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Sonntag, 18. Oktober 2015

Botaniker im All: Der Marsianer (6/10)

Eigentlich hatte ich nach Interstellar nur wenig Lust, nochmals Matt Damon im Raumanzug zu ertragen. Und der zugrunde liegende Roman von Andy Weir, von SF-Kennern nicht gerade respektiert, liest sich wohl eher wie ein Do-It-Yourself-Handbuch zum Überleben auf dem Mars. Tatsächlich nahm ein erschreckend hoher Prozentsatz amerikanischer Zuschauer an, Der Marsianer beruhe auf einer wahren Geschichte. Immerhin haben Genre-Altmeister Ridley Scott und Drehbuchautor Drew Goddard (Cabin in the Woods) dem drögen Stoff genug Leben eingehaucht, um die 140 Minuten (eine Minute pro Million Meilen Reisestrecke) unterhaltsam und einigermaßen abwechslungsreif zu gestalten. Trotzdem wurde ich das Gefühl nicht ganz los, bloß einen aus den Fugen geratenen NASA-Werbefilm zu erleben.

Was passiert, ist banal: Während der dritten Marsmission geraten die gelandeten Astronauten in einen Sturm (alle Beteiligten geben übrigens zu, daß das in der dünnen Marsatmosphäre nicht passieren könnte) und müssen ihren Kollegen Mark Watley zurücklassen, in der begründeten Annahme, er sei von Trümmerteilen erschlagen worden. Der Botaniker hat allerdings überlebt und muß sich nun von selbst angebauten, mit seinen Exkrementen gedüngten Kartoffeln ernähren. Es dauert Monate, bis ihm eine Kommunikation mit NASA gelingt, und es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit um seine Rettung. Klar ist, daß er bis zur nächsten regulären Landung in vier Jahren nicht überleben kann.Eines kann ich mir dabei nicht erklären: Warum schickt man einen Botaniker zum Mars? Und wenn Watley nun Zoologe gewesen wäre, hätte er dann Karnickel statt Kartoffeln gezüchtet?

Zunächst ist es durchaus spannend zuzusehen, mit welch erfindungsreichen Mitteln Watley seine Probleme löst. Mehr und mehr stellt sich aber heraus, daß der Marsianer ein Teflon-Held ist. Angst und Frustration perlen von ihm ab, wenn er ein Hindernis nach dem andern mittels "der Wissenschaft" überwindet ("I'm going to science the shit out of you!"). Er ist eher verwandt mit Edgar Rice Burroughs' John Carter als mit Sandra Bullocks Ryan Stone. Während Gravity ganz nah dran war an seiner Hauptfigur, beobachten wir Mark Watley fast aus dem Orbit, und von dort sieht man halt nur die - für manche durchaus attraktive - Oberfläche, wenn etwa in der ersten Hälfte Matt Damon mehr als einmal seinen muskelbepackten Oberkörper entblößt (gegen Ende sieht man dann nur noch ein abgemagertes Body-Double).

Ein gefühltes Drittel des Films zeigt die Anstrengungen der NASA, eine Rettungsmission auf die Beine zu stellen, und ab und zu Watleys Kollegen auf ihrer Rückreise in der Ares 3. Bei der Besetzung der zahlreichen Nebenrollen konnte Sir Ridley aus dem vollen schöpfen, was aber ein gewisses Ungleichgewicht erzeugt. Jeff Daniels, Chiwetel Ejiofor und "Boromir" Sean Bean  als NASA-Funktionäre sagen brav ihre Texte auf, und Nachwuchstars aus der zweiten Reihe (Kate Mara, Sebastian Stan) haben glorifizierte Komparsenrollen. Lediglich Jessica Chastain als Kommandantin der Ares wirkt authentisch, ansonsten hinterlassen immerhin "Kublai Khan" Benedict Wong und die junge Mackenzie Davis als NASA-Techniker einen bleibenden, sympathischen Eindruck.

Die entscheidende Rettungsaktion gelingt übrigens nur mit Hilfe der chinesischen Weltraumbehörde, eine schöne Geste, die man zwar als Anbiederung an den asiatischen Markt verstehen kann, die aber wohl schon im Roman vorkam. Das ändert aber nichts daran, daß wir es hier mit kommerziellem Kino des kleinsten gemeinsamen Nenners zu tun haben, Science Fiction Light sozusagen, die bei den Hugo-Wählern genauso durchfallen wird wie zuletzt das überkandidelte Interstellar. Ridley Scott hat schon mit dem wurmstichigen  Prometheus nicht gerade an seine Klassiker Alien und Blade Runner anknüpfen können. Der Marsianer hat immerhin einen durchgehenden Unterhaltungswert. Ordentlich (6/10).

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