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Samstag, 30. Juni 2018

Die Hugo-Finalisten 2018: Kurzformen

Hugo-Gewinnerin Jo Walton (Among Others) beschreibt in ihrem Blog ein wichtiges Merkmal von SF und Fantasy: Der Weltenaufbau wird zu einem eigenen Charakter. Was nicht heißt, dass die menschlichen (oder un-menschlichen) Figuren unwichtig werden sollten. Je kürzer allerdings die Geschichten werden, desto mehr stehen die Ideen im Vordergrund. Dagegen ist nichts zu sagen, aber ich persönlich möchte beim Lesen Personen kennenlernen und mit ihnen mitfiebern. Vielleicht deshalb sagen mir nur wenige Kurzgeschichten zu. In den letzten Jahren hat es kaum Beispiele auf dem Niveau von Sturgeon, Dick oder LeGuin gegeben. Bei den diesjährigen Nominierungen bin ich jedenfalls nicht fündig geworden. Es drängt sich auch keine Rangfolge auf, trotz ein paar netter Beiträge.

Noveletten


6. "Children of Thorns" Aliette de Bodard
Dieses Abenteuer in einem verwunschenen Palast ist eine Coda zu einer mir unbekannten umfangreichen Fantasy-Serie. Für sich allein konnte ich damit nichts anfangen.

5. "Extracurricular Activities" Yoon Ha Lee
Diese Military SF um den Helden Shuos Jedao ist quasi ein Flashback zur Hugo-nominierten Romantrilogie der Autoren Yoon Ha Lee (Ninefox Gambit im letzten Jahr, "Raven Strategem" in diesem). Shuos Jedao ist offenbar ein intergalaktischer Ethan Hunt, der nur mit einem Kugelschreiber bewaffnet eine gegnerische Garnison infiltrieren kann und dabei nur einen leichten Schnupfen davonträgt. Seine Gegenspieler duellieren sich nämlich mit Viren. Wenn das nicht so bierernst geschrieben wäre, hätte ich mich vielleicht amüsiert. Punktabzug auch für eine weitere beliebig geschlechtslose Figur ("they").

No Award

4. "A Series of Steaks" Vina Jie-Min Prasad

Schmecken Steaks aus dem 3D-Printer weniger gut als "echte" Schlachterzeugnisse? Wäre interessanter gewesen, wenn mich die beiden weiblichen Hauptfiguren und ihre angedeutete Romanze überzeugt hätten.

3. "Small Changes Over Long Periods" K.M. Szpara
In der Nachfolge von Chuck Tingle und Stix Hiscock bietet der Transgender-Aktivist K.M. Szpara (der angeblich einen Master in Theologie abgeschlossen hat) derbe Erotik und erörtert die wichtige philosophische Frage, wie bei einem Trans-Mann die Wandlung zum Vampir vonstatten geht. Es stellt sich heraus, dass neben Blut gewaltige Zugaben Testosteron notwendig sind.

2. "The Secret Life of Bots" Suzanne Palmer
Dieses nette Nichts ist eine Variation auf den Animationsfilm The Secret Life of Pets, im Deutschen einfach nur "Pets" (den ich unterhaltsamer fand als den ambitionierten Disney-Zwilling Zootopia). Hauptfigur ist ein in die Jahre gekommener Wartungsroboter, der trotz seiner Winzigkeit (er misst nur wenige Zentimeter) fast im Alleingang sein Raumschiff und das Sonnensystem rettet. Tatsächlich bilden die Bots eine verschworene Gemeinschaft und legen schon mal eine Gedenkmillisekunde für außer Dienst gestellte Kameraden ein.

1. "Wind Will Rove" Sarah Pinsker
Als Folk-Freund habe ich mich für diese Reflektion auf Tradition und Wandlung entschieden. Sarah Pinsker (die mit dem Ego so groß wie ein Planet, siehe ihre nominierte Novelle) beschreibt, wie Musiker auf einem Generationenraumschiff verzweifelt versuchen, ihr traditionelles Liedgut zu bewahren (es gab einen Blackout und Speicherverluste). So gibt es dogmatische Folk-Sessions, bei denen immer und immer wieder die alten Tunes heruntergedudelt werden (eine Tradition besonders der Iren, der ich nicht viel abgewinnen kann). Aber Folk-Musik muss leben, muss ihre Lieder weiterentwickeln und auf aktuelle Situationen beziehen. So jedenfalls interpretiere ich den Weg der Hauptfigur (einer Fiddlerin) und die Evolution ihres Lieblingsliedes, eben jenes "Winds Will Rove".

Short Stories


6. "Clearly Lettered in a Mostly Steady Hand" Fran Wilde
Eine poetische Allegorie, zu der ich keinen Zugang finden konnte.

5. "Carnival Nine" Caroline M. Yoachim
Und noch ein Abklatsch von The Secret Life of Pets, diesmal mit Aufziehpuppen. Der "Maker" zieht allmorgendlich das Gewinde der Puppen auf, was je nach Anzahl der Windungen zu unterschiedlich langen Aktivitätsdauern führt. Die Geschichte selbst ist leider schematisch-kitschig.

No Award

4. "Sun, Moon, and Dust" Ursula Vernon
Ursula Vernons Tomatendieb gewann letzes Jahr als beste Novelette. Diese Fantasy um einen Kartoffelfarmer und drei Heldengeister, die in einem magischen Schwert gefangen sind, fand ich deutlich schwächer, insbesondere den vagen homoerotischen Funken am Ende.

3. "Fandom for Robots" Vina Jie-Min Prasad
Die zweite diesjährige Nominierung der Autorin aus Singapur, die "gegen die Weltmaschine schreibt", ist ähnlich belanglos, hat aber wie mein Favorit bei den Novellen als Hauptfigur einen Roboter mit zweifelhaftem TV-Geschmack (in diesem Fall Anime), was sogar in eigenen Fangeschichten mündet.

2. "The Martian Obelisk" Linda Nagata
Linda Nagata lebt in Hawaii und schreibt vor allem "Nanopunk", wie ich aus der Wikipedia erfahre. Der Obeliks auf dem Mars soll ein Denkmal werden für die aussterbende menschliche Zivilisation. Aber ist dieses wichtiger als das Überleben der letzten Menschen auf dem Nachbarplaneten?

1. "Welcome to your Authentic Indian Experience™" Rebecca Roanhorse
Fast zufällig landet dieses Garn um virtuelle Erlebniswelten und indianische Tradition auf dem ersten Platz. Es gewann bereits den Nebula (die Nominierungen überschneiden sich nur noch bei Wilde und Prasad). Ein bisschen sperrig erzählt, hat es dann doch etwas von Phil Dicks Splittern der Realität. Authentische Ureinwohner hat Amerika ja nicht mehr zu bieten, aber Rebecca Roanhorse gibt ihre Wurzeln an mit Ohkay Owingeh (mit "schwarzer" Beimischung). Wie Prasad ist sie in diesem Jahr auch für den Campbell als "beste neue Autorin" nominiert.

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