeschäft ein sogenanntes "High Concept", welches dann zu so unsinnigen Projekten wie "Snakes on a Plane" führen kann. Hier handelt es sich jedoch um die Verfilmung eines poetisch-philosophischen Romans des Kanadiers Yann Martel, deren Gelingen im Vorfeld viele selbst Ang Lee nicht zugetraut haben. Ohne den Sinn zu entstellen und um das Filmvergnügen nicht zu schmälern, hier nur noch so viel:  "Pi" ist die im Hauptteil etwa 16jährige Hauptfigur, die den genannten Schiffbruch erleidet. Der Teenager wird eindrucksvoll gespielt vom Debütanten Suraj Sharma, sowie als Erwachsener in der Rahmenhandlung von Irrfan Khan. In der ersten halben Stunde erfahren wir übrigens in verschmitzt-charmanter Weise, wie der Junge zu seinem ungewöhnlichen Geburts- und Spitznamen kommt.

Im die Haupthandlung umrahmenden Interview wird reichlich platt der spirituelle Gehalt der Erzählung ausgeführt. Sie versucht wohl (im Buch, das ich nicht gelesen habe, wahrscheinlich noch mehr als im Film) einen Gott zu postulieren, weil der Glaube an ihn das Leben oder unsere Sicht auf die Welt verschönern kann.  Ein recht schwaches Argument, das an einem gefestigten Atheisten wie mir leicht abprallt, zumal Pi's Gott sehr folkloristische Züge hat und sich Pi schon in seiner Kindheit beliebig aus verschiedenen Weltreligionen bedient und Ritualschnipsel in köstlicher Weise miteinander vermengt. Zum Beispiel probiert er nach einem katholischem Tischgebet mit Bekreuzigung eine muslimische Niederwerfung  inklusive Gebetsteppich.

Den eigentlichen Schiffbruch und die 227 Tage Überlebenskampf habe ich dann eher als klassisches Abenteuer aufgenommen, im Geiste etwa von "Sindbads 7. Reise" von 1958: spannend, aber mit viel Humor durchsetzt. Die Erzähltechnik sehe ich dabei unabhängig von der technischen Ausführung - wie damals das Publikum durch die Stop-Motion-Effekte eines Ray Harryhausen in den Bann gezogen wurde, staunen wir heute über einen perfekt am Computer animierten Tiger. Übrigens bin ich dankbar, daß dieser, obwohl vielleicht nur der Phantasie entsprungen, bis zum Schluß weder ins Magische überzeichnet noch mit menschlichen Eigenschaften ausgestattet wird - er bleibt ein unberechenbares, majestätisches Raubtier. Magisch ist allerdings die Umgebung, in der die beiden ungleichen Schiffbrüchigen sich behaupten müssen - Schwärme von Delphinen, fliegenden Fischen, leuchtenden Quallen in realisischem Detailreichtum, dann ab und zu stilisierte Traumbilder im Delirium, die plötzlich (vor allem in 3D) wie virtuos eingefangene Aufklappbilder aus Pappe wirken. Gegen Ende gelangen wir zu einer geheimnisvollen Insel, deren Absurdität wohl den Zuschauer daran erinnern soll, daß Pi bei seiner Geschichte mächtig flunkert...

Wasser, Tiere und Kinder - die Schrecken eines jeden Filmproduzenten. Die technischen Herausforderungen müssen ungeheuer gewesen sein, um diese Geschichte auf die Leinwand zu bringen. Selten war ich gespannter auf das "Making of", das hoffentlich mit der Blu-Ray geliefert wird. Roger Ebert schreibt, daß zwar vier lebende Stunt-Tiger eingesetzt wurden, aber die der überwiegende Teil natürlich am Computer entstanden ist (Gollum sei Dank). Ich erinnere mich noch mit Freude an den Annaud-Film "Zwei Brüder", in dem die Tiger-Brüder mit Bedacht vermenschlicht wurden. Der CGI-Tiger hat mich nun genauso überzeugt wie die damals mit vielen Tricks der Dompteure und kreativem Schnitt in Szene gesetzten Tigerjungen. Für die tollen Bilder ist auch die Kameraführung zu loben, die in 3D die klaustrophobische Situation auf dem Rettungsboot perfekt eingefangen und von der Vogelperspektive bis zur extremen Nahaufnahme alle Register gezogen hat. Die zurückhaltende, zweckdienliche Musik von Mychael Danna ist mir nicht im Ohr geblieben, das muß aber kein Nachteil sein.

Nachdem der erwachsene Pi seinem Interviewer zwei unterschiedliche Varianten seiner Odyssee geschildert hat und die Frage nach der "Wahrheit" aufkommt, fragt er schließlich: Welche Geschichte ist schöner? Da ich persönlich einen Gott nicht ins Spiel bringen möchte, trete ich mal einen Schritt zurück und verstehe die Frage so: Welche Geschichte möchte ich im Kino sehen? Oder, provokativer: Wenn es im Kontext dieses Kinoerlebnisses einen Gott gibt, dann heißt er Ang Lee, denn er hat diese Bilderwelt geschaffen oder zumindest orchestriert  (natürlich mit seinem Drehbuchautor David Magee, ausgehend vom Roman). Und meine Antwort ist eindeutig: Danke, daß ich die poetische Variante der Geschichte erleben durfte.

Der in Taiwan geborene, seit 1979 in den USA lebende inzwischen 58jährige Ang Lee kann auf ein erstaunliches Werk zurückblicken. Er bewegt sich in verschiedensten Genres und beleuchtet dabei sehr unterschiedliche Kulturkreise, wobei im Zentrum immer ein kleiner, scharf beobachteter Kreis von Charakteren steht, oft Familien oder ungewöhnliche Liebespaare. Nur seine ersten Filme, die im Spannungsfeld des chinesischen und amerikanischen Familienlebens angesiedelt waren, schrieb er selbst. Danach konzentrierte er sich auf Adaptionen, oft mit Drehbüchern von James Schamus. Die Auswahl der Stoffe ist erstaunlich, und zudem hatte er stets ein Auge für ideale Besetzungen. Herausragend dabei waren die Jane-Austen-Verfilmung "Sinn und Sinnlichkeit" (Drehbuch: Emma Thompson), das brillante Kleinstadt-Porträt "Der Eissturm", "Tiger & Dragon" (Oscar bester fremdsprachiger Film) und seine mißverstandene Comicverfilmung des "Hulk" (mit Jennifer Connelly und Eric Bana). Kronjuwel ist sicher das Meisterwerk "Brokeback Mountain", das ihm für 2005 den Regie-Oscar einbrachte. Auf hohem Niveau gescheitert war sein Epos aus dem amerikanischen Bürgerkrieg, "Ride with the Devil". Zuletzt konnte ich mich mit "Gefahr und Begierde" nicht anfreunden und empfand "Taking Woodstock" als eher mittelmäßige, leichte Unterhaltung. Umso mehr freue ich mich, mit "Life of Pi" eine Rückkehr zu alter Klasse vermelden zu können.

Herausragend! (9/10)

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