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Sonntag, 17. Juni 2018

Die Hugo-Finalisten 2018: Novellen

Während die Auswahl in der Kategorie "Roman" in diesem Jahr sehr enttäuschend ist - es sieht nach einem Hatrick für N.K. Jemisin aus - hatte ich an den Novellen überwiegend Freude. Es handelt sich eigentlich um Kurzromane, zwischen 100 und 200 Seiten lang, abgeschlossen oder Teil einer Serie. Nicht unter die Finalisten gekommen sind übrigens die beiden jüngsten Penric-Erzählungen von Lois McMaster Bujold, dafür ist ihre "World of the Five Gods" bei den Serien im Rennen. Hier meine Abstimmungsreihenfolge:

6. River of Teeth: Sarah Gailey

Die Grundidee ist eigentlich ganz nett: Im 19. Jahrhundert werden am Mississippi Flusspferde angesiedelt und lösen bald gewöhnliche Pferde als Reittiere ab. Vor diesem Hintergrund gibt es dann eine Wildwestgeschichte, die vor allem in der Figurenzeichnung jämmerlich scheitert. Insbesondere die wild durcheinandergeworfenen Gender-Typisierungen reiben sich mit dem historischen Hintergrund, vom bisexuellen Helden, der zu Beginn des Abenteuers erstmal einen blauäugigen Buchhalter vernascht, über die taffe, schwangere Kopfgeldjägerin bis hin zu einer Person, die das Geschlechterroulette verloren hat und deshalb nur mit "they" referenziert wird. Das ist reine Anbiederung an die LGBT-Gemeinde. Die bereits erhältliche Fortsetzung kann mir gestohlen bleiben!

5. The Black Tides of Heaven: JY Yang

Die quere Autor*in erfindet ein unwahrscheinliches Zwillingspaar, das sich in einer mittelalterlichen Fantasywelt auf unterschiedlichen Seiten eines weltumspannenden Konfliktes wiederfindet. Auch hier gibt es Abzüge für die beliebigen Geschlechtertypisierungen. Während manche Personen schon mit vier (4!) Jahren ein Geschlecht zugewiesen bekommen, warten die Zwillinge damit 17 Jahre, also ca. bis zur Halbzeitpause der Erzählung. Bis dahin werden sie einzeln mit "they" angesprochen, was zu Verwirrung und Verärgerung führt. Ansonsten sind Weltenaufbau wie Charakterisierungen hier aufgrund der Kürze nicht besonders überzeugend. Auch hierzu soll es eine Fortsetzung/Erweiterung geben - pah.

NO AWARD

4. And then there were (N-One): Sarah Pinsker

Das Ego der Autorin muss größer als ein Planet sein, denn wie sonst hätte sie sich trauen können, uns diese Geschichte vorzusetzen, in der sie alle Haupt- und Nebenrollen mit sich selbst besetzt. In Ich-Form erzählt Sarah von einem Kongress, an dem Sarahs aus ausgewählten parallelen Dimensionen teilnehmen. Da ist nämlich die Physikerin (oder "Quantologin") Sarah, die mal eben nicht nur Kommunikation, sondern auch Reisen zwischen alternativen Realitäten erfunden hat. Daneben haben die Sarahs trotz identischer Gene offenbar unendliche Talente, denn es gibt preisgekrönte Autorinnen genauso wie Grammy-gewinnende Musikerinnen - allerdings keine Ärztinnen. Unsere Erzählerin ist eine schnöde Versicherungsdetektivin, was aber praktisch ist, denn eine Sarah wurde gerade tot aufgefunden - ermordet? Das erklärt die an Agatha Christie angelehnte Titelvariation. Eigentlich führt die Autorin die so beliebte Multiverse-Theorie ad absurdum, aber sie zeigt eindrücklich die reale Wahrheit, dass kleinste Entscheidungen und Zufälle einen Lebenslauf aufs nachdrücklichste beeinflussen können. Spaßig und anregend!

3. Binti - Home: Nnedi Okorafor

Dies ist die Fortsetzung des Hugo-Gewinners vom vorletzen Jahr, genauso toll geschrieben, mit einer detailliert ausgemalten, exotischen Zukunft und einer faszinierenden Hauptfigur. Mein Hauptkritikpunkt ist, dass "Home" eigentlich die erste Hälfte eines Romans darstellt. Es endet mit einem Cliffhanger und bildet damit keine abgeschlossene Geschichte wie der erste Teil. Der Abschluss ist für faire 2 Euro als eBook erhältlich (ein Preismodell, das für Novellen leider nicht üblich ist), und daher werde ich ihn direkt als nächstes lesen (er käme dann in die Auswahl für nächstes Jahr). Ein weiterer Aspekt der Binti-Saga hat mich zudem gestört. Es ist in Ordnung, dass auch in einer Zukunft mit Raumschiffen und Alienkontakten Traditionen bewahrt werden. Aber müssen dazu auch abergläubische Rituale gehören? Was ich meine (nur ein Beispiel, kommt im Buch nicht vor!): Die Aufführung eines traditionellen Regentanzes ist schön, solange die Qualität der Darbietung nicht an der Regenmenge des folgenden Monats gemessen wird. Besonders genervt hat mich, dass Binti (und übrigens nur die Himba-Frauen) nicht ohne auf die Haut aufgetragenen Schutzschlamm (otjize) in die Öffentlichkeit gehen kann - auch auf dem Universitätsplaneten, der kein Wüstenklima hat. Das ist keine zu verteidigende Tradition mehr, sondern eine angelernte Neurose, und ein gutes Beispiel, wie eine an sich vernünftige Vorschrift verknöchert und nicht mehr hilft, sondern behindert.

