Rezept für die Einführung eines neuen Marvel-Superhelden
- Man beginne mit einem außergewöhnlichen Menschen mit markanten Charakterfehlern (bisher waren das alles Männer, aber mit der bereits durch Oscar-Gewinnerin Brie Larson besetzten Figur Captain Marvel wird sich das 2019 ändern).
- Man lege ihn in eine Lebenskrise ein. Bewährte Zutaten für den Sud: Krebs, Granatsplitter am Herzen, Gefängnis, allgemeiner Minderwertigkeitskomplex. Auch möglich: Schulprobleme, finanzieller Ruin, Hybris.
- Optional: Man würze mit einer (vorzugsweise tragischen) Liebesgeschichte. Vielleicht findet man im Gewürzregal sogar eine potentielle Superhelden-Partnerin (siehe The Wasp).
- Man füge eine Kelle Superkräfte hinzu. Beim Einkauf darf der Koch seiner Fantasie freien Lauf lassen - von Spinnenbissen über Wunderdrogen bis hin zum Klassiker Radioaktivität gibt es viele beliebte Variationen.
- Man lasse ihn mit seinen Superkräften für eine Zeitlang garen (nie verkehrt: Trainingsmontage).
- Man schmecke mit Verbündeten und Erzfeinden ab (wichtig: möglichst viele Geschmacksrichtungen berücksichtigen)
- Man lasse ihn in einem furiosen Finale die Welt retten (oder wenigstens die Stadt, das Land oder den Zeitfluss).
- Nach Gutdünken: Rühren und Schütteln (siehe Deadpool).
Strange Brew (Cream, 1967)
Es lohnt sich also kaum, Worte zur Handlung von Dr. Strange zu verlieren. Wie bei allen Rezepten kommt es dann aber doch auf den Koch und die Zutaten an. Was den Chef angeht, war mit Scott Derrickson zunächst mal Skepsis angesagt. Neben einigen Horrorstreifen hat er das sinnlose Remake von Der Tag, an dem die Erde stillstand mit Keanu Reeves zu verantworten. Mitautor Jon Spaihts war gar am missglückten Alien-Prequel Prometheus beteiligt. So schlecht wie erwartet ist die Inszenierung aber nicht geworden, und das Ausgangsmaterial (Comics von Steve Ditko) war offenbar recht inspirierend. Ein erfahrener Regisseur hätte allerdings so manche Szene besser auf den Punkt gebracht. So erscheinen Schlüsselereignisse (die Rückkehr von Dr. Strange nach New York, seine Meinungsverschiedenheiten mit Mordo) eher als abgehakte Plot Points denn als emotionale Höhepunkte. Und trotz photographischem Gedächtnis erlernt Dr. Strange seine Fähigkeiten viel zu schnell. Für den Zuschauer scheinen nur Tage zu vergehen zwischen den ersten Versuchen und den fortgeschrittenen Kabinettstückchen. Alles in allem werden diese Schwächen jedoch durch tolle Effekte und ein überragendes Ensemble wiedergutgemacht.
Dazzling Stranger (Wizz Jones 1970)
Noch weniger Worte zu Benedict Cumberbatch. Klar ist er charismatisch, selbstverständlich trägt er den Mantel des Hauptdarstellers mühelos. Man sollte einmal innehalten und sich vorstellen, wie albern all die Zauberei auf dem Papier ausgesehen haben muss - die entsteht nämlich durch viel Fuchtelei mit einem halben blechernen Faustring und raumgreifenden Gesten, die jeder Management-Coach seiner Clientel sofort wieder austreiben würde. Aber Cumberbatch findet die Balance zwischen Ernsthaftigkeit und Selbstironie, um den Zuschauer in diese Welt zu transportieren.
She's so strange (Travis 1999)
Zu Tilda Swinton habe ich immer noch ein zwiespältiges Verhältnis. Tony Gilroys Gerichtsdrama Michael Clayton, für das sie 2008 einen Oscar gewann, konnte mich nicht so recht begeistern. Aber in den letzten Jahren hat sie wie niemand sonst fantastische Figuren zum Leben erweckt, besonders für die Coens (Hail, Caesar!) und Jim Jarmusch (Only Lovers Alive). Als "The Ancient One" nimmt man ihr bereits zum wiederholten Mal eine in vielen Jahrhunderten erworbene Weisheit ab, und trotz der durch eine Glatze verstärkten Fremdartigkeit bricht immer wieder eine erfrischende Verschmitztheit durch, die sie doch wieder vertraut erscheinen lässt.
