Vier miteinander verflochtene Episoden werfen ein Schlaglicht auf den amerikanischen Drogenmarkt. Mit spröden, dokumentarisch anmutenden Bildern, durch Farbfilter verfremdet, die mexikanischen Szenen gar in untertiteltem Spanisch, wird die Geschichte einiger typischer Vertreter dieser Welt erzählt: der Drogenbeauftragte der Regierung (Michael Douglas), dessen Tochter selbst der Sucht verfällt; die FBI-Agenten (Don Cheadle und Luis Guzmán), die ihre Hoffnung auf die Überführung eines Drahtziehers nicht aufgeben, aber meist nur kleine Fische an der Angel haben; die Frau eines verhafteten Drogenbosses (Catherine Zeta-Jones), die nach kurzem Schock ihre Skrupel über Bord wirft und die Geschäfte ihres Mannes weiterführt; der mexikanische Cop (Benicio del Toro), der verzweifelt an seinen Idealen festhält, aber im Sumpf der Korruption zu versinken droht.
Steven Soderbergh hat wieder einmal ein vorzügliches Ensemble versammelt. Trotzdem ist er selbst der eigentliche Star (und hat daher auch zu Recht den Regie-Oscar gewonnen). Neben der künstlerischen Anerkennung kommt ein kaum zu erwartender Erfolg an den Kinokassen. Ich muß zugeben, daß ich nicht weiß, wie er das gemacht hat. Man kann sich kaum ein sperrigeres, unzugänglicheres Thema aussuchen, und dann greift er noch tief in die inszenatorische Trickkiste. Ihm gelingt es, über fast zweieinhalb Stunden eine unglaubliche Spannung aufzubauen. Das Zusehen erfordert Aufmerksamkeit, aber schnell wird man dafür belohnt und regelrecht ins Geschehen hineingesaugt. Jede Geschichte für sich hätte das nicht vermocht - es gibt kaum Action, emotionale Momente werden nicht ausgekostet, sondern geschickt auf den Punkt gebracht, um dann zum nächsten Handlungsstrang überzublenden. Soderbergh hat einen neuen Ton gefunden, eine Filmsprache, die trotz aller künstlerischer Tricks wahrhaftig und unterhaltsam ist. Damit ist er in meinen Augen erfolgreicher als andere seiner Kollegen. Im letzten Jahr waren das z.B. Paul Thomas Anderson mit dem ähnlich langen, aber viel anstrengenderen und schlußendlich unbefriedigenden Magnolia, außerdem Michael Mann mit dem technisch beeindruckenden, aber inhaltsleeren Insider.
American Beauty, das Meisterwerk des letzten Kinojahres, karikiert vordergründig eine amerikanische wohlhabende Durchschnittsfamilie. Eigentlich aber ist es eine Ode an die Schönheit des Lebens. Traffic, der bisher beste Film des aktuellen Jahres, hat natürlich auch einen "doppelten Boden" (um einen Lieblingsbegriff von Marcel Reich-Ranicki zu benutzen). Sein Thema ist tatsächlich die Drogenproblematik, aber es handelt sich nicht um eine umfassende Analyse der Situation, wie man anhand der Handlungsbeschreibung vermuten könnte. Die Aussage ergibt sich vielmehr aus der Art der Schilderung. Keine Figur ist Herr der Situation; wir erleben sozusagen die Froschperspektive des kleinen Mannes. Und was der vom Gesamtmosaik erkennen kann, ist so unscharf und verwackelt wie die Bilder von Kameramann Soderbergh (!). Obwohl das Drehbuch allen Handlungssträngen eine Art Happy End zugebilligt, wird gezeigt, daß die Situation sich durch ihre Komplexität jeder umfassenden Darstellung entzieht und eine Gesamtlösung kaum denkbar erscheint. Die bisherige filmerische Herangehensweise an dieses Thema war die Isolation eines einzelnen Verbrechers oder Verbrecher-Syndikates. Allein diese Vereinfachung schafft die Illusion der Lösbarkeit des Problems. Traffic dagegen führt uns schonungslos die Naivität einer Politik vor Augen, die eine Beendigung von Anbau und Verbreitung der Drogen allein durch polizeiliche Maßnahmen für möglich hält. Es wird die Doppelzüngigkeit der Moralapostel gegeißelt, die illegale Drogen verdammen, gleichzeitig aber reichlich dem Alkohol zusprechen (der für amerikanische Jugendliche offenbar schwerer zu beschaffen ist als Heroin). Das Grundproblem ist nicht der Zugang zu Betäubungsmitteln, sondern die Langeweile und Perspektivelosigkeit, die junge Menschen in die Arme der Dealer treibt. Umgekehrt macht Geld allein offenbar respektable Bürger, auch wenn ihr Vermögen ganz offensichtlich nicht mit legalen Mitteln erwirtschaftet wurde.
Das erste Meisterwerk des neuen Jahrzehnts (10/10).
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