1. Tarantinos Ego
Tarantinos Ego ist inzwischen offenbar so aufgeblasen wie das
verwendete spezielle 70mm-Bildformat, für das weltweit 50 Kinos für
angeblich über 10 Millionen Dollar aufgerüstet wurden. Tatsächlich gibt
es ein paar schöne Bilder, insbesondere tolle Kutschenfahrten im Schnee,
aber ob das einen Oscar für die beste Kameraführung rechtfertigt?
Gemessen an den Produktions- und Werbekosten ist der Western, den die
Weinstein-Company prahlerisch als "Tarantinos achten Film" ankündigt,
ein ziemlicher Flop. Ein wenig Schadenfreude kann ich nicht abstreiten.
2. Dünne Handlung
Die Handlung der
Hasserfüllten Acht
würde kaum für einen Kurzfilm ausreichen, geschweige denn für ein
dreistündiges Epos. Wenige Jahre nach dem amerikanischen Bürgerkrieg
sucht ein Kopfgeldjäger (Kurt Russell) mit seiner Gefangenen in einem
Blizzard Zuflucht in Minnies Haberdashery (ein Gasthaus und
Kleinwarengeschäft, das wohl nur so heißt, weil dem Autor der Klang
gefiel). Unter den Anwesenden vermutet er (zu recht) Verbündete der
Todgeweihten, auf die immerhin 10.000 Dollar Kopfgeld ausgesetzt sind.
Die möglichen Variationen sind begrenzt, genauso wie die Abfolge der
Todesfälle (wie von Tarantino zu erwarten, gibt es am Ende nicht viele Überlebende). Epische Länge erfordert auch eine epische Geschichte!
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3. Schwache Dialoge
Tarantinos berühmte Dialoge haben immer noch ihren
unverwechselbaren Rhythmus, strotzen hier aber vor Trivialitäten. Es
wird ja gern behauptet, manche Stars könnten selbst das Telefonbuch
vorlesen und dem noch Unterhaltungswert abtrotzen. Nun, hier kann man
die Probe aufs Exempel machen: Wo sind die Kaffeebohnen? Was kosten die
Lakritzstangen? Darf ich mich zu Ihnen setzen? Diskussionen über
Cheeseburger und Fußmassagen darf man hier nicht erwarten. Der
interessanteste Kniff ist noch ein angeblicher Brief von Abraham Lincoln
an den schwarzen Bürgerkriegs-Leutnant. Bodenlos flach ist die in
kurzer Rückblende erzählte Demütigung des Generalssohns.
4. Enttäuschende Musik
Die
Musik des 87jährigen Ennio Morricone ist eine ziemliche Enttäuschung.
Gefühlt höchstens über ein Drittel der Laufzeit eingesetzt, ist sie
wenig melodisch und legt vor allem eine atemlos-spannende Stimmung über
die malerischen, ansonsten aber inherent langweiligen Szenen. Angeblich
nutzte der Meister teilweise verworfene Stücke für das (m.E.
misslungene) Carpenter-Remake von
Das Ding, übrigens ebenfalls mit Kurt
Russell in der Hauptrolle. An sich wäre es schön, wenn Morricone nach
seinem Ehrenpreis mal einen regulären Oscar gewinnen würde. Es ist
schließlich schandhaft, daß ein John Williams fünf Statuen einheimsen
konnte und der ihm künstlerisch sicherlich ebenbürtige Italiener noch
nie ausgezeichnet wurde.
5. Flache Figuren
Für keine der zehn in der Haupthandlung
auftauchenden Figuren konnte ich mich so recht erwärmen. Sie sind nicht
nur verabscheungswürdige Individuen, sondern auch sehr eindimensional
charakterisiert. Für mich wirkt es eher wie Faulheit des Regisseur, wenn
seine Stars ihre bekannten Archetypen variieren und sich lediglich auf
ihre naturgegebene Bühnenpräsenz verlassen. Insbesondere Kurt Russell,
Samuel L. Jackson, Tim Roth und Bruce Dern glänzen in der eitlen Kunst
der Selbstdarstellung. Am meisten hat mich noch der relative
Tarantino-Neuling Walton Goggins überzeugt (in
Django Unchained spielte
er den Aufseher, der Django gegen Ende kastrieren möchte).
6. Oscar-Nominierung für die Beste weibliche Nebenrolle
Warum
nun ausgerechnet Jennifer Jason Leigh mit einer Oscar-Nominierung
belohnt wurde, erschließt sich mir nicht. Zwar hat sie die wenigsten
Dialoge und daher eine vom Drehbuch wenig gestaltete Rolle, aber sie
nutzt diesen Freiraum nur, um noch abscheulicher und widerwärtiger als
ihre männlichen Kollegen daherzukommen. Ihre Figur ist allerdings eine
Singularität in der Kinogeschichte, ein weiblicher Prügelknabe, fluchend
und Galle spuckend, der von Szene zu Szene geschundener und häßlicher
wirkt.
7. Langeweile
Wenn man sich schon mit den Figuren nicht identifizieren
kann, ist es mit der Spannung schwierig. Die spannendsten Szenen aus
Django Unchained (das Dinner beim Plantagenboss) und
Inglorious Basterds
(das Verhör im Blockhaus, die Kartenrunde im Keller)
rührten aus Reibungen der Figuren her und waren für sich perfekte
Miniaturthriller (übrigens jeweils mit Christoph Waltz im Mittelpunkt,
an dessen Süffisanz Tim Roth hier nicht herankommt). Daher wirken die
als spannend konzipierten Szenen, etwa um den vergifteten Kaffee, eher
befremdend, und man wartet fatalistisch auf die Entladung der Stimmung,
die dann wie vorhergesehen eher einer Verpuffung gleicht.
8. Das war nix
Langsam
muß man akzeptieren, dass Tarantino die Fähigkeit verlorengegangen ist,
aus Versatzstücken der Filmgeschichte neue Filmkunst zu schaffen. So
hatte ich etwa an einem offensichtlichen Vorbild, King Hus
Die Herberge zum Drachentor von 1967, genau den Spaß, den mir
The Hateful Eight
nicht bringen konnten. Hier kommt in der Summe viel weniger raus, als
man vom beteiligten Talent hätte erwarten können. Ärgerlich (1/10).
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