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Sonntag, 23. Oktober 2016

SF-Klassiker #10: Ringwelt (Larry Niven, 1970)

Science-Fiction-Fans lieben gewagte Konzepte, wie sie vor allem in der "harten" SF präsentiert werden. Diese reichen von plausiblen Vorhersagen zu unwahrscheinlichen Konstrukten bis hin zu physikalisch unmöglichen Ideen. Ein Beispiel aus der ersten Kategorie ist ein Kommunikationsnetz aus geosynchronen Satelliten, welches Arthur C. Clarke bereits 1945 beschrieben hatte. Zur zweiten Kategorie gehört etwa die über hundert Jahre alte Idee des Weltraumlifts, die Ende der 70er in Romanen von Clarke und Charles Sheffield aufgegriffen wurde. Larry Nivens Ringwelt ist vielleicht das berühmteste Beispiel für eine unmögliche Idee, die trotzdem zu einer Vielzahl von wissenschaftlichen Erörterungen geführt und die Fantasie unzähliger Leser beflügelt hat. Hochverdient wurden ihm dafür Hugo und Nebula für den besten SF-Roman des Jahres verliehen. Zusätzlich gewann er zwischen 1967 und 1976 drei Hugos für Kurzformen.


So beschreibt Niven seine Ringwelt (aus dem Englischen paraphrasiert):
Man nehme 15 Meter hellblaues Geschenkband mit einer Breite von 2,5 Zentimetern, bilde daraus einen Ring, den man mit der Kante auf dem Fußboden aufstellt, und platziere in der Mitte eine Kerze. Dann vergrößere man den Maßstab: Mit der Sonne im Zentrum stelle man sich den Ring etwa im Erdabstand vor, 1,6 Millionen Kilometer breit (grob 30 mal der Erdumfang). Der Ring rotiert mit mehr als 1.200 Kilometern pro Sekunde, um auf der Innenseite erdähnliche Gravitation zu simulieren. Die Kanten sind durch 1,6 Kilometer hohe Steilwände eingegrenzt, damit die Atmosphäre nicht entweicht, und zwischen dem Ring und der Sonne stehen in gleichmäßigen Abständen 20 riesige, rechteckige Schattenspender im Orbit, die für einen Tag-Nacht-Rhythmus von 30 Stunden sorgen. Das Außenmaterial des Rings muss dabei aus sagenhaft widerstandsfähigem Material bestehen (der Autor beschreibt es als "unreasonably strong" und postuliert, dass nur 40% der kosmischen Neutrinos es durchdringen können).
Ein beeindruckendes Konstrukt bedingt natürlich noch keinen tollen Roman. Zum Glück wurde Niven in diesem Fall von der Inspiration nicht im Stich gelassen. Die Erforschung der Ringwelt bietet nicht nur spannende Abenteuer mit vielen Überraschungen, sondern auch eine exzellente Figurenkonstellation. Aber zunächst noch ein paar Worte zur Ausgangslage. Die Geschichte ist in Nivens "Known Space"-Universum angesiedelt, benannt nach der etwa 60 Lichtjahre durchmessenden Einflusssphäre der Menschheit gut tausend Jahre in der Zukunft. Die meist von Aliens, zum Beispiel den Raumnomaden der Outsiders übernommene Technologie besteht aus den in der SF lange eingeführten Zutaten: Reisen durch Ent- und Rematerialisierung (bei Perry Rhodan heißt das "Materietransmitter", bei Star Trek "Beamen"), lebensverlängernde Drogen, überlichtschnelle Raumfahrt und künstliche Gravitation. Da ist das Konstrukt der Ringwelt schon fast wieder plausibel zu nennen (ich erwähne das trotz aller Liebe zum Genre nur, um auf die Schizophrenität sogenannter "harter" SF hinzuweisen).

Hauptfigur ist Louis Wu, 200 Jahre alter Lebemann (mit der Physis eines 20jährigen). Er wird vom Puppeteer Nessus (einem Alien mit zwei Köpfen und drei Beinen) an seinem Geburtstag für eine Expedition rekrutiert. Das ist in sofern außergewöhnlich, als das Volk der als Feiglinge verschrienen Puppetiers schon seit Jahren den Known Space verlassen hat, auf der Flucht vor den in 2000 Jahren erwarteten Auswirkungen von Novaexplosionen im galaktischen Kern. Dazu gesellt sich Chmeee, ein Mitglied der aggressiven, tigerähnlichen Kzins, die sich in jahrzehntelangen Kriegen mit der Menschheit fast aufgerieben haben, und zuletzt die 20jährige Teela, ein Erdenmädchen, das aufgrund besonderer Umstände fast einer vierten Rasse zugeordnet werden muss (was sie nicht davon abhält, eine Liebesbeziehung mit Wu einzugehen). Übrigens keine Sorge, eine Liebesgeschichte ist dies wirklich nur am Rande.

