Als Stan Laurel im Februar 1965 starb, waren Steve Coogan (*14.10.1965) und John C. Reilly (*24.5.1965) noch nicht geboren. Genauso wie ich müssen sie ihn über Fernsehausstrahlungen entdeckt haben, anders als ich immerhin unter dem Label Laurel & Hardy. In Deutschland wurden sie als Dick & Doof ins Kinderprogramm verbannt, insbesondere ihre Kurzfilme vom Ende der Stummfilmzeit (1927/28). Dabei boten insbesondere ihre "langen" Tonfilme (selten länger als 60 Minuten) Unterhaltung für die ganze Familie.
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Ihre Geschichten beruhten oft auf Wiederholung und Eskalation. Selten wurde Spannung oder Pathos aufgebaut, und doch sind sie auch heute noch faszinierend. Ihre Zeitlosigkeit verdanken sie vor allem den komischen Einfällen von Stan Laurel, der zwar praktisch nie als Autor, geschweige denn als Regisseur aufgeführt wurde, aber unermüdlich Situationen und Gimmicks erfand und in allen Phasen des Drehs der kreative Kopf war. Seine Einfälle ergänzten die handfesten Prügeleien und Zerstörungsorgien um eine surreale Komponente. Da gibt es sein Daumenfeuerzeug aus Way Out West, das er ein Jahr später in Blockheads pfiffig zitierte beim Versuch, seine Handpfeife zu entzünden. Im Blockheads-Treppenhaus ist es Stans raffiniertes Spiel mit Schattenjalousien. Mehr noch als Sons of the Desert von 1933 (der unter anderem Pate stand für den auch heute noch aktiven Fanclub) ist für mich Way Out West von 1937 mein Lieblingsfilm von Laurel & Hardy. Es gibt dort einen irrsinnigen Stunt mit einem Maultier, aber die wärmste Erinnerung gilt dem Tänzchen und anschließenden Lied der beiden Komödianten.
Mit diesem Tänzchen beginnt und endet auch Jon S. Bairds Biographie Stan & Ollie (Drehbuch: Jeff Pope nach einem Tatsachenbericht von A.J. Marriot). Nach einem kurzen Einblick auf die Dreharbeiten ihres berühmten (und damals megaerfolgreichen) Westerns springen wir ins Jahr 1953. Nachdem Stan Laurel sich 1939 im Streit vom ausbeuterischen Produzenten Hal Roach (Danny Huston) getrennt hatte, war das Duo vom Glück verlassen und lieferte nur noch eine Handvoll mittelmäßige Filme. Tragischer war, dass sie keinerlei Rechte und damit auch keine finanziellen Erträge aus ihren frühen Erfolgen hatten. In dieser Situation starteten sie eine Theatertour durch Großbritannien und Irland, die zur Abschiedstournee geraten sollte (Oliver Hardy erlitt gegen Ende einen Herzinfarkt und starb im August 1957). Das ist eine herzzerreißende Geschichte, die nur erträglich ist durch die authentische Rekonstruktion ihrer komischen Auftritte und das Porträt der tiefen Freundschaft dieser zwei so unterschiedlichen Männer. Und obwohl ich so viel Lob über Laurel ausgeschüttet habe (der wie Chaplin, Keaton, Lloyd und Groucho Marx zu den großen Komikern seiner Zeit gezählt werden muss), so ist sein Erfolg doch untrennbar mit Ollie verknüpft, dem Tollpatsch mit dem weichen Äußeren und weichen Kern, den alle nur Babe nannten. Trotz seiner Statur war der übrigens der Frauenheld der zwei und konnte mit seinem niedlichen Winken bis zum Schluss noch die Frauen betören.
Steve Coogan ist im UK einer der beliebtesten Komiker, im Ausland allerdings weniger bekannt. Sein Versuch, in David Nivens Fußstapfen zu treten, scheiterte 2004 spektakulär im Remake von In 80 Tagen um die Welt, welches allerdings ohnehin mehr als Jackie-Chan-Vehikel konzipiert war. Als Stan Laurel ist er ideal besetzt (der wurde übrigens in Lancashire geboren und emigrierte mit etwa 20 Jahren in die USA). Er trifft dessen Manierismen perfekt, so etwa das typische Haareraufen, nähert sich gekonnt dessen Tonfall an und lässt doch stets die Intelligenz hinter der Fassade des Blödian erkennen. John C. Reilly, der ebenfalls Erfahrung als Witzfigur hat (Walk Hard), aber auch dramatische Rollen stemmen und für Chicago sogar eine Oscar-Nominierung vorweisen kann, ist ihm ebenbürtig, muss allerdings gegen heftige Prothesen und einen schweren Fettanzug anspielen. Die berühmten Double Takes und die typische Missbilligung von Stans Eskapaden gelingen ihm trotzdem tadellos.
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Stan & Ollie war an den Kinokassen nicht besonders erfolgreich. Keine Ahnung, ob das daran liegt, dass die beiden Legenden längst vergessen sind, oder ob dem Publikum die Handlung zu deprimierend war. Sicherlich ist die Geschichte recht konventionell und ohne großes filmisches Flair erzählt, aber das passt eigentlich sehr gut zum Thema. Ich war jedenfalls mehr davon angetan als von den erfolgreichen Musikerbiographien der letzen Jahre (Bohemian Rhapsody, Rocketman). Sehr gut (8/10).
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Gerade ist hierzulande immerhin die Blu-ray von Stan & Ollie veröffentlicht worden, wenngleich ohne viele Extras. Nur im UK gibt es eine Blu-ray-Ausgabe mit fünf der besten Stan&Ollie-Filmen, die allerdings vermutlich auf den gleichen Mastern wie die deutschen DVD-Ausgaben beruhen. Eine saubere Restauration ihrer Klassiker steht noch aus, was leider auch für Chaplins Meisterwerke gilt (merkwürdigerweise gilt die Aufmerksamkeit der Verlage in letzter Zeit eher Buster Keaton, der lange Zeit komplett in Vergessenheit geraten war).
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