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Samstag, 12. Oktober 2019

Witzlos: Joker (1/10)

Joker beginnt widersprüchlich, steigert sich dann in eine Kakaphonie des Beliebigen und kriecht dann in einem jämmerlichen Anticlimax über die Schlusslinie. Seine Spannung beschränkt sich auf die Hoffnung, dass die Tortur bald vorbei sei, und seine Pointen sind so vorhersehbar wie der Bart eines alten Witzes. Der Trailer suggeriert einen operettenhaften Thriller, der Film dümpelt für 122 Minuten vor sich hin. Am Ende wird aus der Hauptfigur ein vages Symbol der Unzufriedenheit, mit einem holprigem Manifest zur Anarchie. Bis dahin liegt über jeder Szene eine bleierne Bedeutungsschwere, denn dies soll ja die Comicverfilmung werden, die auch Martin Scorsese als Film anerkennt (der Meister hat gerade eine Kontroverse ausgelöst, indem er sich abfällig über das Marvel-MCU geäußert hat). Und die Massen fallen drauf rein, erst recht die Über-Nerds, die dieses Machwerk in die Top10 der IMDB gewuchtet haben.



Regisseur und Co-Autor (mit Scott Silver, 8 Mile) Todd Phillips etabliert sich hier als Anti-Tarantino. Er zitiert und paraphrasiert die Filmgeschichte, hat seine Vorbilder aber nicht verstanden und verhunzt jeglichen Bezug. Robert De Niro spielt einen Talkshow-Host wie einst sein Co-Star Jerry Lewis in King of Comedy, nur völlig ohne Ironie oder Chuzpe (wenngleich natürlich kompetent). Es gibt  Gewaltexzesse wie in Taxi Driver, aber sie sind nicht als Spannungsentladungen konzipiert, sondern als willkürliche Ausschläge des Drehbuchseismographen. Einfachste Regeln werden missachtet, so etwa diese: Werden Superratten in einem Film eingeführt, müssen diese irgendwann auch zubeissen! Die Auflösung des ohnehin nicht besonders originellen Twists um die hübsche Nachbarin (Deadpools Domino Zazie Beetz) ist so unfassbar missglückt, dass ich die Leistung des Cutters Jeff Groth extra herausheben muss. Als Komödienspezialist sollte Phillips eigentlich etwas von Timing verstehen, aber aus den Hangover-Filmen hat er offenbar nur sein mangelndes Gespür für Subitilität mitgebracht. Nicht dass ich Fan dieser erfolgreichen Brachialkomödien wäre, die immerhin Bradley Cooper und Zach Galifianakis zu Stars machten (wobei es strittig ist, ob letzterer wirklich eine Bereicherung ist). Die Hangover-Trilogie setzt Komplizenschaft des Zuschauers voraus. Wer nicht über die Demütigung von Minderheiten lachen kann, bleibt außen vor.

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Joaquin Phoenix möchte soo gern einen Oscar gewinnen! In seinen drei bisherigen Nominierungsjahren gab es aber immer jemand, der klar besser war: Benicio Del Toro (Traffic) im Gladiator-Jahr 2001, Philip Seymour Hoffman (Capote) 2006 gegen seinen Johnny Cash in Walk the Line, und Daniel Day-Lewis (Lincoln) 2013 gegen Freddie Quell in The Master. Ich mag Joaquin durchaus, sein Johnny Cash war spot-on, und in der Hauptrolle von Her war er fabelhaft. Aber gegen das Potential seines jüngeren Bruders River wirkte er immer etwas blass. Dieses kann man etwa in der brandneuen 4K-Ausgabe von Rob Reiners gelungener King-Verfilmung Stand By Me erkennen, doppelt bittersüß, weil sowohl River als auch seine Figur Chris früh sterben mussten. Ein anderer Vergleich wiegt schwerer - Heath Ledgers Joker wirkte wie gewaltsam einem Comic entsprungen, brillant und verstörend, over the top und doch nachvollziehbar. Mir ist der Dark Knight zu düster, aber Ledgers Performance bleibt für die Ewigkeit. Phoenix' Joker kann man gerade mal attestieren, Jared Leto aus dem Suicide Squad übertroffen zu haben (aber da lag die Messlatte schon ganz am Boden). Schauspielern ist halt mehr als Mut zur Hysterie. Für die kommenden Academy Awards gilt Joaquin trotzdem vielen als Favorit, aber es sind ja noch ein paar Monate bis dahin. Meine Hoffnung ist, dass die immer noch überaltete Akademie vor den Gewaltszenen zurückschreckt und sich für jemand anders entscheidet. Wie auch immer,  den MTV-Award für das beste Lachen hat Phoenix bereits sicher.

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Joker steht weder als Psychodrama für sich allein, noch fügt es sich in das Batman-Universum ein, Bei vielen Kartenspielen ist der Joker Platzhalter für eine beliebige Karte. Hier steht er für eine Karte, die es gar nicht gibt: die Null. Und da der Film auch weder Trümpfe noch Geheimnisse zu bieten hat, handelt es sich für mich um einen Null ouvert. Es lebe der Nihilismus! Ärgerlich (1/10)

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