Obwohl an sich eher Fantasy, entspringen immerhin die Voraussetzungen dieses postapokalyptischen Romans der Science Fiction. Im achten Jahrtausend unserer Zeitrechnung, fünftausend Jahre nach einem katastrophalen Atomkrieg, sind die Menschen nicht mehr die Herrscher der Natur, sondern müssen in einer feindseligen Umgebung um ihr Leben kämpfen. Schreckliche Mutationen sind durch den Strahleneinfluß entstanden: riesige Frösche und Schnecken, übergroße Raubkatzen und Fledermäuse, undefinierte Monster am Grunde von Teichen und Seen. Überhaupt geht der Trend in Richtung Gigantomanie, Godzilla läßt grüßen. Es gibt aber auch freundliche Entwicklungen, und die Menschen kultivieren neue Haustiere, die an Elche, Büffel oder Känguruhs erinnern. In den Nachfahren von Bären, Bibern und Hauskatzen finden sie sogar Verbündete, die Intelligenz und Kultur entwickelt haben. Leider gibt es auch weniger wohlgesonnene Intelligenzen unter dem Sammelnamen der "Unreinen", die natürlich die Weltherrschaft anstreben und die Macht des Atoms wiederbeleben wollen. Ihre Anführer haben telepathische Fähigkeiten, wie auch einige Auserwählte der "Guten". Die ziemlich klare Grenze zwischen Gut und Böse erinnert stark an Tolkien, etwaige Grauzonen werden schnell als Mißverständnisse aufgeklärt.
Der Titelheld Hiero ist für mich eine der originellsten Figuren der Fantasy schlechthin. Nominell ein Mönch und Nachfahre kanadischer Ureinwohner ("Indianer"), ist er Soldat, Gelehrter und Priester in einer Person, ein Lederstrumpf der Zukunft, teils konservativ, teils progressiv. Sein bei Ottowa gelegenes Kloster scheint eher protestantisch geprägt; tatsächlich trifft er im "Süden" (=Delaware) auf eine für ihn pervertierte, an Katholizismus angelehnte religiöse Sekte mit Zölibat und arroganten Würdenträgern. Er selbst darf durchaus heiraten, eine Prinzessin sollte es aber schon sein ;-) Und wie es sich für einen solchen Helden gehört, wachsen seine Fähigkeiten an den Herausforderungen, und im Bedarfsfall finden sich neue Verbündete.
Hieros Reise ist eine klassiche Abenteuergeschichte, in der Tradition des Goldenen Zeitalters der Science Fiction. Die Figuren sind zweidimensional, aber liebevoll gezeichnet, und die Welt ist mit atemberaubender Fantasie gestaltet. Abwechslungsreiche Hindernisse sorgen für kaum nachlassende Spannung, und trotzdem fühlt man sich geborgen in der Gesellschaft dieses postapokalyptischen Odysseus. Ein abschließendes Happy End steht nie in Frage, auch wenn Hieros offizieller Auftrag, die Erforschung und Reaktivierung der mystischen vor-apokalyptischen "Computer", ein wenig bizarr erscheint. Auch die ökologische Botschaft wirkt aufgesetzt und naiv, das war in den 70ern (zu Zeiten der "Ölkrisen") allerdings im Trend. Dem Lesevergnügen tut das alles keinen Abbruch, und Hiero hat zu Recht auch heute noch viele Fans.
Die Kindle-Ausgabe ist leider mit über acht Euro unverschämt teuer, vor allem wenn man die grauenvolle Formatierung berücksichtigt. Zwar sind wohl viele Druckfehler gegenüber einer früheren Edition korrigiert worden, aber immer noch sind die Absätze durch viel Leerraum getrennt, und darüber hinaus finden sich viele Umbrüche mitten im Satz, was den Lesefluß deutlich stört. Den Nachfolgeband (The Unforsaken Hiero, 1983) gab es meines Erachtens schon mal im Shop, momentan ist er leider nicht mehr zu finden. Er ist genauso lesenswert wie der erste Band (diese Rezension bezieht sich im Grunde auf beide Romane), den Abschluß der geplanten Trilogie ist dem Autor leider vor seinem Tod nicht mehr gelungen.
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