Spannend ist nicht nur die Dynamik zwischen den vier Forschern, sondern auch die sich erst langsam enthüllende Beziehung zwischen den drei Zivilisationen, deren Werdegang stärker miteinander verknüpft ist, als sie selbst zu Beginn erahnen konnten. Dazu kommt das Geheimnis um die verschollenen Schöpfer der Ringwelt, die technologisch allen anderen überlegen gewesen sein mussten, allerdings scheinbar keine Überlicht-Raumfahrt zur Verfügung hatten. Im Laufe der Geschichte wird auch Teelas Rolle immer wichtiger. Aufgrund der einen kritischen Punkt erreichenden Überbevölkerung hatte die Menschheit nämlich vor Jahrhunderten eine strenge Geburtenregelung eingeführt, die das Recht auf Elternschaft neben anderen Kriterien auch auf eine Zufallskomponente begründet. Teela ist nun in fünfter Generation das Kind solcher Lotteriegewinner, und der Expeditionsleiter Nessus hofft, dass ihr statistisches Glück auf sein Unterfangen abfärbt.

Das ist natürlich eine wagemutige Idee, und ich muss gleich einräumen, dass Niven diese durchaus mit einem Augenzwinkern einführt. Überhaupt ist sein Erzählton eher leichtfüssig. Seine sprachlichen Mittel sind begrenzt, aber er schreibt spannend, humorvoll und mit Herz. Die Darstellung der glaubwürdig fremdartigen Aliens finde ich sehr gelungen, Sexszenen sind geschmackvoll zurückhaltend gestaltet. Frauenfiguren sind allerdings nicht Nivens Stärke (da steht er in der Tradition von Heinlein, Clarke und Asimov). Als Agnostiker interessiert den Autor Religion wenig, und er geht sogar so weit, ein neutrales Schimpfwort zu erfinden. "tanj" steht für "there ain't no justice" und gibt den Dialogen durchaus ein gewisses Flair, auch wenn das Thema kontrovers diskutiert wird (siehe den Wikipedia-Artikel Profanity in Science Fiction). Frakking ridiculous!

Bei genauerem Hinsehen ist Nivens Konstrukt einer futuristischen menschlichen Gesellschaft allerdings ziemlich fragwürdig. Vor den fatalen Gefahren der Überbevölkerung hatte schließlich schon 1968 John Brunner in seinem Hugo-prämierten Roman Stand on Zanzibar gewarnt - der Titel bezieht sich auf den Zeitpunkt, zu dem theoretisch nicht mehr alle Menschen einen Stehplatz auf der afrikanischen Insel Sansibar zur Verfügung haben würden (diesen haben wir übrigens inzwischen erreicht - Glückwunsch!) Dass Niven nun die größte Einschränkung für Bevölkerungswachstum in der mangelnden Hitzeableitung einer Welt sieht, wirkt auf mich schon vorgestrig. Anderseits hatte er nicht den Anspruch, die Gesellschaft aus sozialwissenschaftlicher Sicht zu betrachten. Das Schöne des Genres ist ja unter anderem die mögliche Vielfalt. Nivens Gewinn war eingerahmt von Ursula Le Guins philosophischem, Geschlechterrollen hinterfragenden Meisterwerk Die linke Hand der Dunkelheit ("The Left Hand of Darkness") und Philip José Farmers ebenfalls auf einem grandiosen, allerdings eher mystischen Konzept beruhender Flusswelt der Zeit ("To Your Scattered Bodies Go").

Larry Niven 2015

Der 78 Jahre alte Larry Niven gehört zur zweiten Generation und wohl auch zur zweiten Reihe der Hard-SF-Autoren. Er wurde erst 2015 von der amerikanischen Autorenschaft mit dem Damon Knight Memorial Grand Master Award zum 31. Großmeister der Science Fiction ernannt. In jungen Jahren habe ich etliche seiner unterhaltsamen, aber selten tiefgehenden Romane gelesen, von denen viele in Zusammenarbeit mit Jerry Pournelle entstanden. Von seinem Werk ist mir aber nicht viel im Gedächtnis geblieben, am ehesten noch das 1971 veröffentlichte humoristische Gemeinschaftswerk mit David Gerrold, Die Fliegenden Zauberer. Sein Hauptvermächtnis ist zweifelsohne der Ringwelt-Zyklus. Die erste Fortsetzung erschien 1980, vor allem aufgrund hartnäckig aufgeworfener technischer Fragen der Fans. So befindet sich die Ringwelt ja astronomisch gesehen nicht in einem Orbit um ihre Sonne, was die Stabilität des Systems in Frage stellt. Tatsächlich stellt dann die zweite Forschungsexpedition in "Die Ingenieure der Ringwelt" genau dieses fest - die Sonne steht nicht mehr im Zentrum des Rings und droht diesen zu zerstören. Ansonsten schrieb Niven leider nur die gleiche Figurenkonstellation weniger interessant fort. Der enthüllte kosmische Zusammenhang wirkt auf mich dann aufgesetzt. Wer würde schon seine Geschlechtsorgane gegen ein zweites Herz eintauschen, Langlebigkeit hin oder her?

Erst die eBook-Technik ermöglicht die Wiederveröffentlichung vieler alter Klassiker zu vernünftigen Preisen. Leider gibt es noch Verlage, die diese Entwicklung blockieren. So verlangt Amazon für die berühmten Romane von Joan Vinge inakzeptable Preise um die 20 Euro für die Kindle-Editionen. Die beiden genannten Ringwelt-Romane sind erst seit einem Jahr erhältlich, für gerade noch vertretbare 5-6 Euro. Dabei ist der erste Band für den Kindle offenbar sorgfältig aufbereitet worden (u.a. mit X-Ray, einem interaktiven Figurenverzeichnis), die Fortsetzung deutlich weniger gut (mit gelegentlichen, aber kaum den Lesefluss störenden Scan-Fehlern).

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