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Samstag, 2. März 2019

Wahnsinnig reiche ASIATEN (6/10)

Neben Black Panther gab es im amerikanischen Kinojahr 2018 noch ein weiteres kulturelles Phänomen. Crazy Rich Asians ist angeblich der erste amerikanische Film mit rein asiatischen Darstellern seit Jahrzehnten. Gemeint ist natürlich "der erste amerikanische Blockbuster". In den 90ern gab es schließlich durchaus profitable Filme von Ang Lee (seine Einwanderer-Trilogie mit dem Höhepunkt Das Hochzeitsbankett) und Wayne Wang (Töchter des Himmels - The Joy Luck Club). Trotzdem: Mit ähnlichem Enthusiasmus, mit dem Afroamerikaner Black Panther feierten, schlossen "Asienamerikaner" offenbar Crazy Rich Asians in ihr Herz. Viele zog es zum ersten Mal in ihrem Leben ins Kino. Da gibt es eine Marketinglücke, die jetzt zumindest mit Fortsetzungen ausgebeutet werden soll (die Romanvorlage von Kevin Kwan ist erster Band einer Trilogie).



Niemand würde auf die Idee kommen, einen Film namens "Wahnsinnig reiche Europäer" zu drehen und den dann um das schwedische Königshaus kreisen zu lassen (mit ein paar Dänen und Norwegern als exotischen Nebendarstellern). In Crazy Rich Asians kommen weder Inder noch Japaner vor, keine Vietnamesen, Koreaner und noch nicht einmal "echte" Chinesen. Es spielt im Stadtstaat Singapur, wo Malaisisch und Mandarin gesprochen wird, und die Hauptdarsteller sind zum Teil Amerikaner oder Briten mit ungefähr passender Herkunft, zum Teil Asiaten mit zumeist westlicher Filmerfahrung aus dem Großraum China. Doch selbst Singapur fühlte sich nicht angemessen repräsentiert. So wie es in Black Panther nicht um Afrikaner geht, interessiert sich Crazy Rich Asians nicht für Asiaten, sondern nur für das Selbstwertgefühl asienstämmiger US-Einwanderer. Das führte dann in den USA zum für eine romantische Komödie unerhörten Kassenumsatz von 175 Millionen Dollar (eine ansonsten für schwache Comicverfilmungen typische Größenordnung, siehe etwa X-Men: Apokalypse).

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Anderswo machte der Film niemanden reich. In Deutschland fiel der Marketingabteilung nichts besseres ein, als die Asiaten aus dem Titel zu entfernen. Als "Crazy Rich" gelangte die damit belanglose 08/15-Komödie nicht einmal in die Top100. Gern würde ich jetzt berichten, dass den deutschen Zuschauern da etwas entgangen ist. Ich wollte den Film mögen und hatte mir sogar die britische UHD-Blu-ray kommen lassen. Aber wenn man sich den kulturellen Ballast einmal wegdenkt, bleibt nur eine sehr schematische Komödie übrig, zwar mit sympathischen Darstellern, aber wenig Romanze, eher zum Schmunzeln als zum Lachen. Und wer sein Selbstwertgefühl darin findet, dass es auch in Asien fiese Milliardäre gibt, der tut mir schon ein wenig leid. Für den Vergleich mit dem schwedischen Königshaus muss ich mich schon fast entschuldigen, denn Gustav und Silvia leben sicher nicht im selben Prunk wie die vornehmste (=reichste) Familie von Singapur, unter matriarchischem Vorsitz von Eleanor Young (Michelle Yeoh) und ihrer greisen Mutter Ah Ma (die inzwischen 92jährige Lisa Lu) - die zu allem Überfluss auch noch Christen sind und damit für eine weitere Minderheit stehen (auch in Singapur weniger als 20 Prozent).

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Das adrette junge Paar im Zentrum der Romanze, Rachel und Nick, wird gespielt von Constance Wu (Fresh Off the Boat) und Neuling Henry Golding, und mit einem besseren Script hätten sie sicher ein paar Funken schlagen können. So sind die Nebenfiguren weitaus interessanter, wenngleich ihre Handlungsstränge dann auch eher frustrierend zerfleddern. Michelle Yeoh (Tiger & Dragon) als Nicks Mutter Eleanor zeigt ihre Starqualität (sie hätte bessere Rollen verdient), und die Londonerin Gemma Chan als Nicks Schwester Astrid ist nicht nur bildhübsch, sondern vermag auch eine unterschwellige Melancholie zu vermitteln (sie hat mir auch gut gefallen im ansonsten oberflächlichen amerikanischen Remake von Echte Menschen). Die Show stiehlt allerdings eine gewisse Awkwafina, Rapperin, Trompetenvirtuosin, Mandarin-Expertin, die schon als nerdiger Hacker in Ocean's Eight ein spaßiger Farbtupfer war und hier die Leinwand zum Explodieren bringt (was bei der dahinplätschernden Geschichte und der augenermüdenden Ausstattung hochwillkommen ist).

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Das Spannungsfeld zwischen der in New York aufgewachsenen Ökonomieprofessorin und dem Kronprinz der Milliardärsfamilie aus Singapur hätte sicher besser ausgeschlachtet werden können (und ist es nicht bezeichnend, dass Aschenputtel heutzutage einen akademischen Grad haben kann?) Die Regie von Jon M. Chu (Die Unfassbaren 2) wirkte auf mich ziemlich uninspiriert. Einzig die Musikauswahl mit einer Mischung aus Ost und West ist ganz nett. Ich habe eine Schwäche für angelsächsische Hits in chinesischer Interpretation: Money - oder auch hybride Originale: Waiting for Your Return. Und wer schon immer mal sehen wollte, wie man eine katholische Kirche für eine Hochzeit in einen Dschungel verwandelt (inklusive Bächlein, durch das die Braut zum Altar flaniert), der ist hier richtig aufgehoben. Ich selbst war vom Gebaren der Superreichen gelegentlich angeekelt, habe mich dann aber doch immer wieder von den netten Darstellern einfangen lassen. Nur das (Spoiler!) Happy End habe ich nicht so recht verstanden. Wird Rachel nun ihre Professur aufgeben, Nick sein Firmenerbe, oder wie will man sich arrangieren? Na ja, es müssen wohl noch Probleme für die Fortsetzung offenbleiben. Für die "erfolgreichste romantische Komödie seit einer Dekade" ziemlich mau. Tatsächlich hat das Genre eine Durststrecke (zuletzt herausragend war 2011, welch ein wahnsinniger Zufall, Crazy, Stupid, Love). Daher noch Ordentlich (6/10).

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