Die ernstzunehmenden wählbaren Noveletten (typischerweise unter einer Stunde lesbar) stammen alle von Teilzeit-Autorinnen. Höchstens zwei davon kann man der Science Fiction zuordnen. Hier meine Rangfolge:
(6) Alien Stripper Boned From Behind By The T-Rex, by Stix Hiscock
Von vorne wäre auch fatal, denn aus den drei Brüsten der Ich-Erzählerin schießen beim Orgasmus Laserstrahlen. Ansonsten ist dies eine konservativ-romantische Geschichte: Die Stripperin Kelly trauert noch ihrem Tentakel-Liebhaber nach, und der T-Rex Tyrone (dank futuristischem Body-Building mit durchaus muskulösen Armen ausgestattet) hat seine Brontosaurus-Frau beim Meteor-Einschlag verloren. "Stix Hiscock" ist wohl Chuck Tingles Pseudonym für Hetero-Sexromane, auch wenn ich keine direkte Bestätigung gefunden habe. Der "schizophrene Autist" Tingle hat offenbar tatsächlich einen Fan-Kreis, die letztjährige Nominierung für "Space Raptor Butt Invasion" kommentierte er in "Slammed in the Butt by My Hugo Award Nomination". Also gebührt mein Dank den Trollen für diesen amüsanten Beitrag.
(No Award)
(5) “You’ll Surely Drown Here If You Stay”, by Alyssa Wong
Die aparte Amerikanerin Alyssa Wong war letztes Jahr bereits Finalistin für den Campbell Award als bester Neuling. Ihr poetischer Schreibstil liegt mir leider nicht, genauso wenig diese Fantasygeschichte im Wilden Westen um einen Teenager, der mit den Toten kommunizieren und sie kurzzeitig sogar zum Leben erwecken kann. Auch wenn seine Freundschaft mit einer jungen Prostituierten durchaus anrührend ist.
(4) “Touring with the Alien”, by Carolyn Ives Gilman
Endlich mal SF! Die Aliens sind gelandet, aber niemand weiss wie. Bis einer mit seinem menschlichen "Übersetzer" eine Bustour mietet. Nette Idee, von der Historikerin Carolyn Ives Gilman mit bescheidenen stilistischen Mitteln geradlinig umgesetzt.
(3) "The Jewel and Her Lapidary", by Fran Wilde
Ambitionierte, tragische Fantasy-Geschichte um den Fall einer Herrscherfamilie eines Tals, in dem alle Macht von der Manipulation bestimmter magischer Edelsteine ausgeht. Erzählt, als ob inspiriert von der fiktiven Ruine des Königshauses, aus der Sicht der jugendlichen letzten Überlebenden Lin und Sima (Juwel und Edelsteinschleiferin). Fran Wilde lebt in Philadelphia.
Die Beiträge von Alyssa Wong und Fran Wilde sind übrigens die
einzigen Finalisten dieser Kategorie, die auch für einen Nebula
nominiert waren (gewonnen hat ein anderer Beitrag).
(2) “The Tomato Thief”, by Ursula Vernon
Ursula Vernon hat bereits einen Hugo gewonnen, für ihren "Web comic" "Digger" (Graphic Novels bilden eine Kategorie, in der ich mich überhaupt nicht auskenne oder wohlfühle). Ansonsten schreibt sie meist für Jugendliche. Auch die "Tomatendiebin" ist aufgrund der einfachen Sprache für Jugendliche zumindest geeignet. Es ist ein Märchen um eine alte Tomatenzüchterin, die aufgrund des titelgebenden Diebstahls noch einmal zu einem kleinen Abenteuer in die Wüste aufbricht. Es stellt sich heraus, dass sie den Gefahren dieser magischen Welt durchaus gewachsen ist, in der Eisenbahnen als Götter verehrt werden (und Bahnbeamte Priesterstatus haben und in Trance mit ihren Göttern kommunizieren). Hübsch und unterhaltsam.
(1) “The Art of Space Travel”, by Nina Allan
Nina Allan ist eine 51jährige britische Autorin, die mit dem renommierten 73jährigen SF-Autor Christopher Priest in Devon lebt. Sie erzählt eine Episode aus dem Jahr 2070, aus der Sicht der jungen Hotelangestellten Emily, die mit ihrer dementen Mutter in der Nähe von Heathrow Airport lebt. Gerade soll eine zweite Marsexpedition starten (die übrigens ohne Rückkehr der Astronauten geplant ist), und zwei Teilnehmer werden eine Nacht in Emilys Hotel verbringen. Emily spekuliert, dass einer der Astronauten der gescheiterten ersten Expedition ihr Vater sein könnte, aber die Antwort auf diese Frage ist naheliegender, als sie denkt.
Nina Allan zeichnet mit wenigen Strichen ein überzeugendes Porträt einer selbstbewussten jungen Frau, die am wenigsten dadurch charakterisiert wird, dass ihre Mutter aus Afrika stammt. Der Science-Fiction-Aspekt ist allerdings vernachlässigbar. Bis auf die Marsexpeditionen und den Absturz eines radioaktiv verseuchten Flugzeuges, dessen Untersuchung die Krankheit von Emilys Mutter verursacht hat, unterscheidet sich die Welt in 50 Jahren kaum von unserer. Aber wie in allen Literaturgattungen stehen auch bei der SF menschliche Schicksale im Mittelpunkt.
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