People Are Strange (The Doors 1967)
Dann gibt es den Oscar-nominierten Chiwetel Ejiofor als Mordo (und wer den Namen immer noch nicht aussprechen kann, sollte es nun endlich lernen!) Seiner Figur hätte ich mehr Tiefe und bessere Dialoge gewünscht, aber das wurde wohl für die Fortsetzung aufgespart. Nicht viel besser geht es Rachel McAdams, die für die tragische Liebesgeschichte herhalten muss. Lustigerweise hatte sie ja bereits mit Sherlock zu tun, allerdings in der Inkarnation von Robert Downing Jr. Fehlt noch Jonny Lee Miller aus Elementary.
Strange - I've seen that face before (Grace Jones 1981)
Generisch wirkt auch der dänische Star Mads Mikkelsen als Hauptschurke. Dafür hat mir Benedict Wong als (wie passend) "Master Wong" prima gefallen. Der Engländer mit Hongkong-Wurzeln hat einfach eine irre Ausstrahlung, was er inzwischen nicht nur als Kublai Khan in Marco Polo bewiesen hat, und das trotz einer merkwürdig schleppenden Aussprache, die auch nichts mit seiner Heimatstadt Manchester zu tun hat. Hier glänzt er mit feinem stoischen Humor.
Isn't Life Strange? (The Moody Blues 1972)
Es ist schon wagemutig, Magie in ein Universum einführt, welches sich bisher zumindest bemüht hat, den wissenschaftlichen Anstrich zu wahren. Selbst die Asgarder werden als technisch überlegene Ausserirdische dargestellt, und Phil Coulson wird in Agents of Shield nicht müde zu erklären, dass Thor kein Gott, sondern ein Alien sei ("Technically, he's not a god"). Mit der Einführung des Ghost Riders bewegt sich nun aber auch die TV-Serie auf dünnem pseudowissenschaftlichen Eis. Ehrlich gesagt gehört schon die sagenhafte Macht der Infinity Stones (welche die Avengers noch viele Kinojahre beschäftigen werden) hundertprozentig ins Reich der Fantasy. Jetzt ist jedenfalls der Damm gebrochen: Reisen durch magische Tore, die Astralwelt, Zeitmanipulation, eigensinnige Mäntel kann jetzt auch Tony Stark nicht mehr als technischen Fortschritt wegdiskutieren.
Strange Avenues (Jethro Tull 1989)
Immerhin ist die Tricktechnik weit genug, solche fantastischen Ebenen zu bebildern. Im Vorfeld wurde bereits viel Aufhebens um die an Inception erinnernde Spiegelwelt mit ihren Escher-puzzeligen Straßenzügen gemacht. Ja, sie ist beeindruckend, aber doch mehr ein Gimmick. Beeindruckender fand ich die vielen kleinen Effekte, die Alltagsmagie sozusagen, die wirklich nahtlos integriert ist. In 3D schlagen dem Zuschauer oft feine verzauberte Funken ins Gesicht. Trotzdembin ich mir nicht sicher, ob sich dafür das Brillentragen lohnt. Übrigens ist es tatsächlich gelungen, dem bei Marvel traditionellen Actiongewitter zum Abschluss einen neuen Dreh zu geben - die Guten und die Bösen kämpfen, während um sie herum die Zeit rückwärts läuft, inklusive eines kleinen spaßigen Twists.
Goodbye Stranger (Supertramp 1979)
Ebenfalls üblich sind die beiden Postcredit-Szenen, von denen eine auf die Fortsetzung neugierig macht und die andere den nächsten Gastauftritt vorbereitet. "Spoilerfreier" Tip: Cameo eines Avengers mit modischer Barttracht... Jedenfalls hat mich die Marvelmaschinerie wieder eingefangen, und ich freue mich auf 2017: Guardians Vol. 2 (yeah!), Spiderman: Homecoming (na ja), Thor: Ragnarök (spannend). Auf ein Wiedersehen: Dr. Strange = Marvel-Magie. Sehr gut (8/10).
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