Ein etwa 30 Jahre alter Bekannter hat mir neulich etwas verschämt gestanden, dass er noch nie einen Woody-Allen-Film gesehen hat. Das ist für meine Generation schier unvorstellbar. Wie die Dire Straits oder Otto Waalkes war Woody Allen gerade in den 80ern Popkulturgut. Aus den Programmkinos war er nicht wegzudenken, Wiederholungen insbesondere seiner "frühen komischen" Filme waren nicht nur im Studentenwohnheim Fernsehereignisse. Seine mit vier von fünf der wichtigsten Oscars ausgezeichnete Annie Hall (Richard Dreyfuss schnappte Woody den Preis als Hauptdarsteller weg) war in Deutschland als "Der Stadtneurotiker" bekannt. Dieser hiesige Verleihtitel fasste Allens Faszination grob vereinfachend zusammen. Und natürlich gab es das alles nur in der deutschen Fassung. Maßgeblich zum Erfolg trug damals sein Synchronsprecher Wolfgang Draeger bei. Der im Berliner Wedding aufgewachsene Kabarettist wusste Allens nervösen jüdischen Witz kongenial zu übertragen und war über Jahrzehnte die unverwechselbare deutsche Stimme des Meisters.
Diese Stimme ist im Original inzwischen ziemlich brüchig geworden. In Café Society taucht nur gelegentlich Woody Allens Voice-over auf, um das umfangreiche Personal in Los Angeles und New York einzuführen. Untermalt wird das wie üblich, aber diesmal zur Handlungszeit passend, vom Playback verschiedener Jazz-Kombos. Neu ist das für Woody extreme Breitbildformat (2.00 : 1) des dreifachen Oscar-Preisträgers Vittorio Storaro (Apocalypse Now, Der letzte Kaiser). Allen hat schon viele tolle Kameraleute (im Englischen besser: Directors of Photography) beschäftigt, so Gordon Willis (Der Stadtneurotiker, Manhattan), Carlo DiPalma (Hannah und ihre Schwestern) und Ingmar-Bergman-DP Sven Nykvist (Verbrechen und andere Kleinigkeiten). Auch diese erste Zusammenarbeit mit dem 76jährigen Italiener Storaro schenkt uns fabelhafte Bilder, so etwa traumhafte Silhouetten der beiden Handlungsstädte. Trotdem sollte man vielleicht die Entdeckung Woody Allens nicht hier beginnen.
Woody Allens Drehbücher waren im Laufe seiner Karriere für 15 Oscars nominiert (er gewann für Der Stadtneurotiker, Hannah und ihre Schwestern, Midnight in Paris), und so vergißt man oft, welch ein großartiger Regisseur er ist. Egal wie schematisch und vorhersehbar seine Geschichten inzwischen sein mögen, so vermag er sie doch mit traumwandlerischer Sicherheit zu inszenieren und holt aus seinen Darsteller stets das Optimum heraus. Aber leider scheint ihm doch langsam der Stoff auszugehen. Ich wünschte mir, er würde sich mehr Zeit für seine Drehbücher nehmen. Stattdessen hat er sich im letzten Jahr weiter verzettelt und für Amazon die Miniserie Crisis in Six Scenes geschaffen, von der ich nur so viel Positives berichten möchte, dass er in der fast vergessenen Comedy-Legende Elaine May eine ebenbürtige (und gleichaltrige) Partnerin gefunden hat. Für den Streaming-Dienst ist das natürlich ein genau an meine Generation gerichtetes Prestige-Projekt. Da Amazon, Netflix und Co. nicht an die demographischen Forderungen von Werbekunden gebunden sind, gehen sie auch ältere Zielgruppen an (am erfolgreichsten war in diesem Jahr wieder einmal Netflix mit der netten, weit überschätzten Horror-Hommage an die 80er Stranger Things).
Zurück zu Café Society. Wir schreiben das Jahr 1936, Fred Astaire und Ginger Rogers tanzen in Swing Time, einem ihrer schönsten Musicals. Phil Stern, Hollywood-Agent von der nicht tödlichen Sorte, wartet auf einen Anruf von Ginger. Er möchte den Star repräsentieren (und Prozente kassieren), doch zu sehen bekommt man Astaires Lieblingspartnerin nicht, genauso wenig wie Phils restliche berühmte Kundschaft. Es bleibt beim "Name-dropping": Joel McCrea, Paul Muni, Gary Cooper, Errol Flynn (über den Phil immerhin eine herrliche Anekdote parat hat). Aber leider bleibt es in dieser Hinsicht, anders als etwa bei Hail, Caesar! von den Coens, bei der bloßen Behauptung von Kino-Glamour. Nicht dass es dem Film an Stars mangeln würde...
