Suche im Blog

Samstag, 6. Juli 2019

Spidey in Europa: Far From Home (8/10)

Nach einigen faden Beiträgen gibt es pünktlich zum US-amerikanischen Nationalfeiertag doch noch ein Comic-Feuerwerk. Das war auch notwendig nach dem dilettantischen Hellboy-Remake, das auch von Paul W. S. Anderson hätte stammen können (inklusive Auftritt seiner Ehefrau Milla Jovovitch), sowie Dark Phoenix, dem abschließenden, arg oberflächlichen X-Men-Abenteuer von Sony, ein Universum, das nun ebenfalls in Disney aufgeht (oder untergeht?) Ganz zu schweigen vom uninspirierten vierten Teil der Men in Black, das durch seine sympathischen Darsteller immerhin einen soliden Unterhaltungswert bot. Aber wer hätte gedacht, dass ausgerechnet die letzte Fußnote zur Avengers-Phase 3 nochmal einen Höhepunkt liefern würde? Noch besser hätte es mir allerdings gefallen, wenn die Geschichte wirklich in sich abgeschlossen wäre und nicht nach den Credits noch zwei Megatwists geliefert hätte, die mir den Spaß ziemlich versauert haben. Aber es muss ja noch eine Phase 4 geben...

Embed from Getty Images

Für die Amerikaner ist offenbar Europa viel weiter von zu Hause entfernt als etwa Titan, Heimatplanet von Thanos, auf dem sich Spidey nach dem zweiten Snap ja wohl eigentlich gestrandet hätte wiederfinden müssen? Stattdessen gibt es einen Haufen Europa-Klischees: das romantische Venedig, das malerische Prag, freundliche Niederländer, umtriebige Londoner, und mal wieder den Berliner Hauptbahnhof (wird der eigentlich jedesmal neu abgefilmt, oder gibt es Archivmaterial, aus dem sich Hollywood bei Bedarf bedient?) Sei's drum, es macht einfach Spaß, Peter Parker, Ned, MJ und Kumpanen auf Klassenfahrt zu begleiten. Natürlich nicht unbeobachtet, dafür sorgen Nick Fury und sein Sidekick Maria Hill (erfreulich, dass Cobie Smulders diesmal etwas länger zu sehen ist). Und Samuel L. Jackson ist mit seinen 70 Jahren immer noch in Hochform: Seine Blicke können töten, seine Sprüche foltern (Ned kommt dabei gut weg, er wird nur in Schlaf versetzt). Und das alles mit nur einem Auge (wer sich von ihm ohne Augenklappe bespaßen lassen will, dem sei die hübsche, allerdings auch blutige Buddy-Komödie The Hitman's Bodyguard empfohlen).

Embed from Getty Images
Embed from Getty Images

Und dann gibt es noch das größte Spannungselement des Films: Was passiert zwischen Tante May (Marisa Tomei) und Happy (Jon Favreau)? Letzterer taucht jedenfalls immer wieder auf, auch wenn er die Vaterfigur nicht so draufhat. Es ist unklar, woher er seine Ressourcen hat - arbeitet er jetzt für SHIELD oder gehört sein Jet Stark Industries (sprich: Pepper Potts)? Aber wie man das von Happy gewohnt ist, kann er am Ende nicht mal einen Speer von einer Hellebarde unterscheiden. Ein weiteres Rätsel hat den passenden Namen Mysterio. Jake Gyllenhaal spielt nach mehreren moralinsauren Rollen endlich mal wieder locker auf (Fun Fact: 1991 war er in City Slickers Billy Crystals Sohn). Der Soldatenheld aus einer Paralleldimension entpuppt sich als geschickterer Mentor des jungen Peter Parker als Nick Fury, mit unvorhersehbaren Folgen...

Embed from Getty Images

Embed from Getty Images

Dem Konzept der Paralleluniversen (Multiverse) kann ich nichts abgewinnen. Mir scheint die Idee, dass sich das Universum bei jeder Entscheidung verzweigt, nur eine Entschuldigung für Beliebigkeit. Schlimmstes Beispiel hierfür ist Marvels erster Oscar-Gewinner (!), Spider-Man: Into the Spiderverse. Dieses Machwerk ist ein übelkeiterregender Brei aus Erdbeeren und Erbsen, Ananas und Pilzen. Für einen Comic ist es eine nette Idee, Spider-Man im Chandler-Stil in Schwarzweiss zu inszenieren. Eine solche Figur mit anderen farbigen Inkarnationen interagieren zu lassen ist einfach nur Schwachsinn. Und damit habe ich mich noch nicht mal über Spiderschweinchen ausgelassen, oder das Mangamädel. Der Erfolg dieses handlungsfreien Traktats für politische Korrektheit ist der beste Beleg für die zunehmende Verdummung der westlichen Gesellschaft. Zum Glück gibt es trotz anfänglicher Bedenken keine Verknüpfung dieser Gurke mit dem Avengers-Universum (Disney hat immer schon die Zeichentrickvarianten separat von den Realfilmen gehalten, siehe auch Star Wars).

Embed from Getty Images

Zur Mitte des Films nimmt Spider-Man: Far From Home eine recht düstere Wende, die die Marvel-typischen Materialschlachten einleitet. Macht aber nichts, damit musste man rechnen. Der Sieg über die Schurken ist ja eine Notwendigkeit. Aber kommt es am Ende zum Kuss zwischen Peter und MJ? Spideys Flamme ist mit Zendaya übrigens perfekt besetzt. Mit 22 sehen die Jungstars nicht mehr unbedingt wie 16 aus, aber ihr Verhalten passt super. Tom Holland ist mir nach anfänglichem Unbehagen doch ans Herz gewachsen, und Neds Liebesabenteuer mit Betty ist einfach herrlich. Darstellerin Angourie Rice ist übrigens die einzige Klassenkameradin mit korrektem Alter - sie überzeugte schon in Nice Guys als Ryan Goslings kecke Tochter Holly und in der ansonsten mittelmäßigen Black-Mirror-Episode Rachel, Jack and Ashley Too.

Embed from Getty Images

Wenn Far From Home weniger ein Glied in der Avengers-Kette und mehr in sich geschlossen wäre, würde er sogar dem ersten Auftritt von Tobey Maguire Konkurrenz machen können. So ist dies für mich immerhin der beste Avengers-Film seit Thor: Ragnarök, und Spider-Man entwickelt sich immer mehr vom Comic Relief zum Herz des Teams. Sehr gut (8/10).

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen