In den USA heißt Spielbergs jüngstes Oscar-Futter einfach The Post - die Amerikaner wissen, dass damit die "Washington Post" gemeint ist. 1971 war das die immerhin auflagenstärkste Lokalzeitung im (für US-Verhältnisse) Kaff Washington D.C. Zeitgleich zum Börsengang folgte die Post der New York Times in der Veröffentlichung der sogenannten "Pentagon Papers" (trotz gerichtlicher Verfügungen gegen die Times) und etablierte sich bundesweit als Sprachrohr für Pressefreiheit und regierungskritische Berichterstattung. Die Pentagon Papers enthielten eine über 6000 Seiten lange, streng geheime Studie über den Vietnamkrieg, waren vom ehemaligen Verteidigungsminister Robert McNamara in Auftrag gegeben und dann unter Verschluss gehalten worden ("für die Nachwelt"). Da die Ergebnisse in direktem Widerspruch zu den öffentlichen Aussagen der Regierungen seit Kennedy standen, riskierte Daniel Ellsberg, einer der Autoren der Studie, eine Anklage wegen Hochverrats und machte sie den beiden Zeitungen zugänglich. Das war übrigens damals lange nicht so einfach wie in unseren Zeiten von WikiLeaks - er musste die Papiere nach und nach aus dem Verteidigungsministerium herausschmuggeln und auf einen Kopierer legen.
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Der deutsche Verleihtitel Die Verlegerin verdeutlicht den Fokus des Drehbuchs von Josh Singer (Spotlight) und seiner jungen Kollegin Liz Hannah und stellt natürlich gleichzeitig werbewirksam die Hauptdarstellerin Meryl Streep in den Vordergrund. Tatsächlich wurde Katharine "Kay" Graham, Herausgeberin der Post seit dem Tode ihres Mannes Phil, 1972 der erste weibliche Chef einer Fortune-500-Firma. Leider bauscht Spielberg diesen Meilenstein künstlich auf. Es gibt zwar eindrückliche Momente, etwa wenn Kay Graham zum ersten Mal einen Börsenraum vollgestopft mit würdevollen weißen Männern betritt. Meryl Streep weiß auch Kays anfängliche Unsicherheit im Umgang mit den Alphamännern darzustellen. Von den Aufsichtsratmitgliedern über ihren Chefredakteur Benjamin Bradlee (Tom Hanks) bis zu ihrem Anwalt wird sie immer wieder belächelt und herablassend behandelt. Trotzdem hat sie die Entscheidungsbefugnis und nimmt sie im wichtigsten Moment auch wahr. Aber der Weg dahin wirkt auf mich nicht wahrhaftig und wird dann in typischer Spielberg-Manier am Ende untergraben durch das Spalier von bewundernden Frauen nach der Entscheidung des Supreme Courts für die Pressefreiheit. Kay Graham wurde bestimmt zum Vorbild für viele Frauen, aber dieser Prozess war sicher gradueller - und weniger kinotauglich. Der Pulitzer-Preis ging 1972 übrigens an die New York Times, erst ein Jahr später an die Post: für die Enthüllung der Watergate-Affäre. Einen weiteren Pulitzer gewann Kay Graham 1998 - für ihre Memoiren. Sie starb 2001.
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Neben Streep verblassen dann auch die männlichen Kollegen, die natürlich alle solide agieren (weniger würde man bei Spielberg nie erwarten). Tom Hanks' Chefredakteur wird auf einen reinen Handlungsträger reduziert, obwohl ihm das Script sogar Szenen mit seiner Ehefrau (Sarah Paulson) spendiert. Am überzeugendsten fand ich noch Bob Odenkirk (Better Call Saul) als Chefreporter, Bruce Greenwood als McNamara und Bradley Whitford (The West Wing, Cabin in the Woods) als Aufsichtsrat Arthur Parsons. Dank Spielbergs flüssiger Erzählweise und Januscz Kaminskis eleganter Kameraführung wird die Geschichte nie wirklich langweilig, bekommt aber auch nie den mitreißenden Schwung etwa des verwandten Oscar-Gewinners Spotlight. Das Zeitkolorit wird zwar ganz gut eingefangen, wirkt aber nie so beklemmend echt wie etwa in Mad Men (trotz dessen satirischer Sichtweise - vielleicht fehlt der Zigarettenqualm). Und den bedeutungsschweren Score von John Williams fand ich diesmal besonders manipulativ. So wirken sowohl das Lob auf die Pressefreiheit als auch der Ruf nach Geschlechtergleichheit aufgesetzt. Ein wenig hat mich das an Oprah Winfreys begeisternde #Time's-Up-Rede bei den diesjährigen Golden Globes erinnert. Das reine Heraufbeschwören von Veränderungen beschleunigt diese nicht unbedingt. Die TV-Milliardärin ist bestes Symbol, dass sich seit 1971 die Rolle von Frauen stark verändert hat. Was die Pressefreiheit betrifft, gibt es in den USA nur noch wenige Bastionen, die sich gegen das Establishment halten. Vor diesem Hintergrund ist Die Verlegerin einfach zu brav, Spielberg Light sozusagen. Ordentlich (6/10).
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