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Samstag, 7. Oktober 2017

Klassische Rezension: Billy Elliot (Stephen Daldry, 2000)

Komödien sind oft umso besser, je näher sie der Realität sind, Melodramen am wirkungsvollsten, desto unwahrscheinlicher ihre Ausgangssituation ist. Billy Elliot gelingt die Balance zwischen beiden Extremen. Wenn da Schulkinder unbefangen am Schilderwald der die Streikbrecher bewachenden Polizisten entlanglaufen, hat das eine fast verzweifelte Komik, die länger nachhallt als der beste Slapstick oder der geschliffenste Wortwitz. Und wenn ein Bergarbeitersohn, dem die Boxhandschuhe des Großvaters quasi in die Wiege gelegt wurden, von einer Ballettkarriere träumt, fühlt man mehr mit ihm als mit den vielen Alkoholikern und Todeszelleninsassen, die in Hollywood-Produktionen Mode geworden sind.



Sich eine solche Geschichte auszudenken (Drehbuch: Lee Hall, von dem mir nichts bekannt ist), ist eine bewundernswerte Leistung - daran zu glauben, daß sie verfilmbar ist, ein kleines Wunder. Der Theater-Regisseur Stephen Daldry hat in seinem Film-Debut ein bemerkenswertes Gespür für die Choreographie der Handlung. Mit trockenem Humor, fast ohne Sentimentalität (wenn man vom Ende absieht, das denn doch an die Tränendrüsen appelliert) und mit der typisch britischen Zuneigung zu allen Figuren gelingt ihm eine Gratwanderung zwischen Unterhaltung und Anspruch. Allerdings hat er Glück, glaubwürdige Darsteller gefunden zu haben. Gary Lewis als Billys Vater gibt der Masse der unter der Thatcher-Knute verzweifelnden Arbeiter ein Gesicht, Julie Walters als Tanzlehrerin zeigt eine solch rauhe Schale, daß der weiche Kern stets sichtbar bleibt, und sämtliche Nebenrollen (diese aufgeklärten und doch so unschuldigen Kinder!) sind ebenfalls perfekt besetzt. Aber ohne Jamie Bell als Billy wäre dieser Film trotzdem nichts wert. Sein Lächeln sieht man vielleicht zwei-, dreimal - alles, was Billy ausmacht, drückt er im Tanz aus. Und genau wie die Musik, die zwischen Schwanensee und T. Rex hin- und herspringt, sind auch seine Bewegungen mal zart-ausdrucksstark, mal unbändig-kraftvoll und lebenslustig.

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Ob als Komödie, Analyse einer Vater-Sohn-Beziehung, Bergarbeiterdrama oder Tanzfilm, Billy Elliot überzeugt als der beste britische Film seit Ganz oder gar nicht. Herausragend (9/10).

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