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Sonntag, 29. September 2019

Klassiker auf Blu-ray #23: Local Hero (Bill Forsyth, 1983)

1982 war in Großbritannien die Welt schon nicht mehr in Ordnung. Das war zwar lange vor dem Brexit, aber Margaret Thatcher war schon einige Jahre im Amt, hatte den Falklandkrieg angezettelt, damit begonnen, das soziale Netz rigoros abzubauen und eine schonungslose Industrialisierung voranzutreiben. Da kommt in einem kleinen schottischen Fischerdorf der junge Amerikaner Mac MacIntire (Peter Riegert) an, Akquisiteur des Ölkonzerns Knox von Felix Happer (Burt Lancaster). Er soll das Dorf, den Strand und überhaupt alles bis eine Meile inland aufkaufen, für den Endpunkt einer Pipeline und den Bau einer Raffinerie. Entgegen den Erwartungen hängen die Dorfbewohner, repräsentiert vom Hotelier, Buchhalter und gelegentlichen Barkeeper Urquhart (Denis Lawson), überhaupt nicht an ihrem Lebensstil und ihren Fischgründen und geben in Gedanken bereits die verheißenen Millionen aus. Wer also wird zum Helden auserkoren, der die Idylle vor dem Ausverkauf retten kann?



Local Hero entspricht so gar nicht den gängigen Klischees. Es gibt kein Aufbäumen Davids gegen Goliath, keine überhitzten politische Diskussionen, keine Rettung in letzter Sekunde. Regisseur und Autor Bill Forsyth (Jahrgang 1946) hatte zuvor mit That Sinking Feeling (1979) und Gregory's Girl (1980) hübsche kleine Sozialdramen gedreht (die auch "Kitchen Sink Dramas" genannt wurden), doch niemand hatte von ihm ein solch lyrisches, universellen Werk erwartet. Es war ein Glücksfall des britischen Kinos, begünstigt von einem ansehnlichen, obwohl immer noch bescheidenen Budget von etwa vier Millionen Pfund, möglich durch den Sog des überraschenden Oscargewinners des Vorjahrs, die Stunde des Siegers ("Chariots of Fire"). Dieses konventionelle Sportdrama bleibt vor allem durch seinen Vangelis-Triumphmarsch im Gedächtnis, welchen Forsyth übrigens in einer kleinen Hommage kurz zitiert. Forsyth selbst hat das Filmemachen offenbar bereits 1999 aufgegeben, offenbar konnte er die Diskrepanz zwischen erforderlicher Anstrengung und künstlerischem Erfolg nicht überbrücken (das lese ich jedenfalls aus dem aktuellen Interview, welches das Kronjuwel der Jubiläumsedition ist).

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Local Hero lebt ganz von seinen Figuren, die vielleicht auch deshalb authentisch wirken, weil abgesehen von Burt Lancaster keine Stars besetzt wurden. Für mich ist dies allerdings, neben der Hauptrolle in Louis Malles Atlantic City, Lancasters bewegendste Altersrolle (er war gerade 70 und starb zehn Jahre später). Ansonsten ist allein der Glasgower Peter Capaldi berühmt geworden, damals als 24jähriger der schottische Vertreter Oldsen des Konzerns, inzwischen natürlich der 12. Doctor Who. Frauen lernen wir übrigens in dieser schottischen Männergesellschaft wenig kennen. Es gibt lediglich Urquharts bezaubernde Frau Stella (zu Darstellerin Jennifer Black bietet die IMDB nicht einmal ein Porträtfoto) und die diplomierte Meerjungfrau Marina (Jenny Seagrove), in die Oldsen verschossen ist. Die sich entwickelnde Romanze ist aber nur leise angedeutet, wie man überhaupt viel zwischen den Zeilen lesen muss. All das geschieht vor dem Hintergrund der herrlichen schottischen Locations (Forsyth gibt im Interview verschämt zu, dass er gemogelt und Bilder der West- und Ostküste gemischt hat). Ein besonderer Clou ist Happers Leidenschaft für den Sternenhimmel. Er hofft, einen Kometen zu entdecken und sinniert noch über den richtigen Namen: "Happers Komet" oder "Komet Happer" vielleicht? Daher hat Mac auch einen Nebenauftrag, nämlich auf gewisse Sternbilder zu achten und Sichtungen sofort zu melden. Hier kommt die rote Telefonzelle des Dorfs ins Spiel, ein Relikt, welches jungen Leuten heute höchstens noch als Tardis bekannt ist.



Und dann gibt es noch die besondere Zutat, die für sich allein vielleicht bereits Local Hero zu fortwährendem Ruhm gereicht. Und das ist natürlich die Filmmusik von Dire-Straits-Mastermind Mark Knopfler. Soundtracks waren mehr ein Hobby des Weltklassegitarristen. Sein berühmtester Film in dieser Funktion war 1987 Die Braut des Prinzen, aber dessen effektive Klanguntermalung unterschied sich grundsätzlich von Local Hero, in dem die Musik fast als eigener Charakter auftritt, sowohl bei der Untermalung der Landschaftsaufnahmen als auch bei den folkloristischen Amateur-Darbietungen beim Ceilidh-Tanz. Erst ganz am Ende ertönt das triumphale Saxofonsolo von Mike Brecker zum Titelsong. Knopfler war damals, nach dem Erfolg von Love over Gold (meines Lieblingsalbums von Dire Straits), auf der Höhe seiner Kompositionskunst, und Going Home bot im Folgejahr auch ein passendes Finale für das grandiose Live-Album Alchemy. Bill Forsyth gewann 1984 für Local Hero den BAFTA als bester Regisseur, Mark Knopfler ging leider leer aus. Die Amerikaner konnten mit der versponnenen schottischen Geschichte nichts anfangen (obwohl die Darsteller ihren schottischen Akzent stark unterdrückt hatten), bei den Oscars war von Local Hero nicht die Rede. Immerhin vergab Roger Ebert in seiner liebevollen Rezension die Höchstwertung von vier Sternen.

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Ich selbst habe Local Hero erst in meiner Studienzeit lieben gelernt, bei einer der vielen Retrospektiven in den Münsteraner Programmkinos. Erst jetzt, nachdem ich die mäßige DVD schon vor Jahren abgestoßen hatte, wurde der Film sorgfältig in 2K-Qualität neu abgetastet und ist nun in den USA (via Criterion) und im UK (via Spirit Entertainment) in hochwertigen Blu-ray-Ausgaben erschienen. Zum erwähnten halbstündigen Interview mit Bill Forsyth gesellt sich in meiner UK-Ausgabe ein Gespräch mit Mark Knopfler - die 70jährige Legende erinnert sich auch heute noch gern an die Zusammenarbeit und arbeitet gerade an einer Musical-Version der Geschichte. Vielleicht erbarmt sich ja noch ein deutscher Verlag dieses Kleinods - bis dahin empfehle ich den Import, möglichst vor dem Brexit (bei dem Zollprobleme vorprogrammiert sind).

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