Und ich sah: Und siehe, ein fahles Pferd, und der darauf saß, dessen Name ist Disney; und Disney+ folgte ihm. Und ihnen wurde Macht gegeben über den vierten Teil der Erde, zu verdummen mit Sequels und Remakes und Prequels und durch die größte Menge an Merchandising-Artikeln aller Studios.
Ein Freund hat mir vor vielen Jahren mal ein musikalisches Duo empfohlen mit den Worten „Die klingen wie Simon & Garfunkel“. Sie schrieben zwar keine unvergänglichen Melodien, erfanden keine pfiffigen Gitarrenriffs, keine genialen Gesangsarrangements oder kluge Texte, aber sie klangen halt "ähnlich". Es ist typisch menschlich, dass wir mehr von dem wollen, was wir lieben. Aber schätzen wir Kunstwerke nicht gerade deshalb, weil sie einmalig sind, weder wiederhol- noch kopierbar? Selbst der Zauber der Mona Lisa hat inzwischen gelitten an all den vorhandenen Variationen, so witzig sie auch sein mögen. Gleiches gilt auch für Filme: Remakes, Fortsetzungen, Prequels verwässern eher die Kraft des Originals, verleiden es uns im schlimmsten Fall sogar. Ob Fluch der Karibik, The Matrix, Men in Black - was haben uns die Fortsetzungen gebracht? Aber trotzdem strömen wir wie die Lemminge in die Kinos...
Was mich zurück zu Disney bringt, welches sieben der zehn Top-Filme an den Kinokassen 2019 verbuchen konnte (zuzüglich eines Anteils an Sonys Spider Man: Far From Home); die beiden weiteren Kassenhits Joker und Es, Kapitel 2 kamen von Warner. Mit der Übernahme von 20th Century Fox gehören jetzt u.a. auch Avatar, die X-Men (inklusive Deadpool) und Der Marsianer zum Disney-Imperium. Lassen wir die Avengers-Reihe mal außen vor, die auch zehn Jahre nach der Akquise noch nicht vollkommen disneyfiziert ist, so gibt es aus den letzten 20 Jahren gerade mal zwei Originale vom Mickey-Mouse-Studio, auf die ich ungern verzichten wollte: Fluch der Karibik und Die fantastische Welt von Oz. Dazu eine Handvoll Pixar-Originale und vielleicht noch Jon Favreaus Neuinterpretation des Dschungelbuchs, gleichzeitig die einzige künstlerisch erfolgreiche der durch diesen Fleischwolf gedrehten "Properties". In diesem Jahr gab es gleich drei weitere dieser zynischen Produkte: Dumbo, Aladin und Der König der Löwen (welches das schauderhafte Original noch untertroffen haben soll). Angeschaut habe ich mir die bislang alle nicht. Meine Strategie ist ganz einfach: Ab April werde ich den neuen Streamingservice Disney+ buchen (für voraussichtlich 70 Euro pro Jahr). Ich habe bereits alle Disney-Medien (abgesehen von den Avengers) abgestoßen und werde auch auf weitere Käufe verzichten. Damit macht Disney bei mir unterm Strich ein dickes Minus.
Damit habe ich dann Netflix, Disney+ und Amazon Prime abonniert (wobei Prime ja ein Gemischtwarenladen der erschreckend marktbeherrschenden Online-Krake ist). Zu mehr reichen weder Zeit noch Nerven. Prime Video hatte uns übrigens zeitweise penetrante Werbespots für Eigenproduktionen aufgedrückt, sogar beim Binge-Watching zwischen den Episoden! Dieser Unfug wurde inzwischen wohl wieder eingestellt, aber ich erwarte jeden Moment die Mainzelmännchen zurück. Eine Lachnummer ist Apple TV+, das selbst für fünf Euro im Monat noch maßlos überteuert ist. Und dann gibt es noch die Splitteranbieter, was in diesem Fall eher verbraucherfeindlich ist. So gibt es den Oscar-nominierten Trickfilm Mirai nur bei einem Spezialanbieter für Anime, und Wonder Boys, einen meiner Lieblingsfilme aus den 0er Jahren, in HD und OV nur bei maxdome. Aber wer wird Filme bei Anbietern kaufen, deren Existenz jetzt schon gefährdet ist? Prüfen kann man die Verfügbarkeit übrigens über verschiedene Portale, so etwa Wer streamt es?
Kinojahr
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Vom aktuellen Kino erwarte ich nicht mehr viel. Immer mehr muss man die schönen Momente in mittelmäßigen Filmen genießen. Der Rekordfilm des Jahres hat sicherlich mehr Männer zum Weinen gebracht als je zuvor, war aber trotzdem aus meiner Sicht nur durchwachsen:
I love you 3000.
On your left!
