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Sonntag, 13. November 2016

Leonard Cohen: 1934 - 2016



Vor 25 Jahren schenkte mir ein etwas älterer Freund ein Werbeheftchen, das er wohl aus den 70ern rübergerettet hatte: "The Poet of Rock Music - Leonard Cohen: Lieder und Gedichte". So wird heute niemand mehr verkauft - Bilder eines nachdenklichen Mannes, schwermütige, sexuell explizite Poesie und Kommentare zu ausgewählten Liedern, die mindestens so kryptisch wie die Texte selbst sind. Folgenden Text nannte er einfach nur "Poem" (Gedicht).
I heard of a man
who says words so beautifully
that if he only speaks their name
women give themselves to him.
If I am dumb beside your body
while silence blossoms like tumors on our lips
it is because I hear a man climb stairs
and clear his throat outside our door.



Er war ein Mann der Widersprüche. Dichter aus Leidenschaft, Musiker aus Widerwillen, ein jüdischer Buddhist, Ladies Man, aber nicht klassisch gutaussehend:
You told me again you preferred handsome men
but for me you would make an exception.
Es begann schon mit dem gescheiterten Versuch einer stilistischen Einordnung. Den Begriff Singer-Songwriter gab es noch nicht, und so wurde er seit seinem Debut 1967 in die Folk-Ecke gestellt, obwohl er mit der Szene nichts am Hut hatte. Daher klingen die Arrangements seiner frühen Alben heute recht merkwürdig, vor allem auf modernen Stereoanlagen - mal in Streichern ertränkt, mal wie aus dem Nebenzimmer kommend. Was zählte, war aber immer das Zusammenspiel von Gitarre und Gesang. Wie viele Folkies besitze auch ich ein Songbook aus dieser Phase und hatte mehrere seiner Lieder im Repertoire. Suzanne, sein meistgewünschter Lagerfeuer-Song, war natürlich dabei, aber lieber waren mir "Winter Lady", "Famous Blue Raincoat" und "Sisters of Mercy". Letzteres liegt mir besonders am Herzen - das Schöne an Poesie ist ja, dass jedem eine eigene Interpretation erlaubt ist. Cohens Sisters of Mercy hießen Alberta, Barbara und Lorraine, meine Andrea und Barbara:
If your life is a leaf
that the seasons tear off and condemn
They will bind you with love
that is graceful and green as a stem



Cohen war kein Virtuose wie Donovan, Cat Stevens oder gar Paul Simon. Harmonische Raffinessen wie bei Nick Drake oder Joni Mitchell waren ihm fremd. Seine Gitarrenparts waren einfach, aber effektiv. Bis auf das gelegentlich fingerbrecherische Tempo seiner Akkordzerlegungen waren sie technisch nicht anspruchsvoll und konnten durch die meisten Hobby-Gitarristen verziert und verbessert werden. Dass er mit den berühmten drei Akkorden auskam, ist allerdings eine grobe Verallgemeinerung. Die Begleitung von Sisters of Mercy arbeitete er angeblich mit einem Jazz-Bassisten aus - die Akkordfolge ist gar nicht so einfach zu lernen. Aber selbst mit den Grundakkorden gelangen ihm geschmackvolle Untermalungen. Und dann war da natürlich seine unnachahmliche Stimme...



Cohen war universell. 1971 integrierte Robert Altman drei Songs aus Cohens erstem Album in seine herausragende Western-Tragödie McCabe & Mrs. Miller. Sie wirkten wie eigens für den Film komponiert. Cohens Lieder wurden auch schon früh durch andere Künstler gecovert. Mein liebstes Beispiel ist Joan Baez' Version von "Famous Blue Raincoat" aus dem Livealbum "Diamonds and Rust in the Bullring". Die Kombination aus Klavier, traurigem Cello und Joans himmlischer Stimme ist fast unerträglich schön (Joan änderte klugerweise die letzte Zeile des Briefs, die Widmung, von "Sincerely, L. Cohen" zu "Sincerely, a friend").



