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Samstag, 16. März 2019

Mein erster Hugo-Favorit 2019: "Spinning Silver" von Naomi Novik

Schon vor drei Jahren zeigte Naomi Novik mit dem Hugo-nominierten Uprooted, dass ihr Talent auch jenseits der kommerziell erfolgreichen, am Ende aber ziemlich abgenudelten Temeraire-Serie noch tolle Garne spinnen kann. Spinning Silver ist nun der zweite Roman dieser Webart, irgendwo zwischen Fantasy und Märchen einzuordnen, fest in einem mystisch angehauchten Europa des 19. Jahrhunderts angesiedelt. Eher der Fantasy zugehörig sind die Ich-Erzähler (von denen es diesmal gleich mehrere gibt), ein detaillierter Weltenaufbau und die Ausarbeitung der Figuren über den Archetyp hinaus. Eher märchenhaft erscheint mir die Darstellung von Magie und die schicksalsbestimmte Handlung (die allerdings mit reichlich Überraschungen aufwartet)



Nach der polnisch beeinflussten Landschaft von Uprooted finden wir uns in Spinning Silver nun eher in einem zaristischen Russland wieder. Neben der Macht des Zaren gibt es allerdings das Reich der Staryk, kalte, arrogante Fremdlinge, die in einer parallelen Feenwelt hausen und im Winter die Wälder des Zarenreichs heimsuchen und so manche Bauerschaft tyrannisieren. Vor diesem Hintergrund sind alle möglichen Märchenmotive verwoben: Aschenputtel, Goldesel, Rumpelstilzchen, Schneekönigin. Es gibt Prinzessinnen, die eine ungehörige Eigeninitiative entwickeln, und Prinzen, die weniger edel als erwartet agieren.

Der Hauptteil der Geschichte ist erzählt aus der Sicht dreier junger Frauen: Miryem, Wanda und Irina. Später kommen einige Passagen aus der Sicht des jungen Zaren Mirnatius, Irinas Zofe Magreta und Wandas jüngerem Bruder Stepon hinzu. Hauptfigur und am plastischsten gezeichnet ist die etwa 19jährige Miryem (Miriam), Tochter eines jüdischen Geldverleihers, der sich allerdings aufgrund seiner Gutmütigkeit als schlechter Geschäftsmann herausstellt. Als die Familie, die von allen Dorfbewohnern nur ausgenutzt wird, nahe dem Hungertod ist, nimmt Miryem die Sache selbst in die Hand und fordert persönlich die Zahlungen der Schuldner ein, mit wachsendem Erfolg. Allerdings erweckt ihre Fähigkeit, auf diese Weise Silber in Gold zu verwandeln, die Aufmerksamkeit eines Staryk-Lords, der Gold über alles begehrt...

Einer von Miryems Schuldnern ist ein Alkoholiker und Witwer, der seine drei Kinder tyrannisiert, bis sich schließlich als Rückzahlung seine älteste Tochter Wanda als Dienstmädchen bei Miryems Familie verdingt. Wanda ist robust und fleißig, aber vollkommen ungebildet; Miryems Buchhaltung hält sie zunächst für Magie. Aber bald entwickelt sie, und später auch ihre Brüder Sergey und Stepon (was ein russischer Name sein mag, oder auch ein Wortspiel), freundschaftliche Bande mit Miryem, deren tagträumerischen Vater und der kränklichen Mutter. Deren Vater wiederum lebt übrigens als reicher Geschäftsmann in der Regionshauptstadt Vysnia, allerdings im jüdischen Viertel, welches noch kein Ghetto ist, aber doch abgegrenzt vom Rest der Stadt, die von einem Grafen regiert wird. Dessen Tochter Irina ist die dritte Erzählerin; sie ist zwar nicht besonders hübsch und überhaupt widerspenstig, aber der Graf hegt doch Hoffnungen, sie mittels einer List mit dem jungen Zaren zu verheiraten. Der birgt allerdings ein dunkles Geheimnis (und hier kommt Rumpelstilzchen ins Spiel)...

Mit seinen unterschiedlichen Erzählstimmen ist Spinning Silver komplexer als Uprooted und erfordert vielleicht etwas mehr Aufmerksamkeit. Ich persönlich hatte allerdings (anders als einige Rezensenten bei Amazon) keine Probleme, jeweils zu Beginn eines Abschnitts die Erzählerin zu identifizieren. Aufgrund der unterschiedlichen Bildungshintergründe unterscheidet sich auch ihr Sprachstil (besonders einfach drückt sich der vielleicht zwölfjährige Stepon aus). Es hat durchaus eine Weile gedauert, bis ich mich in der Geschichte zurechtfand. Besonders gefallen hat mir dann, wie schon beim Vorgänger, dass der Handlungsverlauf überhaupt nicht vorhersehbar ist. Die Welt ist faszinierend geschildert, das Schicksal der Figuren ist packend, und gegen Ende wird reichlich Spannung aufgebaut. Robin Hobb hätte die Charaktere sicherlich viel tiefgründiger ausgelotet, aber das wäre dann waschechte Fantasy (und mindestens in Trilogie-Länge). Auch die Romanze(n), hier nur angedeutet, hätte man mit viel Herzschmerz auspolstern können. Naomi Novik bleibt standfest und gibt ihrem Märchen nach knapp 500 kurzweiligen Seiten das gebührende Happy End, welches allerdings anders aussieht als bei den Gebrüdern Grimm.



Und wenn sie nicht erfroren sind, dann leben sie noch heute - zufrieden, wohlversorgt und im Kreise ihrer Freunde und Familien.

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