Es gibt also doch noch gute deutsche Filme! Nach einem dreistündigen Arbeitsabend mit Maren Ades in Cannes gefeiertem, dann doch leer ausgegangenen Toni Erdmann ("unsere" Hoffnung bei den Oscars) hatte ich mein Pensum für dieses Jahr eigentlich schon erfüllt. Aber Fatih Akin ist einer der wenigen deutschen Regisseure, deren Werk ich mit Wohlwollen verfolge (da ist schon wieder dieser gönnerhafte Ton - aber anders kann ich dem deutschen Kino gar nicht mehr begegnen). Der 43jährige Hamburger begeistert seit 2000 mit Komödien (Solino) und Dramen (Gegen die Wand), wenngleich er sich zuletzt mit einem Historienfilm über den Armenien-Genozid wohl ein wenig überhoben hat (habe ich aufgrund der Kritiken noch nicht gesehen). Zu Tschick ist Akin zwar sehr spät gestoßen, hatte den Stoff allerdings schon seit Jahren im Visier. Herausgekommen ist seine schönste Komödie seit Im Juli.
Zwei Vierzehnjährige machen sich in den Sommerferien mit einem geklauten Lada auf den Weg in die Walachai. Mehr will ich mich über die Handlung gar nicht auslassen, das kann man überall nachlesen. Das Besondere ist ohnehin der Erzählton. Romanautor Wolfgang Herndorf (1965-2013) hatte sicher schon keinen Sozialrealismus im Sinn. Maiks disfunktionale Familie in Berlin-Marzahn ist satirisch derart überhöht, dass sie ihren Schrecken verliert. Die Gymnasiasten sind fast braver als die (zugegeben älteren) Helden aus der Feuerzangenbowle, und im Wilden Osten treffen Maik und Tschick kauzige und skurille Typen, die fast aus einer Fabel stammen könnten. Das von Veteran Hark Bohm und Herndorf-Kumpel Lars Hubrich verfasste Drehbuch verschiebt die Geschichte zwar nominell in die Gegenwart, aber die Kommunikation der Schüler über Papierzettelchen mutet in Whatsapp-Zeiten doch anachronistisch an.
So schwebt Tschick ein wenig zwischen den Zeiten, was aber einen Teil seines Charmes ausmacht. Dazu passt auch die Musik, die neben dem Talking-Heads-Ableger Tom Tom Club eher aktuelle Popsongs zu bieten hat (etwa Goosebumps von Seeed). Der Hammer ist natürlich die abgenudelte Version von Richard Claydermans Ballade pour Adeline, von den Jungs auf Musikcassette (!) im geklauten Lada entdeckt. Die gruselige Kitschballade war Ende der 70er gerade in Deutschland ein großer Hit und machte den französischen Sunnyboy für kurze Zeit zum TV-Star. Ich hoffe nicht, dass der Film jetzt ein Revival für süßliche Klavierballaden bedeutet! Sehr gut gefallen hat mir dagegen die locker-flockigen Originalmusik von Vince Pope (siehe das Soundtrack-Album).
Perfekt gecastet sind die tatsächlich erst 14jährigen Hauptdarsteller Tristan Göbel und Anand Batbileg sowie die 19jährige Nicole Mercedes Müller als Isa. Da wirkt kaum ein Dialog gekünstelt, und es wird auch nicht versucht, sich an eine Generation anzubiedern. Ob der Film allerdings bei Jugendlichen ankommen wird, wage ich nicht vorauszusagen (er ist freigegeben und empfehlenswert ab 12). Sprüche à la Fack ju Göhte ("Chantal, heul leiser") gibt es weniger, wenngleich ich immer noch die "übertrieben geile Jacke" im Ohr habe. Bei den Erwachsenen erkannte ich schon ein paar Misstöne, so etwa die unglaubwürdige Reaktion des Klassenlehrers (Udo Samel) auf Maiks Aufsatz. Aber vielleicht sind holprige Dialoge der Preis für unsere sperrige deutsche Sprache.
Die 93 Minuten flogen jedenfalls nur so dahin, es stellte sich bei mir auch nicht das bei Jugendfilmen eigentlich übliche Unwohlsein ein (selbst Rob Reiners Stephen-King-Klassiker Stand By Me bewundere ich mehr, als dass ich ihn liebe). Am Premieretag teilten nur ein paar Zuschauer meines Alters den Saal mit mir, wahrscheinlich Fans des Buches. Davon gibt es aber über zwei Millionen, und die Masse hat den Roman auch erst im Lauf der Zeit entdeckt. Ich hoffe, für die Verfilmung gilt jetzt ähnliches. Bisher konnte ich noch keine schlechte Kritik entdecken. Sehr gut (8/10).
Als Zugabe hier noch meine originale Rezension zu Im Juli von 2001:
Ein deutsches Roadmovie, zugleich eine märchenhafte Liebesgeschichte europäischer Prägung. Der türkischstämmige Regisseur Fatih Akin dankt im Abspann den drei Meistern Scorsese, Coppola und Kusturica. Die letzte Nennung ist sicher die naheliegendste, zumal die wunderbar-pfiffige Branka Katic aus Schwarze Katze, Weißer Kater eine der skurillen Figuren verkörpert, denen das Liebespaar in spe Daniel (Moritz Bleibtreu) und Juli (Christiane Paul) auf ihrer Reise nach Istanbul begegnen. Akin hat viele schöne Ideen, zeigt malerische Landschaften und setzt ein paar gutgezielte Pointen (mehr Gag als Metapher: die Sonnenfinsternis, die dem Verschwinden der sonnigen Juli folgt). Er verliert dabei allerdings nie den roten Faden und hält den Zuschauer damit besser bei der Stange als Kusturicas sehr in die Breite gehender Erzählstil, der seine Hauptfiguren schon mal aus dem Blick verliert. Das passiert Akin nicht, der mit Moritz Bleibtreu eine ideale Besetzung fand für den schüchternen Physikreferendar, der ein bißchen erwachsener wird auf dieser Reise. Und wenn auch nicht gerade die Funken sprühen zwischen ihm und Christiane Paul, so nimmt man ihr die Juli doch ab und freut sich, ihr nach Das Leben ist eine Baustelle mal wieder in einem sehenswerten Film zu begegnen (und ihr Lächeln zu bewundern, das schier unendliche Nuancen zwischen Andeutung und sonnigem Strahlen bietet). Sehr gut (8/10).
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen