Nach einigen schwachen Darbietungen (Allied, War Machine) und einem privaten Pit Stop (Trennung von Angelina Jolie, Alkoholprobleme) zeigt Brad Pitt in diesem Jahr endlich mal wieder Starpower und ausgefeilte Figuren. Dabei könnten die beiden aktuellen Rollen des 55jährigen kaum unterschiedlicher sein. Vielleicht reicht es gerade deshalb im kommenden Frühjahr für seine vierte Oscar-Nominierung als Schauspieler (er gewann bereits einen Goldjungen als Produzent von 12 Years a Slave).
In Quentin Tarantinos "neuntem Film" Once Upon a Time... in Hollywood (im deutschen Verleihtitel wurden die Punkte weggelassen, um uns nicht zu überfordern) spielt Brad Pitt als Cliff Booth genauso brillant auf wie Co-Star Leonardo DiCaprio als Rick Dalton, wobei der Ältere (!) als Stuntdouble des Jüngeren möglicherweise in die Supporting-Kategorie verbannt werden wird. Die darstellerischen Leistungen sind auch schon das beste, was es über Tarantinos Epos zu vermelden gibt. Die drei Kinostunden sind selbst für Fans und Kenner des alten Hollywoods exzessiv, was leider auch für den Soundtrack gilt, wo bei einer Autofahrt schon mal fünf verschiedene Songs angespielt werden.
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Langweilig wird es dann aber doch nicht, zumindest wenn man wie ich bei der Sichtung von Michelle Phillips und Cass Elliot (für Laien: Mama Michelle und Mama Cass) eine Gänsehaut bekommt und zumindest schmunzeln muss, wenn DiCaprios Rick Dalton in eine ikonische Szene von Gesprengte Ketten hineinprojiziert wird. Das ist übrigens auch im Film nur ein Wunschtraum, und der tatsächliche Star Steve McQueen wird hier verblüffend authentisch verkörpert von Damian Lewis. Nicht schmunzeln konnte ich allerdings über Mike Moh als Bruce Lee. Diese schlechte Karikatur ist eine unreflektierte Fortsetzung der Demütigungen, die die Actionlegende in Hollywood über sich ergehen lassen musste, bevor er sich (erst kurz vor seinem viel zu frühen Tod) mit seinem Meisterwerk Der Mann mit der Todeskralle ("Enter the Dragon") international Respekt verschaffte.
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Aber dies ist eine der wenigen nicht so gelungenen Szenen. Dafür gibt es zum Beispiel eine rührende Sequenz zwischen DiCaprio und der zehnjährigen Julia Butters am Set der TV-Western-Serie Lancer. Auch das Casting von Schauspielersprossen funktioniert. Insbesondere die 24jährige Margaret Qualley, Tochter von Andy McDowell, ist umwerfend als Manson-Jüngerin Pussycat, die sich von Cliff Booth zur Manson-Farm chauffieren lässt.
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Des weiteren tauchen auf: Dakota Fanning, Lena Dunham, Rumer Willis (Tochter von Bruce Willis und Demi Moore) Harley Quinn Smith (Tochter von Kevin Smith) und Maya Hawke (die Tochter von Ethan Hawke und Tarantino-Spezi Uma Thurman war gerade prominenter zu begutachten in der enttäuschenden dritten Staffel von Stranger Things). Und dann gibt es noch Cameos von Kurt Russell (als Erzähler), Al Pacino (hua!) und Bruce Dern. In den Credits unterscheidet Tarantino dann auch die normale Crew und "die Gang", zu der auch Zoë Bell und Michael Madsen gehören.
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Und immer wieder bringt Margot Robbie als Sharon Tate die Leinwand zum Leuchten. Robbie als Tate schaut sich übrigens Tate als Freya Karlson in einer Kinovorstellung von Rollkommando ("The Wrecking Crew") an. Das war eine Krimikomödie mit Dean Martin als Superspion Matt Helm, umgeben von vielen schönen Frauen (u.a. Nancy Kwan). Immer wenn der verlebte 50jährige verführerisch wirken sollte, stolzierte er mit alkoholseliger Grimasse auf das Opfer zu, und aus dem Off erklang einer seiner Hits (die auch heute noch Frauenherzen zum Schmelzen bringen können). Auch Tate bekommt am Ende ihre Portion Dino ab, aber bis dahin brilliert sie eher mit komischem Slapstick (Stuntkoordinator war übrigens: Bruce Lee). Würde sich heute niemand mehr für interessieren, wenn es nicht diese Tragödie gegeben hätte, die auch ihren Schatten über Tarantinos Epos wirft und am Ende dann auch zur (einzigen) Gewaltorgie Anlass gibt, die mir persönlich eher den Magen umgedreht hat.
