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Sonntag, 25. September 2016

Meine Emmy-Auslese 2016

Wenn ich mir die Emmy-Show anschaue, das TV-Pendant zu den Oscars, fühle ich mich ein wenig wie auf einer Party, zu der mich ein Bekannter eines Bekannten eingeladen hat. Etliche Gesichter kommen mir bekannt vor, viele Namen liegen mir auf der Zunge, aber es sind einfach zu viele Teilnehmer in rasanter Abfolge, um auch nur die Hälfte einordnen zu können. Die amerikanische TV-Landschaft hat sich in den letzten Jahren wahnsinnig verzettelt, es gibt Hunderte von Shows, die verzweifelt um Zuschauer kämpfen. Zu den klassischen flächendeckenden Sendern (ABC, NBC etc.) kommen nun nach den Kabelgiganten (HBO, Showtime) auch noch die Streaminganbieter (Netflix, Amazon). Wer kann sich das alles ansehen? Sicher nicht die Mitglieder der Fernsehakademie; kaum jemand wird nach dem üblichen 14-Stunden-Arbeitstag noch die Konkurrenz begutachten wollen. Daher werden bei den Emmys natürlich die Prestigeprojekte gefeiert, die Publikumslieblinge und vielleicht noch der eine oder andere Kritiker-Darling. In Deutschland schon mal ziemlich unbekannt ist der Moderator Jimmy Kimmel, ein beliebter Talkshow-Host, der einen ganz ordentlichen Job gemacht hat:

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Wie bei den Golden Globes wird in den meisten Kategorien zwischen Comedy und Drama unterschieden, aber davon gibt es viel, viel mehr - und dabei wurden die "technischen" Preise (Kamera, Schnitt etc.) bereits einige Tage zuvor separat ausgeschüttet. Da gibt es Serie, Limitierte Serie, TV-Movie, Variety-Program, ... Während die Dramen oft ziemlich humorlos erscheinen, haben offenbar bei den Komödien offenbar die Shows mit möglichst viel Pathos oder wichtigen Themen die Nase vorn. Nachdem die Comedyfabriken Big Bang Theory und Modern Family sich inzwischen ziemlich totgelaufen haben, gewann in diesem Jahr die Polit-Komödie Veep den Top-Preis. Hauptdarstellerin Julia Louis-Dreyfus gewann dafür den vierten Emmy in Folge, macht insgesamt sechs (und nur einer dafür für Seinfeld, immer noch meine liebste Comedy-Serie). Trotzdem habe ich die Geschichte um die unkompetente Vizepräsidentin nach dem Piloten aufgegeben. Lange ausgehalten habe ich es auch nicht bei Amazons Transgender-Geschichte Transparent, trotz des grandiosen und mutigen Jeffrey Tambor. Ich konnte einfach nicht drüber lachen. Hierzu teilte Kimmel eine kluge Beobachtung: 
Transparent wurde als Komödie geboren, fühlt sich aber als Drama ("identifies as a drama").



Umso mehr habe ich mich über den Gewinn einer anderen "Comedy"-Show gefreut, wenngleich nur für das Drehbuch der Episode Parents: Master of None von Aziz Ansari und Alan Yang sträubt sich gegen alle Kategorisierungen, was wohl nur dank Netflix funktioniert. Wenig Drama-Serien erlauben so kluge Einsichten in das Leben von "Asian-Americans", Migranten der zweiten Generation Mitte 30, junger Künstler. Sobald man einmal gelernt hat, die Welt durch die Augen von Aziz Ansari zu sehen, kann das auch hochkomisch sein. Da sich die Schöpfer an kein Schema halten müssen, funktioniert dann auch eine Episode wie Mornings, die über Monate das morgendliche Miteinander und damit die Entwicklung der Beziehung von Aziz und seiner Freundin zeigt.



Eine freudige Überraschung, wahrscheinlich nur durch den gestiegenen Bekanntheitsgrad nach der Übernahme der Serie durch Netflix möglich, ist der Preis für Tatiana Maslany als beste Hauptdarstellerin in einer Drama-Serie. Orphan Black ist ein kleines Juwel der kanadischen BBC, mit dem auch ich erst mit der Zeit warm wurde. Nun hat's gleich bei der ersten Nominierung geklappt - natürlich haben nicht viele Darstellerinnen die Chance, allein fünf Hauptfiguren gleichzeitig zu spielen.



Gefreut habe ich mich auch über den Emmy für Patton Oswald, für das Buch seines Standup-Specials Talking For Clapping, ebenfalls im Netflix-Angebot. Der 47jährige Komiker macht sehr scharfsinnige Beobachtungen, ist aber lange nicht so ausfallend wie viele seiner Kollegen. Dafür ist er wahrscheinlich einfach zu nett (verstörend ist allerdings, dass er genau wie über "Star Wars" auch minutenlang über das Lieblingsprogramm seiner sechsjährigen Tochter, "My Little Pony", referieren kann).



Am Ende gewann dann wie erwartet Game of Thrones als beste Drama-Serie, präsentiert von Kiefer Sutherland, ein Beispiel für einen Drama-Star, der mit einem einzigen Gesichtsausdruck auskommt. Und leider hat die vielleicht schlechteste Episode der Serie, Battle of the Bastards, Preise für die beste Regie und das beste Drehbuch (!) einkassiert. Vorhersehbar, unlogisch, brutal nur um des Schauwertes willen, steht dieser Tiefpunkt meiner aktuellen Lieblingsserie in der IMDB immer noch bei einer unglaublichen Wertung von 9,9. Schade allerdings, dass bei den Nebenrollen niemand zum Zuge kam. Musste wirklich die 81jährige Dame Maggie Smith ihren dritten Emmy für Downton Abbey (den vierten insgesamt) bekommen? Ich jedenfalls hätte "Daenerys" Emilia Clarke, wie "Cersei" Lena Headey zum dritten Mal nominiert, den Preis gegönnt, trotz ihrer fragwürdigen Entscheidung für jenes beige Kleid. Links neben ihr im Foto steht übrigens die erstmalig nominierte "Arya" Maisie Williams in sehr viel mutigerem Outfit.


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