Die folgenden Ausführungen enthalten Spoiler!
Thematisch muß man den Drogenthriller (unvorteilhaft) mit Soderberghs Meisterwerk Traffic vergleichen. Vielschichtigkeit kann man Sicario allerdings nicht vorwerfen, und die Handlung entpuppt sich am Ende als noch geradliniger als erwartet. Emily Blunt (Edge of Tomorrow) spielt die idealistische FBI-Agentin Kate, die ein CIA-Team bei einem Schlag gegen ein mexikanisches Drogenkartell unterstützen soll. Sie soll die Identifikationsfigur für den Zuschauer sein und wird von der bizarren Vorgehensweise der Kollegen genauso überrollt wie wir. Da gibt es Schußwechsel inmitten von Zivilisten, paramilitärische Einsätze an der Grenze nach Mexiko, Folter und Exekutionen. Schließlich stellt sich heraus, daß Kates Anwesenheit die Operation des CIA sogar teilweise legitimiert, denn dieser darf auf amerikanischem Boden nicht ohne Verbindung mit einer weiteren Behörde agieren. Die Motivation der CIA-Agenten (angeführt von einem unpassend dauerheiteren Josh Brolin) bleibt unklar, ein übergeordnetes Ziel könnte die Konzentration des Drogenhandels auf ein einziges, von Amerikanern lenkbares Kartell sein. Vielleicht wird auch nur, eher holprig, die Rachegeschichte des Sicarios (=Hitman) Alejandro erzählt, vom ausgerechnet für Traffic Oscar-prämierten Benicio Del Toro eher routiniert als charismatisch dargestellt. Das zwischendurch immer mal wieder aufgegriffene, platt ominös angelegte Familienidyll eines seiner späteren Opfer bleibt Staffage. Das endgültige Scheitern des Films zeigt sich in meinem Wunsch als Zuschauer, daß Kate am Ende Alejandro einfach abgeknallt hätte. Dabei soll die Entscheidung ihrer Figur ja eigentlich die moralische Überlegenheit zurückgewinnen, die ihr im Laufe der Geschichte mehr und mehr entglitten war.
Villeneuve gesellt sich damit zu einer Reihe von Regisseuren (etwa Michael Mann, Brian de Palma), die das Medium zwar technisch beherrschen, aber selten inhaltlich bereichern. Das belegen auch sein mittelmäßiges, Oscar-nominiertes Familiendrama Die Frau die singt von 2010 und sein grauenvoller Selbstjustiz-Thriller Prisoners (mit Jake Gyllenhall und Hugh Jackman) vom vorletzten Jahr. Es ist merkwürdig, daß der Kanadier jetzt mit seinem Landsmann Jean-Marc Vallée befreundet zu sein scheint. Der Regisseur von Dallas Buyers Club und Wild könnte künstlerisch kaum weiter von ihm entfernt sein. Den allgemeinen Jubel für Sicario (IMDB-Schnitt: 8,1/10, Metascore: 83/100) kann ich jedenfalls nicht teilen. Erträglich (4/10).
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