Jeder Hobbymusiker kennt das: Man ist von einem Stück so begeistert, dass man es unbedingt selbst darbieten möchte, auch wenn man stimmlich, technisch, musikalisch eigentlich nicht dafür geeignet ist. Im eigenen Kopf hört man dann eine idealisierte Version, aber meist gelingt es dem Umfeld, solch peinliche Misserfolge vor der Öffentlichkeit fernzuhalten. Was aber, wenn das nicht passiert? Wenn man weder ehrliche Mitmusiker hat noch genug Selbstzensur, so dass die Illusion selbst beim Hören der Aufnahme intakt bleibt? Unter glücklichen Umständen wird dann vielleicht eine Legende wie Florence Foster Jenkins geboren, die es 1944 trotz fehlender Begabung bis in die Carnegie Hall schaffte. Ihr Hit war, wie sollte es anders sein, der von Mozart in Koloratur gegossene Nervenzusammenbruch der Königin der Nacht:
Niemand hat uns in den letzten Jahrzehnten so viele Legenden nahegebracht wie Meryl Streep. Ob Vogue-Chefin Anna Wintour, die Eiserne Lady Maggie Thatcher oder Starköchin Julia Child, stets ist es ihr gelungen, sich äußerlich wie innerlich in diese Figuren zu verwandeln. Aber so komisch und gleichzeitig herzzerreissend tragisch war sie schon lange nicht mehr. Ich mache mich ja gern über ihre "automatischen" Oscar-Nominierungen lustig, aber diesmal wäre wirklich eine angebracht. Es erfordert schon großes Können, diese matronenhaft ausgepolsterter Figur mit ihren exaltierten Kostümen und den albernen Perücken mit Würde zu präsentieren. Und damit habe ich über ihren Gesang noch kein Wort verloren. Ihr musikalisches Talent hat die 67jährige Mimin schon vielfach unter Beweis gestellt. Wie sie hier manche Töne fast trifft, andere total verfehlt, manche Phrasen bis zur Unkenntlichkeit verhunzt und anderen fast erfolgreich nachhechelt, das ist wahrhaft unerhört.
Der dreifachen Oscar-Preisträgerin steht mit Hugh Grant einer der am meisten unterschätzten Darsteller zur Seite. Viele haben sich 1994 die Augen gerieben, als bei den Oscar-Nominierungen die Jahrhundertkomödie Vier Hochzeiten und ein Todesfall zwar als Bester Film nominiert wurde, der Garant für diesen Erfolg von der Akademie aber übersehen wurde (er gewann immerhin einen BAFTA und einen Golden Globe). Es wäre auch zu einfach, ihn als Komiker abzustempeln. Immerhin ist er in guter Gesellschaft mit seinem Namensvetter Cary Grant, der nach dürftigen zwei Nominierungen schließlich mit 66 Jahren den Ehren-Oscar mit nach Hause nehmen durfte. Es ist schade, dass sich der smarte Brite inzwischen so rar macht. Er kann zwar immer noch seinen bübischen Charme anknipsen, sein in Würde gealtertes Gesicht läßt aber auch tief in die Seele seiner Figuren blicken. Als Florences hingebungsvoller Ehemann Bayfield rührt er uns, ohne die Widersprüche zu verleugnen, die diesen gelegentlich mit seiner jungen Geliebten (Rebecca Ferguson aus Mission Impossible: Rogue Nation) zu einem "Golf"-Wochenende treiben.
Und dann ist da Simon Helberg als Begleiter der Diva am Piano. Wer hätte nach neun Jahren Big Bang Theory gedacht, dass ausgerechnet der Darsteller der raumfahrenden Knallcharge Howard Wolowitz, die dort von Jahr zu Jahr nerviger und peinlicher wird, zu solch differenzierter Schauspielkunst fähig ist. Sein Cosmé McMoon (der Name ist nicht erfunden) ist zwar auch ein Klutz, zeigt aber ein großes Herz und ist komischer als Howard in einer ganzen Staffel (nicht dass ich dem 35jährigen die Millioneneinnahmen missgönnen würde). Nebenbei spielt Helberg seine Klavierpassagen nicht nur selbst live zur Kamera, sondern auch noch ungeheuer gefühlvoll, so etwa beim Vorspielen Saint-Saëns' Schwan. Wenn die Akademie im kommenden Frühjahr nur eine Nominierung für diesen Film vergeben sollte, dann bitte für diese "männliche Nebenrolle" (leider sieht es so aus, als ob Hugh Grant auch in diese Kategorie geschoben werden soll).
Nach 15 Jahren gehobenem Mittelmaß hat der 75jährige Altmeister Stephen Frears mich endlich mal wieder begeistert. Zugegeben, ich habe eine Schwäche für Musikfilme im weiteren Sinne, sein letztes herausragendes Werk war für mich High Fidelity aus dem Jahr 2000. Dazu liegen ihm wohl auch historische Themen, von seiner meisterhaften Verfilmung von Choderlos De Laclos' Briefroman Gefährliche Liebschaften aus dem 18. Jahrhundert bis hin zu den klugen Diskursen über das 20. Jahrhundert: The Queen, Philomena (seine Lance-Armstrong-Biographie The Program vom letzten Jahr habe ich mir allerdings bislang gespart). Seine Stärke ist es, einen Stoff mit genau dem richtigen Ton zu inszenieren. Dabei gibt er seine Figuren nie der Lächerlichkeit preis. Das Drehbuch stammt vom Engländer Nicholas Martin, bisher nur für einige TV-Arbeiten bekannt.
Florence Foster Jenkins ist großes Unterhaltungskino, regt aber auch zum Nachdenken an. Die britische Produktion war kein großer Hit, hat ihr bescheidenes Budget aber locker wieder eingespielt. Es ist ein Film für Musikliebhaber, aber vor allem ein Film für Erwachsene, und das hat es in diesem Jahr seit Spotlight nicht mehr gegeben. Herausragend (9/10).
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