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Samstag, 4. Juni 2016

Hugo-nominiert: Naomi Noviks "Uprooted"

Wow. Schon lange habe ich keinen Roman mehr an einem einzigen Wochenende verschlungen. Die 465 Seiten von Uprooted schmolzen dahin wie ein Eis im Sommerwetter. Anders als die anderen beiden in diesem Jahr nominierten Fantasy-Romane handelt es sich nicht um den ersten Teil einer Reihe, sondern um eine abgeschlossene Geschichte. Zwar nicht formal, aber vom Erzählton her ist dies eher ein Märchen. Es erzählt in der ersten Person von Agnieszka, einer 17jährigen Holzfällertochter, deren heimatliches Tal von einem magischen, übelwollenden Wald umgeben ist, dessen Ausbreitung nur durch die Wachsamkeit des "Drachen" aufgehalten wird. Der Drache ist tatsächlich ein über 100 Jahre alter Magier und gleichzeitig der Fürst dieser mittelalterlich geprägten Dörfergemeinschaft. Alle zehn Jahre wählt er ein junges Mädchen aus, um ihm als Bedienstete in seinem einsamen Turm Gesellschaft zu leisten. Statt der Dorfschönheit Kesia wählt er diesmal zur Überraschung aller die unbeholfene, "pferdegesichtige" Agnieszka. Der Grund liegt, ohne zu viel verraten zu wollen, in ihren bislang unterdrückten magischen Fähigkeiten, deren naturverbundenen Wurzeln allerdings schnell in Konflikt mit den wissenschaftlich fundierten Kräften des Drachen kommen. Und wie es sich für ein Märchen gehört, kommen dann auch noch die Königsfamilie und weitere, möglicherweise feindlich gesonnene Zauberer ins Spiel...

Die New Yorkerin Naomi Novik, Jahrgang 1973, nutzt das Erbe ihrer polnischen Mutter, um eine authentische bäurische Gesellschaft zum Leben zu erwecken, die sicher dem ländlichen Polen des 19. Jahrhunderts ähnelt. Ihre europäischen Wurzeln sind auch in ihrer erfolgreichen Temeraire-Saga erkennbar, deren erster Band 2007 ebenfalls für einen Hugo nominiert war. Diese alternative Geschichte der napoleonischen Kriege, in denen die beteiligten Parteien über Luftstreitmächte in Form von Drachenreitern verfügen, ist natürlich stark beeinflusst von Anne McCaffreys (1926 - 2011) berühmter Reihe über die Drachenreiter von Pern (für eine Novelle daraus gewann sie als erste Frau überhaupt 1968 einen Hugo für Fiction, vier Romane daraus waren zwischen 1972 und 1992 nominiert). Naomi Noviks Drachen sind allerdings anders als beim Vorbild den Menschen mindestens ebenbürtige Intelligenzwesen, die lesen und (wenngleich anatomisch bedingt unbeholfen) schreiben können und ein Faible für höhere Mathematik haben. Leider kann man an Noviks Saga die gleiche Kurve von kommerziellem Erfolg und künstlerischem Niedergang wie bei McCaffrey beobachten. Den Drachen Seiner Majestät habe ich nach Band 6 aufgegeben (der 9. und angeblich letzte Band ist für nächstes Jahr angekündigt).

Umso größer war meine Freude über "Uprooted" (das übrigens noch nicht ins Deutsche übertragen wurde), das bereits den Nebula der Science Fiction Writers of America gewinnen konnte und nun auch mein Favorit bei den diesjährigen Hugos ist. Die Filmrechte hat sich bereits Ellen DeGeneres sichern lassen, aber wie immer in solchen Fällen steht es in den Sternen, ob da jemals was draus wird (die Temeraire-Rechte liegen übrigens seit langem bei Peter Jackson - siehe diesen Artikel von 2009!).

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