I am Iron Man!Außerdem fallen mir noch ein: Sarah Connors "I'll be back", Kumail Nanjianis Pawny (treuer Bauer seiner Königin Tessa Thompson), der Balztanz von Rachel Weisz und Nicholas Hoult, Woody Harrelsons Zombie Kill of the Year, Brad Pitt, wie er im blauen Volkswagen Karmann Ghia durch Hollywood düst, das Tänzchen von Sharon Tate (Margot Robbie), Cass und Michelle im Playboy Mansion, und natürlich Emilia Clarke, wie sie Last Christmas singt.
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Von den 76 aktuellen Filmen aus 2019 habe ich immerhin 20 in einem Kinosaal erlebt. Einen vollständigen Blick habe ich dadurch natürlich nicht, selbst für Scorseses monumentales Netflix-Werk The Irishman habe ich noch keine Zeit gefunden. Immerhin kommt eine Top10 aus zwei herausragenden und acht weiteren sehr guten Filmen zustande:
- BlacKkKlansman (Spike Lee)
- Vice (Adam McKay)
- The Favourite (Yorgos Lanthimos)
- Spider-Man: Far From Home (Jon Watts)
- Leid und Herrlichkeit (Pedro Almodóvar)
Pedros schönster Film seit zehn Jahren, mit einem überragenden Antonio Banderas in der Hauptrolle. - Green Book (Peter Farrelly)
- Zombieland 2 (Ruben Fleischer)
- Stan & Ollie (Jon S. Baird)
- Bird Box (Susanne Bier)
- Last Christmas (Paul Feig)
Weitere gute Filme (7/10):
- Avengers: Endgame (die Russos)
- Beale Street (Barry Jenkins)
Schwarzes Theater - Captain Marvel (Anna Boden & Ryan Fleck)
- Colette (Wash Westmoreland)
Keira Knightley als Künstlerin, die sich in einer Männerwelt durchsetzen muss, hat mir weitaus besser gefallen als etwa die Oscar-nominierte Glenn Close in Die Frau des Nobelpreisträgers oder Elle Fanning in Mary Shelley. - Juliet, Naked (Jesse Peretz)
Kein großer Wurf, aber eine schöne Verfilmung von Nick Hornbys bestem Roman seit zehn Jahren. Ethan Hawke als altersmilder Rockstar ist grandios. - Killer's Bodyguard (Patrick Hughes)
Traumpaar Ryan Reynolds und Samuel L. Jackson - Nur ein kleiner Gefallen (Paul Feig)
Paul Feigs Dreiecksgeschichte mit Anna Kendrick, Blake Lively und Henry Golding schwächelt tonal, macht aber trotzdem Spaß. - Once Upon a Time ... in Hollywood (Quentin Tarantino)
- Sorry to Bother You (Boots Riley)
Dieser kleine Hugo-nominierte SF-Film ist in Deutschland gar nicht ins Kino gekommen (momentan bei Amazon Prime streambar). Gegen Ende schlägt die Satire leider über die Stränge. - Terminator 6: Dark Fate (Tim Miller)
- The Bachelors (Kurt Voelker)
Leise, behutsame Komödie mit dramatischen Untertönen. Welch wunderbare Idee, J.K. Simmons und Julie Delpy zusammenzubringen! - Wunder (Stephen Chbosky)
Schöner Kitsch mit Julia Roberts und Jacob Tremblay (Room).
Ärgernisse (1/10):
- Joker (Todd Phillips)
- Feinde - Hostiles (Scott Cooper)
Ein grauenhaft chargierender Christian Bale in einem schlimmen Western - The Death of Stalin (Armando Iannucci)
Bin ohnehin kein Fan von Iannucci (Veep), aber hier hätte doch irgend jemand der hochkarätigen Beteiligten merken müssen, dass das Konzept nicht funktioniert!
Weitere Schlusslichter (2/10)
- Brightburn (David Yarovesky)
Eine gute Idee (Anti-Superman) macht noch keinen guten Film. Da hätte ich selbst ein besseres Drehbuch draus machen können. Mein Ausgangspunkt: Die Kents zu unfähigen/missbrauchenden Eltern machen! - Eighth Grade (Bo Burnham)
Mit dieser preisgekrönten Pennälergeschichte konnte ich überhaupt nichts anfangen. - Greta (Neil Jordan)
Isabelle Huppert mag ich ohnehin nicht, und Neil Jordan (The Crying Game) fällt nix mehr ein. - Widows (Steve McQueen)
Qualvolle Frauenpower
Ehrlose Erwähnungen (3/10):
- Der Spitzenkandidat (Jason Reitman)
Und alle hüpfen mit Hans Rosenthal: Das war - scheiße! - Django (Etienne Comar)
Wie schafft man es, einer schillernden Persönlichkeit wie Django Reinhardt solch eine langweilige Biographie zu widmen? - Hellboy: Call of Darkness (Neil Marshall)
Zur Hölle damit. - Maria Stuart (Josie Rourke)
Kopf ab. - Roma (Alfonso Cuarón)
- Schloss aus Glas
Brie Larson lächelt zu wenig.