2. Down Among the Sticks and Bones: Seanan McGuire

Seanan McGuire ist eine Vielschreiberin, was der Qualität ihres Werks nicht unbedingt bekommt. Bisher kenne ich nur einen kleinen Querschnitt, aber zum einen vermute ich, dass sie im Laufe der Jahre besser geworden ist, zum anderen gibt es wohl Erzählungen, in die sie mehr Arbeit hineinsteckt. So gewann sie mit ihrer Novelle Every Heart a Doorway letztes Jahr verdient ihren ersten Hugo. "Down Among the Sticks and Bones" ist nun eine Art (abgeschlossene) Vorgeschichte, um die Zeit der Zwillingsschwestern Jack (Jacqueline) und Jill(ian) in ihrer Fantasiewelt. Besonders reizvoll ist das Spiel mit den Geschlechterrollen (und dies ist ein Beispiel dafür, wie man das thematisieren kann, ohne penetrant zu wirken). Der Vater hat sich einen Sohn gewünscht und unterstützt Jills Tom-Boy-Verhalten, die Mutter dagegen formt Jack zu einer neurotischen Ballerina (und ach, wie wünschen sie sich, die Schwestern könnten die Namen tauschen!) In der Fantasiewelt, in die sie mit 11 Jahren gelangen und erst mit 17 wieder verlassen, lösen sich die Schwestern dann von den Erwartungen der Eltern. Jack wird das Mündel des herrschenden Vampir-Barons, während Jill beim ortsansässigen Frankenstein-Verschnitt in die Lehre geht. Das ist spannend, komisch und traurig zugleich. Bravo!

1. All Systems Red: Martha Wells

In einer fernen Zukunft besiedelt und terraformt die Menschheit ferne Planeten. Das ist ein kommerziell gesteuertes Verfahren. Mit der Bewertung eines neuen Siedlungsplaneten wird ein kleiner Trupp von Wissenschaftlern beauftragt, bewacht von einem Standard-Kampfandroiden (nach den Regeln der federführenden Gesellschaft muss den Prospektoren pro zehn Personen eine solche Maschine zugeteilt werden). Dieser Android ist allerdings nur nach außen ein Standardmodell. Nach einem traumatischen Einsatz, bei dem er aufgrund eines Programmierfehlers Unschuldige niedergemetzelt hatte, hat er kurzerhand sein eigenes Steuerprogramm gehackt und ist nun sein eigener Herr, auch wenn er seinen Auftrag, die Wissenschaftler zu beschützen, immer noch sehr ernst nimmt. Mit typischer Künstlicher Ironie nennt er sich den "Murderbot" und erzählt in Tagebuchform seine Erlebnisse. Sogleich sympathisch wird er uns, weil er in seiner Freizeit Fernsehserien konsumiert, insbesondere Seifenopern (die leider auch sein Menschenbild prägen). Außerdem ist er in seinen Fähigkeiten eingeschränkter als wir das sonst in der SF gewohnt sind. Er ist halt als Sparmodell konzipiert, das den Vorgaben genügen muss, aber auch nicht allzu teuer in der Produktion sein darf. So ist offenbar seine Multitasking-Fähigkeit stark eingeschränkt (im Gegensatz zu Data, der bei einem Gespräch mit Menschen zeitgleich noch Shakespeares Werk analysieren kann). Zudem ist er, auch aufgrund seiner Traumatisierung, extrem schüchtern im Umgang mit Menschen. Aber gerade diese Beschränkungen machen ihn zu einer faszinierenden Figur.

Die Texanerin Martha Wells, Jahrgang 1964, kann bereits auf umfangreiche Veröffentlichungen im SF- und Fantasy-Genre zurückblicken. Vor Jahren habe ich mal eine Urban Fantasy von ihr begonnen und nach ein paar Kapiteln wieder aufgegeben ("The Death of the Necromancer"). Vielleicht war das voreilig, jedenfalls werde ich ihr jetzt noch ein paar Chancen geben. Sie ist mit ihren Raksura-Fantasy-Romanen in diesem Jahr auch für die Beste Serie im Rennen. "All Systems Red", die erste Novelle in ihren "Murderbot Diaries", hat in diesem Jahr bereits den Nebula gewonnen und ist auch mein Favorit für den Hugo. Das ist mal waschechte Science Fiction, humorvoll und actiongeladen (auch wenn ich nicht so weit wie andere Rezensenten gehen würde, dies als Military SF zu klassifizieren).

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