Lang, lang ist's her, dass ich regelmäßig freiwillig für deutsche Komödien ins Kino gegangen bin. Aber so um 1990 herum gab es plötzlich neben der etablierten Kost (Otto, Loriot) freche Filme von jungen Regisseuren mit Typen, mit denen man sich identifizieren konnte. Das gab es vorher nur punktuell, etwa 1980 (und für mich zu früh) mit Marius Müller-Westernhagen in Theo gegen den Rest der Welt. Dann kam 1985 Doris Dörrie (*1955) mit ihrem Megahit Männer (über 5 Millionen Zuschauer). Aber mich persönlich haben vor allem die frühen Filme von Detlev Buck (*1962) und Sönke Wortmann (*1959) begeistert, die ich teilweise wohl erst als Wiederaufführung in den Programmkinos erlebt habe (ich habe aus dieser Zeit keine Aufzeichnungen über meine Kinobesuche). Ein früher Höhepunkt ist nun zum 25jährigen Jubiläum als schöne Blu-ray-Edition wiederveröffentlicht worden: Kleine Haie.
Ingo, Johannes und Ali sind tatsächlich nur sehr kleine Fische im Aquarium Deutschland. Ingo, Tellerwäscher aus Gelsenkirchen, will eigentlich Schriftsteller werden, Johannes und Ali Schauspieler. Der Filmtitel ist denn auch ein Wortspiel auf den "Kleinen Hey", ein Standardwerk zum Sprachtraining ("Es grünt so grün" - nein, falscher Film). Die Jungs sind Anfang 20 und treffen sich bei der Aufnahmeprüfung an der Folkwang-Schule in Essen bzw. per Anhalter auf dem Weg nach München, wo die nächste Prüfung stattfindet. Für ein Roadmovie sind die Jungs eigentlich zu wenig unterwegs, die Entdeckungsreise bezieht sich eher aufs Innenleben der drei so unterschiedlichen Kumpel (zu denen sich in München dann noch die Straßenmusikerin Herta zugesellt). Das ist aber überhaupt nicht abgehoben - Ingo erfindet lausiges SF-Garn, Johannes deklamiert hinreißend unnuanciert Schiller, und Schönling Ali ist eigentlich mehr am Aufreißen von Frauen (am besten mit Übernachtungsmöglichkeit) interessiert. Je weniger man ansonsten von der Geschichte weiß, umso spaßiger ist das ganze. Sei noch erwähnt, dass in einem Anflug von magischem Realismus gelegentlich ein Rettungsengel in Gestalt von Ford-Mustang-Fahrer Ulf vorfährt - Kampfname "Bierchen": "Fahrbier ist ok!" Diese Paraderolle durfte Armin Rohde in Wortmanns nur teilweise geglückten Folgefilm Mr. Bluesman noch einmal aufgreifen. Die Figur wurde übrigens von Wortmanns Co-Autor Jürgen Egger (1959-2009) erfunden.
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Selbst wer von den Kleinen Haien noch nie etwas gehört hat, kennt doch die Darsteller: Für Jürgen Vogel (*1968) als Ingo, schon damals mit Vorzeigegebiss, war es der Durchbruch, ebenso für Kai Wiesinger (*1966) als Johannes, hier tatsächlich noch mit Babyspeck. Gedeon Burkhard (*1969) als smarter Ali konnte schon auf eine kleine Fernsehkarriere zurückblicken. Meret Becker (*1969) als Herta, inzwischen natürlich deutscher Schauspiel-Adel, war zuvor schon in Werner - Beinhart und Wortmanns Erstling Allein unter Frauen zu sehen. Diese ursprünglich fürs Fernsehen auf 16mm gedrehte Klamotte traf wohl einen Nerv und zog über eine Million Zuschauer ins Kino. Das konnte Kleine Haie nicht wiederholen, die ca. 500.000 Tickets waren gemessen am immer noch bescheidenen Budget aber trotzdem ein Erfolg. Wortmanns übernächster Film schoss 1994 dann allerdings den Vogel ab. Der bewegte Mann wurde mit 6,6 Millionen Zuschauern der erfolgreichste deutsche Film der 90er und machte weitere Jungdarsteller berühmt, so Katja Riemann, Joachim Król und leider auch Til Schweiger 😓
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Leider versiegte dann irgendwann der Quell autobiographischer Geschichten, bei Wortmann wie auch bei Buck. Der deutsche Film leidet einfach unter einem Mangel an guten Büchern. Buck war nach seinen in der norddeutschen Tiefebene verwurzelten Beiträgen Karniggels und Wir können auch anders und seinem nachträglich verbreiteten Abschlussfilm Erst die Arbeit und dann?, der die Stallarbeit auf dem elterlichen Hof auf einmalige Weise mit der Hamburger Schickimickiszene kontrastrierte, nie wieder so authentisch (und macht inzwischen vor allem Kinderfilme). Wortmann aus dem Ruhrpott hatte ein wenig mehr Glück, ihm gelang u.a. 2003 mit Das Wunder von Bern noch ein schöner Publikumserfolg. Aber die neue deutsche Komödie war schnell wieder Geschichte. Heute dominieren die aus Klischees zusammengeschusterten Komödien von Til Schweiger (der in dieser Hinsicht so etwas wie der deutsche Stallone ist) und Starvehikel etwa für Matthias Schweighöfer (dem auch der Absturz als Roter Baron nichts geschadet hat). Aber vielleicht schreibt ja in 20 Jahren jemand ähnlich nostalgisch über Fack Ju Göhte...
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Wie auch immer, schön, dass Kleine Haie jetzt hervorragend aufgefrischt auf Blu-ray veröffentlicht wurde, mit einer Einleitung, einem halbstündigen Interview und einem Audiokommentar vom Regisseur und einem kurzen, knackigen Videogruß von Jürgen Vogel. Da verzeihe ich auch gern, dass im informativen, umfangreichen Booklet Jörg Schallenberg den von Heinrich Schafmeister (Comedian Harmonists) gespielten "Mercedes-Fahrer" in leider noch immer typisch schwammiger Wortwahl als "Pädophilen" bezeichnet, obwohl dieser nur ein (allerdings ekliger) schwuler Geschäftsmann ist, der versucht, junge Anhalter aufzureissen ("Schau mal ins Handschuhfach!").
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Bleibt zu hoffen, dass auch weitere Höhepunkte dieser Ära ausgegraben werden. Auf meiner Wunschliste ständen die genannten Filme von Buck und Wortmann (Der bewegte Mann!) und, einer meiner Favoriten, Keiner liebt mich von 1994, wo die Sache mal aus weiblicher Sicht geglückt ist, mit Maria Schrader in der Hauptrolle und Doris Dörrie auf dem Regiestuhl (es gab damals auch noch Katja von Garnier, Rainer Kaufmann und andere). Kleine Haie jedenfalls wirkt nicht nur von der Bild- und Tonqualität immer noch frisch, auch wenn natürlich die Autos wie Oldtimer und die Kommunikationstechnik vorsintflutlich erscheinen mögen. Filmwertung: Sehr gut (8/10).
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Bemerkung: Bei den Fotos muss man jeweils gedanklich 25 Jahre abziehen - GettyImages kennt deutsche Schauspieler noch nicht so lang...
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