Ausblick
Ich gehöre inzwischen nicht mehr zu den Menschen, die atemlos auf die nächsten Hollywood-Wunder warten. Listen wie "50 Filme, die Ihr 2020 nicht verpassen dürft" lösen bei mir nur noch ein Schmunzeln aus. Aber auf ein paar Highlights bin ich doch gespannt. Am wenigsten Erwartungen habe ich noch beim 25. offiziellen Bond No Time To Die. Die Craig-Ära war für mich Hit & Miss. Richtig überzeugt hat mich nur sein Debut Casino Royale (2006). Der neue Film soll direkt an Spectre (2015) anschließen, nicht unbedingt eine Empfehlung. Und dann gibt es noch einen weiteren 25. Film, nämlich im November: The Eternals aus der Avengers-Reihe. Durchaus möglich, dass Kevin Feige hier auf seinen ersten Flop hinsteuert. Bis dahin gibt's übrigens erstmal das Black-Widow-Prequel (Ende April). Marvel hat inzwischen ähnlich wie 007 einen grenzwertigen Level von Selbstreferenzierung erreicht. Das kann einem gelegentlich das Filmerlebnis versauern (wie zuletzt bei Spider Man: Far From Home), ist allerdings auch für herrliche Scherze gut. So legt Happy (Jon Favreau) im Jet als Hommage an Iron Man eine AC/DC-Scheibe auf, die von unserem Gen-Z-Spidey kommentiert wird mit "Oh, ich liebe Led Zeppelin!".
Nachrufe
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Bruno Ganz war einer der großen, international anerkannten deutschsprachigen Schauspieler. Seine berühmte Darstellung Hitlers war mutig, auch wenn ich Der Untergang nicht besonders schätze. Für mich bleibt er immer mein Lieblingsengel aus Der Himmel über Berlin.
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Stanley Donens Spezialität waren Musicals, er war ausgebildeter Tänzer. Mit Singin' in the Rain schuf er gemeinsam mit Gene Kelly das schönste des Jahrhunderts. In Royal Wedding ließ er Fred Astaire an der Decke seines Hotelzimmers tanzen. Mit Audrey Hepburn drehte er nach Funny Face auch noch das für immer spaßige Charade ("How do you shave in there?" macht sie sich über das Kinn-Grübchen des 25 Jahre älteren Cary Grant lustig) und die melodramatische Romanze Zwei auf gleichem Weg. Donen wurde 94.
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Rutger Hauer war bereits eine Ikone des jungen niederländischen Kinos der 70er, als Ridley Scott ihn als Gegenspieler von Harrison Fords Decker in Blade Runner besetzte. Ein Teil des berühmten Schlussmonologs stammt von ihm selbst, was man allein schon am Grammatikfehler erkennen kann (es müsste "in the rain" heißen). All these moments will be lost in time - like tears in rain. Ein paar Jahre später glänzte er in einer seltenen Hauptrolle in Ladyhawke. Zuletzt war er in Luc Bessons missglückter Valerian-Verfilmung zu sehen.
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Danny Aiello war bei seinem Kinodebut schon 40, doch gleich sein zweiter Credit war für Der Pate, Teil 2. Er hatte kleine Rollen in vielen weiteren großen Filmen, so in Es war einmal in Amerika, Mondsüchtig und (Oscar-nominiert) als Pizzeria-Inhaber in Do the Right Thing. Mir wird er immer im Gedächtnis bleiben als Vermittler und "Bank" des Auftragskillers, in Leon der Profi.

Vonda McIntyre war 1979 nach Ursula LeGuin und Kate Wilhelm die dritte Frau, die einen Hugo für den besten Roman gewann, für Dreamsnake. Abgesehen von diesem schönen Höhepunkt war ihr Output eher sporadisch, darunter Auftragsarbeiten zur Novellisierung einiger Star-Trek-Filme. McIntyre starb am 1. April mit 70 Jahren.

Nach zwanzig Jahren schloss zum 31. Dezember das Cinestar Original im Berliner Sony-Center, das in acht Sälen (plus einem Imax-Theater) meist englische Originalfassungen zeigte. 416 Vorstellungen habe ich dort erlebt (nur fünf davon im Imax - nicht mein bevorzugtes Format). Die erste war 2002 Good Advice, die letzte vor einigen Wochen Last Christmas. Es war eine Berliner Institution, in der man auch außerhalb der extravaganten Premieren oft Prominente sichten konnte, etwa Tom Tykwer. Die Besucherzahlen waren gut, aber offenbar hat der Vermieter Ideen, wie er noch mehr Geld aus dem Objekt herausschlagen kann. Viel Glück bei der Umwidmung der Kellerräume!
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