Curtis Hanson hatte eine merkwürdige Karriere. Nach zwei Jahrzehnten unpersönlicher Auftragsarbeiten - etwa Das Schlafzimmerfenster (1987), Die Hand an der Wiege (1992) - katapultierte er sich 1997 mit dem herausragenden James-Ellroy-Thriller L.A. Confidential plötzlich in die A-Liste der Hollywood-Regisseure. Bei den Oscars war als Produzent und Regisseur nominiert und gewann gemeinsam mit Brian Helgeland den Preis für die beste Drehbuchadaption, Kim Basinger gewann als beste Nebendarstellerin. Der stimmungsvolle, in den 50ern spielende Krimi um drei sehr unterschiedliche Polizisten (Kevin Spacey, Russell Crowe, Guy Pearce) hält sich auch heute noch knapp in der IMDB-Top100.
Der immerhin ebenfalls drehbuchnominierte Nachfolger, Die Wonder Boys, gehört zu meinen Lieblingsfilmen des Jahres 2000 (Bob Dylan gewann übrigens für seinen Song "Things Have Changed" seinen bislang einzigen Oscar). Nach meiner sehr persönlichen Zählung gab es damals gleich drei Meisterwerke und sechs weitere herausragende Filme - welch ein Kinojahr:
- Almost Famous (Cameron Crowe, 10/10)
- Traffic (Steven Soderbergh, 10/10)
- Memento (Christopher Nolan, 10/10)
- Tiger & Dragon (Ang Lee, 9/10)
- Die Wonder Boys (Curtis Hanson , 9/10)
- High Fidelity (Stephen Frears, 9/10)
- Billy Elliot - I Will Dance (Stephen Daldry, 9/10)
- Chocolat (Lasse Hallström, 9/10)
- Wir müssen zusammenhalten (Jan Hrebejk, 9/10)
Danach wurde es leider schnell wieder ruhig um Hanson. Sein Eminem-Biopic 8 Mile konnte mich 2002 nicht so recht überzeugen. Die nette Komödie In den Schuhen meiner Schwester mit Cameron Diaz, Toni Collette und Shirley McLaine war 2005 noch ein letzter Höhepunkt. Sein gar nicht so übler Surferfilm Chasing Mavericks mußte 2012 von Michael Apted abgeschlossen werden, Hanson war an Alzheimers erkrankt. An den Folgen verstarb er am vergangenen Dienstag. Vielleicht war er einfach zu nett, um weitere große Projekte an Land zu ziehen. Aber nicht viele Regisseure hinterlassen der Nachwelt gleich zwei herausragende Filme.
Hier meine Kritik zu Wonder Boys nach dem Kinobesuch (am 20.11.2000):
Es gibt kein Rezept dafür, einen guten Film zu machen. Auch die Methode, ein paar kreative Leute zusammenzuholen und das Beste zu hoffen, führt oft ins Abseits. Hier jedoch hat es geklappt. Autor Steve Kloves (Die fabelhaften Baker Boys) und Regisseur Curtis Hanson (L. A. Confidential) machen aus Michael Chabons Roman ein außergewöhnliches Kinoerlebnis. Versucht man die Handlung zu beschreiben, hört sich das fast nach einer Farce an, wie man sie von den Coen-Brüder kennt (und schätzt). Das trifft es aber nicht ganz - Wonder Boys hat zudem Herz, und seine Figuren sind viel näher am wirklichen Leben als die Karikaturen aus Fargo oder The Big Lebowski. Solche Charaktere erfordern außergewöhnliche Schauspieler, und die waren hier versammelt. Frances McDormand, Tobey Maguire und besonders Robert Downey Jr. (gezeichnet von Gefängnisaufenthalt und Drogenkonsum, aber umso präsenter) sind ideale Besetzungen. Michael Douglas jedoch spielt alle an die Wand. Es hat lange gedauert, aber jetzt endlich ist der Kirk-Douglas-Sproß zum Charakterdarsteller gereift. Er gibt dem ständig bekifften, sich nie entscheiden könnenden Versager und ehemaligen Wunderknaben genau das Maß an Würde, das die Rolle ausbalanciert. So können wir mit ihm, aber nicht über ihn lachen. Und zu lachen gibt es viel, auf seine (hintergründige) Art ist Wonder Boys mindestens so komisch wie O Brother, Where Art Thou oder High Fidelity. Und so verzeihen wir gern ein etwas schwaches (amerikanisches) Ende und den geschwätzigen Start, bis der Ich-Erzähler den Handlungsrahmen erklärt hat. Nun gut, das ermöglicht dann einen flotten Einstieg in die Geschichte, die an einem einzigen Wochenende spielt. Übrigens, wenn möglich die Originalversion anschauen: kaum anzunehmen, daß die beeindruckende Erzählstimme von Michael Douglas angemessen synchronisiert werden konnte.
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