Johannes bekommt den Spitznamen Jojo Rabbit, als er es nicht über sich bringt, einem Kaninchen den Hals umzudrehen. Das wäre nicht schlimm, er ist erst zehn, aber doch auch ein stolzer Nazi mit deutscher Seele! Aber in die Hitlerjugend passt er wohl doch nicht, vor allem nach jenem Zwischenfall mit der Granate. Nur sein eingebildeter bester Freund Adolf hält zu ihm, auch wenn der ein wenig launenhaft ist und am liebsten jeden Misserfolg auf Churchill schieben will...
"Komödie ist Tragödie plus Zeit", so Alan Alda als selbsternannter Experte in Woody Allens Verbrechen und andere Kleinigkeiten. Nach 75 Jahren sollte genug Zeit vergangen sein, um eine weitere Nazi-Satire zu vertragen, auch wenn uns Fachleute die einzige Art des Umgangs mit dem Holocaust erklären wollen: weihevoll. Aber bekommt man nicht ein besseres Bild von einem historischen Ereignis, wenn man es unter verschiedenen Blickwinkeln betrachtet? Und so erhellen für mich neben Schindlers Liste und Der Pianist auch Das Leben ist schön und The Producers (von dem mir auch das Muscial-Remake gefallen hat) diese schreckliche europäische Vergangenheit (der 93jährige Altmeister Mel Brooks hat sich bei den AFI-Awards übrigens begeistert über Jojo Rabbit geäußert). Und man sollte nicht vergessen, dass die Geschichte aus der Perspektive eines Zehnjährigen erzählt wird!
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Jojo Rabbit konzentriert sich auf eine kleine, überschaubare Situation, nämlich eine deutsche Kleinstadt gegen Ende des Krieges. Auf der einen Seite knüpft die SS jeden Tag "Vaterlandsverräter" auf, auf der anderen wissen die Verantwortlichen sehr wohl, dass die Sache verloren und die Durchhalteparolen absurd sind. Herrlich fand ich das schrille Paar Captain Kleinzendorf (Sam Rockwell) und Finkel (Theon Greyjoy Alfie Allen), komisch auch Rebel Wilsons Fraulein Rahm. Alle Darsteller sprechen übrigens Englisch mit deutschen Akzenten, die mit Absicht zwischen authentisch und albern angesiedelt sind. Wie eine Synchronisation das einfangen will, ist mir schleierhaft, genau wie einen der besten Witze des Films, als Finkel "German Shepherds" auftreibt (so nennen Angelsachsen Schäferhunde, aber leider auch: deutsche Schäfer). Herrlich auch die Einrahmung des Films mit den deutschsprachigen (Original!)Versionen zweier Klassiker: "Komm gib mir deine Hand" von den Beatles und "Helden" von David Bowie.
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Jojo Rabbit liefert aber durchaus nicht nur Klamauk, sondern wird dem ernsten Hintergrund durchaus gerecht. Hierfür sorgt die sorgfältig ausgearbeitete Beziehung zwischen Jojo, seiner Mutter und dem jüdischen Mädchen Elsa (pfiffig: die 19jährige Thomasin McKenzie), das diese auf dem Dachboden des Hauses versteckt. Das alles und (wie immer) viel zu viel erfährt man bereits im Trailer (der als Bonus eine deutsche Version von Neil Diamonds I'm a Believer enthält, die im Film nicht verwendet wurde). Das Drehbuch schrieb der selbsterklärte polynesische Jude Taika Waititi, bevor er berühmt wurde mit der Vampirdokumentation 5 Zimmer Küche Sarg und natürlich Thor: Ragnarok. Ich finde, der geographische und zeitliche Abstand tut dem Ergebnis gut. Wenn ich richtig gesehen habe, war übrigens Waititis Stammschauspielerin Rachel House für das Dialect Coaching des kleinen Londoners Roman Griffith Davis verantwortlich, der seine Sache übrigens sehr gut macht.
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Keine Überraschung, aber endlich einmal anerkannt ist die Leistung von Scarlett Johansson als Jojos Mutter. Sie spielt weder die verhärmte Kriegswitwe noch eine Gluckenmutter, sondern einen Freigeist, der sich gegen den Strom stemmt und doch von den Ereignissen überrollt wird. Allein die Szene, in der sie für den kleinen Jojo einen Dialog zwischen Mutter und Vater spielt, ist ein Kinoticket wert. 2020 ist definitiv das Jahr der erst 35jährigen, die ich bereits in 34 Filmen gesehen bzw. (in her und im Dschungelbuch) gehört habe! Sie begann gleich an der Spitze, im Pferdeflüsterer an der Seite von Robert Redford, für die Coens in The Man Who Wasn't There und in Terry Zwigoffs leider wenig bekannter Comicverfilmung ohne Superhelden, Ghost World. Unter anderem für Sofia Coppolas Lost in Translation und Woody Allens Match Point war sie immerhin für Golden Globes nominiert, aber nie für den Oscar. Bis jetzt, denn in diesem Jahr steht sie gleich zweimal auf der Liste: für Marriage Story als Hauptdarstellerin und für Jojo Rabbit als Nebendarstellerin. Leider hat sie starke Konkurrenz in Laura Dern (Nebenrolle) und Bridget Jones Renée Zellweger, der in Judy offenbar eine großartige Darstellung der alternden Judy Garland gelungen ist. Aber noch ist nichts entschieden! Selbst wenn es mit einem Oscar nichts wird, kann Scarlett es wie Robert Downey Jr. halten, wenn im Frühjahr ihr Black-Widow-Abenteuer durchstartet: Besser ein Zuschauer-Magnet als ein preisgekrönter Künstler am Hungertuch ;-)
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Jojo Rabbit ist nach Knives Out wieder ein Kandidat im Oscar-Rennen, der mir besser gefallen hat als die großen Favoriten, hat aber wohl wenig Chancen auf einen Gewinn. Macht nichts, das mindert seine Qualität nicht, auch nicht der bislang moderate Erfolg an den Kinokassen. In Berlin zeigen zum Glück etliche Kinos die Originalfassung. Sehr gut (8/10).
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