Abgesehen von Liedern, die ich selbst sang, haben mich die Texte eigentlich immer zuletzt interessiert. Es ist schwer beschreibbar, warum das bei Cohen anders ist. Seine melancholische Grundstimmung kommt mir entgegen, aber der Genuss seiner Lieder rührt aus der Verbindung von Music & Lyrics.  Doch auch wenn man nicht auf die Texte achtet, transportiert seine Musik starke, universelle Gefühle. Und darin liegt der Unterschied zu Bob Dylan. Auch wenn ich es begrüße, dass Liedtexte als Literaturform anerkannt werden, ist mein Zugang zu Dylan rein intellektuell. Zudem gefallen mir praktisch nur die Interpretationen anderer Künstler, die ihn ab den 60ern auch berühmt machten: Joan Baez, Peter, Paul & Mary, die Byrds. Nicht nur sein nasaler Gesang verleidet mir das Vergnügen an seinen Originalen, sondern auch die Sabotage, die er mit seinen eigenwilligen Betonungen und seinem Genuschel an seinen eigenen Texten begeht. Insofern wäre Cohen der würdigere Preisträger gewesen.



Nach einer Orientierungsphase in den 70ern brachte Cohen zwischen 1984 und 1992 drei Alben mit starken Songs heraus. Die Musik war jetzt deutlich rythmischer und durch Synthesizer geprägt. Auf dem ersten, "Various Positions", fand sich das erst später berühmt gewordene "Hallelujah". Besonders das mittlere Album, "I'm Your Man", bietet ein mitreissendes Erlebnis, aber auch "The Future" lohnt sich. Zu dieser Zeit begann Cohen, bei der Vertonung seiner Texte auf Kollegen zurückzugreifen, vor allem auf die Sängerin Sharon Robinson, die ihn später auch live begleitete.


Fast wäre es das gewesen mit Cohens Musikkarriere - er zog sich in ein Zen-Kloster zurück und hatte keine Rückkehrabsichten. Insofern muss man seiner Managerin dankbar sein, die mit seinem Vermögen durchbrannte. Die finanzielle Not und die resultierenden Schulden bescherten uns seine berühmte Comeback-Tour und fünf weitere Studio-Alben. Mit diesen Live-Auftritten eroberte er sein Werk zurück. Sie sind umfangreich auf DVD und Blu-ray dokumentiert - seine Bühnenschau zelebrierte er fast ritualistisch, wenn er demütig seinen Hut zog vor dem begeisterten Publikum und seinen virtuosen Mitmusikern ("The Divine Webb Sisters").



Ob alt oder neu, endlich wurden seine Lieder in angemessene Gewänder gekleidet - so wie er sich selbst schon immer im eleganten Maßanzug präsentierte. Und immer war der Mann mit der inzwischen noch tiefergelegten "Golden Voice" gut gelaunt, verschmitzt und sprühte vor Witz und Lebenslust. Da spielt er in "Tower of Song" eine läppische kleine Passage auf dem Clavicord und erwiderte den Szenenapplaus wohlwollend-ironisch mit "You are too kind!".



Leonard Cohen starb wenige Wochen nach Veröffentlichung seines Abschiedswerks, "You Want It Darker", das er nur noch unter Schmerzen und mit kräftiger Hilfe seines Sohnes Adam vollenden konnte. Es war der US-amerikanische Wahltag in diesem trüben November. Traurig für mich ist nicht, dass hier ein alter, auf den Tod vorbereiteter Mann starb, sondern die Ungewissheit, ob vergleichbare Künstler nachwachsen. Leonard Cohens Lieder bleiben und wärmen unsere Seelen wie ein knisterndes Kaminfeuer, wann immer wir das nötig haben. Aber der Kanadier hinterlässt eine Lücke, in der alle auswanderungswilligen US-amerikanischen Künstler Platz haben. Zum Abschluss ein mit Absicht aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat des Poeten der Rockmusik:
Warum sollte man einem Berg eine Medaille umhängen, nur weil er der höchste ist?

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