Phil wird, nicht besonders glaubwürdig, von Steve Carrell gespielt, der allerdings in letzter Minute für Bruce Willis eingesprungen ist. Während andere dessen Diva-Verhalten zähneknirschend in Kauf nehmen, schmiss Woody den Actionstar kurzerhand vom Set, als der wieder mal unvorbereitet seinene Text nicht parat hatte (Kevin Smith hat seine schlechten Erfahrungen bei CopOut immerhin nachträglich öffentlich gemacht). Aber sei's drum, im Mittelpunkt dieser tragischen Liebesgeschichte stehen ohnehin die jungen Leute, Phils Neffe Bobby und seine Sekretärin Vonnie. Jesse Eisenberg und Kristen Stewart sind hier nach Adventureland (das mir überhaupt nicht gefallen hatte) und der überaus sehenswerten schrägen Brutalkomödie American Ultra zum dritten Mal gemeinsam zu sehen, und es sprühen tatsächlich Funken. Eisenberg hält seine zuletzt als Lex Luthor perfektionierten Manierismen diesmal klug zurück und wirkt eher nach innen gewandt. Aber die Sensation hier ist Kristen Stewart; angeblich hatte Woody bei dieser Besetzung übrigens keine Ahnung von ihrem Twilight-Fame.
Kristen Stewart war mir bereits 2007 mit ihrem Kurzauftritt im ansonsten vergessenswerten Into The Wild aufgefallen, ohne dass ich den Bezug zu Jodie Fosters kleiner Tochter in Finchers Panic Room gezogen hatte. Der Twilight-Trubel hat sie als ernstzunehmende Schauspielerin allerdings weit zurückgeschlagen. Tiefpunkte waren ihre freizügige Darbietung in der Jack-Kerouac-Verfilmung Unterwegs und ihr Auftritt als Schneewittchen in Snow White and the Huntsman, wo sie mit stets halbgeöffnetem Mund eher dümmlich als sexy wirkte. Aber seitdem befindet sie sich auf dem Weg der Besserung. In Still Alice spielte sie kompetent Julianne Morres Tochter, in Die Wolken von Sils Maria begeisterte sie neben Juliette Binoche die Kritiker in Cannes. Vielleicht hat Woody Allen sie ja nur dazu gebracht, ihren Mund geschlossen zu halten, aber so ausdrucksvoll wie bei ihm war Kristen noch nie. Klar ist die 26jährige atemberaubend schön, aber nun passiert etwas in ihrem Gesicht. Vielleicht hatte sie nach über 15 Jahren im Geschäft nun endlich Zeit zu reifen, vielleicht hilft ihr das persönliche Glück mit ihrer ehemaligen Assistentin, nach der praktisch vom Studio verordneten Romanze mit Co-Vampir Robert Pattinson. Für eine Oscar-Nominierung wird es diesmal noch nicht reichen, aber von Kristen kann man noch viel erwarten.
Wie üblich, sind auch die Nebenrollen von Café Society mit versierten Charakterdarstellern besetzt. Am besten in Erinnerung bleibt Corey Stolls Mafioso Onkel Ben. Seltsam ineffizient sind allerdings die meisten anderen Familienmitglieder - Allen-Kenner werden vielleicht seufzen: Noch eine jüdische Großfamilie. Gesichtet wurden jedenfalls "Balin" Ken Stott als Patriarch, Sheryl Lee (die Leiche aus Twin Peaks) als Phils Ehefrau, Anna Camp (True Blood) als jüdisches Möchtegern-Callgirl, Blake Lively als Barbie-Ehefrau und Parker Posey, die schon in Irrational Man zu sehen war, in blonder Lockenperücke. In der Summe hat mir das etwas besser gefallen als die beiden Vorgänger, kommt aber nicht an Witz und Charme von Woody europäischer Phase heran. Ordentlich (6/10).
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