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| Quelle: http://www.tor.com/2015/06/24/where-to-start-with-the-works-of-connie-willis/ |
Daneben schrieb Willis immer wieder zeitgenössische Geschichten mit vorsichtig eingestreuten psychologischen oder soziologischen SF-Elementen. Erwähnenswert dabei sind vor allem der düstere, fast angsteinflößende Roman "Passage" (2001) um Nahtoderfahrungen und die umwerfend komische und gleichzeitig entlarvende Novelle "Bellwether" (1996) in der Tradition von P.G. Wodehouse ("Jeeves und Wooster").
Willis' neuester Roman "Crosstalk" wirkt leider in vieler Hinsicht wie eine auf 500 Seiten aufgeblähte Version dieses kleinen Meisterwerks. Statt um die soziologische Untersuchung von Modeerscheinungen ("fads") in "Bellwether" geht es hier um die aktuelle Kommunikations-Überladung durch Smartphones und soziale Netzwerke. Er ist zwar nicht in Ich-Form geschrieben, folgt aber strikt der Perspektive der Hauptfigur Briddey, die bei der kleinen Mobiltelefonfirma Commspan arbeitet, einer direkten Konkurrentin zu Apple (nun ja...) Die junge Managerin hat gerade beschlossen, sich gemeinsam mit ihrem Fast-Verlobten Trent ein "EED" einpflanzen zu lassen, ein kleines im Nacken implantiertes Gerät, welches die emotionale Verbindung zwischen Partnern verstärken soll. Es gibt allerdings unvorhergesehene Nebenwirkungen...
Anders als in ihren sorgfältig recherchierten Geschichtsszenarien bleibt die Autorin bei der Beschreibung der Telekommunikationswelt sehr an der Oberfläche. Es werden zwar brav die einschlägigen Apps (etwa Facebook, Twitter, Whatsup und auch einige erfundene) aufgezählt und genutzt, aber bis auf diverse Dating-Sites, die bei Briddeys Schwester Kathleen für nette Komplikationen sorgen, bleibt es bei allgemeinen Beobachtungen. Noch schlimmer ist es bei der Produktforschung von Commspan, wo offenbar Hardware und Software von einigen wenigen Technikern willkürlich und fast mit dem Zauberstab vorangetrieben werden (tatsächlich benötigen Hardware-Neuerungen wegen der komplexen Produktionstechnik oft jahrelangen Vorlauf). Vom telepathisch kommunizierenden Smartphone mal ganz abgesehen...
Connie Willis neigt zu Wiederholungen, sowohl in ihrem (vergleichsweise schmalen) Gesamtwerk als auch innerhalb ihrer Erzählungen. Das ist natürlich Geschmackssache, auch Wodehouse variiert in "Jeeves und Wooster" eigentlich die gleiche Geschichte wieder und wieder. In diesem Fall ist es mir aber auf die Nerven gegangen (wie teilweise auch schon in "Blackout/All Clear"). Briddey erscheint wie eine dümmere, attraktivere Version ihrer typisch neurotischen Vorgängerinnen - keine gute Kombination. Viel erfährt der Leser nicht über sie - sie ist ein klassicher Rotschopf, stark mit ihrer irischen Familie verbunden, anständig, aber naiv, wenn auch offenbar patenter als ihre beiden Schwestern Kathleen und Mary Clare. Nicht klargeworden ist mir, was eigentlich bei Commspan ihre Aufgabe ist. Sie wird wohl keine einfache Sachbearbeiterin sein, denn sie kann auf Assistentinnen zurückgreifen, zum Führungsstab (wie Trent) gehört sie aber auch nicht.
Auch ein weiteres Stilmittel der Autorin geht hier nach hinten los. Die "Überraschungen" werden so weit voraus telegraphiert, dass es weniger spannend als entnervend ist, bis die Figuren den Wissensstand der Leser einholen. Wie die Liebesgeschichte endet, sollte Willis-Kennern schon im ersten Kapitel klar sein. Und richtig Fahrt nimmt die Geschichte erst im letzten Drittel auf, bis dahin muss man schon einiges an Geduld und Wohlwollen aufbringen. Bezeichnend ist vielleicht, dass die interessanteste Figur Briddeys neunjährige, neunmalkluge Nichte Maeve ist. Mal davon abgesehen, dass auch 9jährige Wunderkinder nicht binnen Stunden eine neue Firewall programmieren können, schildert Willis doch recht überzeugend die widersprüchliche Gefühlswelt der munteren, hochbegabten Tochter von Mary Clare. Maeve schaut zwar liebend gern Zombie-Splatter, ist daneben aber doch in Disneys Tangled (2010, mit dem dämlichen deutschen Titel "Rapunzel - Neu verföhnt") vernarrt, welches immerhin mit einer selbstbewussten jungen Heldin aufwarten kann. Wie schnell ansonsten Popkultur-Referenzen veralten können, zeigt übrigens die Erwähnung von Brangelina, die bei Willis zu den ersten Stars mit EEDs gehören, in der wirklichen Welt aber bereits Vergangenheit sind.
So setzt sich mit "Crosstalk" für mich ein Qualitätsverlust fort, der schon mit dem Vorgänger-Romanduo "Blackout/All Clear" begann. Mit den genannten Abstrichen finde ich den Band immer noch lesenswert, aber ich kann verstehen, dass viele hier nur noch querlesen. Für eine erneute Hugo-Nominierung sollte das eigentlich nicht genügen. Der Preis der Kindle-Edition wurde gerade auf ein vernünftiges Maß reduziert. Sie enthält Amazons raffiniertes elektronisches Personen- und Begriffsverzeichnis X-Ray, welches mir soeben noch beim Zusammensuchen der Personennamen geholfen hat.

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