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Ich persönlich habe ansonsten kein Problem mit Tarantinos Umdichtung der Realität. Man darf halt nicht vergessen, dass dies keine Dokumentation ist, sondern eine für den Meister typische Geschichtsstunde, die seine sehr persönliche Sicht auf die Periode wiedergibt (was ja auch der Leone-inspirierte Titel betont). Wenn also Dalton und Booth ins Schwärmen geraten: "Roman F*cking Polanski, Regisseur von Rosemarys Baby", dann sprechen sie nur als Stellvertreter für den Regisseur, denn Roman Polanski erlangte erst Jahre später mit seinem Meisterwerk Chinatown Kultstatus.
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Once Upon a Time... ist also keine Katastrophe wie The Hateful Eight, aber auch kein neues Pulp Fiction. Der Film ist eine Anreihung teilweise toller Szenen, findet aber keinen Spannungsbogen. Tatsächlich glaube ich, dass diesmal die angedrohte Zweitverwertung als Miniserie bei Netflix sinnvoll sein könnte, da die Struktur ohnehin schon episodisch ist. Tarantino will nach dem zehnten Film (als Regisseur) aufhören, wobei seine Zählweise eigenwillig ist: Kill Bill zählt als ein Film (in Ordnung), aber sein Grindhouse-Beitrag Death Proof müsste eigentlich nur halb zählen, womit wir bei 8 1/2 angelangt wären (Filmkenner: grinst). Meine Wertung: ein großzügiges Gut (7/10).
Noch nie ist ein Mensch für eine Aussprache mit dem entfremdeten Vater weiter gereist als Roy McBride: Ad Astra. Gleich der Neptun muss es sein, nach der Degradierung von Pluto der äußerste Planet unseres Sonnensystems, wobei Regisseur James Gray und sein unbekannter Co-Autor Ethan Gross offenbar mit Science nichts am Helm haben. Die Reise vom Mond zum Mars dauert drei Wochen, aber unterwegs fängt man einen Notruf ab, stoppt mal eben, um zu helfen, und düst dann weiter. So funktioniert Raketentechnik nicht. Auch kommt man auf dem Weg vom Mars zum Neptun nicht einfach an Jupiter und Saturn vorbei. Das ist eine Verkürzung des Planetensystems auf eine Dimension! Ansonsten hinterlässt McBride auf seiner Reise eine verblüffende Anzahl von Weltraumleichen (in naher Zukunft ist man sogar auf dem Mond nicht vor Piraten sicher). Da war selbst Passengers konzeptionell überzeugender, und Vergleiche mit Gravity lasse ich gar nicht erst zu.
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Na gut, dann ist dies also eine Science-Fiction-Hülle mit ein paar eingestreuten Actionszenen für ein Vater-Sohn-Drama. Das ist aber im Endeffekt auch nicht sehr überzeugend. Was im Gedächtnis bleibt, ist Brad Pitts zentrale Performance als Major Roy McBride, selbst ein Weltraumheld und doch überschattet von seinem legendären Vater. Tatsächlich sind alle anderen kaum mehr als Statisten: Liv Tyler als seine Ex, Ruth Negga als Mars-Administratorin, der 84jährige Donald Sutherland als Kollege von McBrides Vater, und schließlich der 72jährige Tommy Lee Jones als besonders stoischer Clifford McBride. Es erschließt sich mir allerdings nicht, warum man einen solchen Star castet und ihm dann nichts zu tun gibt. Aber eben: Brad Pitt, bedächtig, mit hypnotisierenden inneren Monologen, unterstützt von Max Richters sphärischen Weltraumklängen. Muss halt jeder selbst beurteilen, ob er diese zweistündige Reise mit ihm antreten möchte. Für mich war's annehmbar (5/10).
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