Brooklyn erzählt über einen Zeitraum von gut einem Jahr die Geschichte der 20jährigen Eilis (gesprochen etwa "Äilisch"), die 1951 aus einer irischen Kleinstadt nach Brooklyn, New York auswandert. Nach außen hin passiert nichts Spektakuläres, in Eilis' Innenleben dafür umso mehr. Daher beruht der Erfolg dieses kleinen irischen Films voll und ganz auf der der erstaunlichen Leistung der 21jährigen Hauptdarstellerin Saoirse ("Ssiersche") Ronan, die dafür soeben verdient ihre zweite Oscar-Nominierung erhalten hat (die erste war für ihre Darstellung von Keira Knightleys 13jähriger Schwester im aufwändigen Kriegsdrama Abbitte). Ich kann mich nicht erinnern, wann mich jemand ähnlich vollständig in die Gefühlswelt einer jungen Frau eintauchen ließ. Eilis erlebt das volle Spektrum der Emotionen: Heimweh, Einsamkeit, Freundschaft, Liebe, Dankbarkeit, Trauer - Saoirse Ronan zeigt all das, ohne in Klischees oder Übertreibungen zu verfallen. Es mag ein merkwürdiges Kompliment sein, aber ich habe selten jemand auf der Leinwand so überzeugend weinen sehen. Aber auch ihre junge Liebe zum schüchternen Italo-Amerikaner Tony (perfekt verkörpert durch den 25jährigen Emory Cohen) ist glaubwürdig und bewegend. Und dazu ragt sie (selbst überschminkt wie etwa in ihrem IMDB-Porträt) mit ihrem kraftvollen Gesicht und den ausdrucksstarken grau-blauen Augen deutlich aus dem Hollywood-Einheitsbrei heraus.
Drehbuchautor Nick Hornby hat momentan mehr Glück mit seinen Adaptionen als mit eigenen Stoffen (etwa mit seiner jüngsten Erzählung Funny Girl). Mit seiner Bearbeitung des Romans von Colm Tóibín ist er dieses Jahr zum zweiten Mal für einen Oscar nominiert, nach An Education von 2009 (er gehört aber auch diesmal nicht zu den Favoriten). Hornby hat ein Händchen dafür, einen Stoff zu kondensieren und auf Hochglanz zu trimmen. Leider fallen dabei auch Ecken und Kanten dem Schreibmaschinenhobel zum Opfer, und mehr noch als Lone Scherfigs London der 60er, dessen Portrait vielleicht auch von der erfahrenen Regisseurin profitierte, wirken die frühen 50er in Brooklyn allzu harm- und konfliktlos. Vom gutmütigen Priester (Jim Broadbent) über die gluckenhafte Herbergswirtin (Julie Waters) bis hin zu den zunächst hochmütigen Nachbarinnen (darunter Emily Bett Rickards, die Felicity aus Arrow) meinen es am Ende praktisch alle Nebenfiguren gut mit der Heldin, und so passt die Inszenierung des jungen Regisseurs John Crowley nicht perfekt zu ihrem tumulthaften Innenleben. In einer kleinen Nebenrolle als irischer Freier ist der Hauptdarsteller aus Ex Machina, Domhnall ("Doe-nell") Gleeson, zu sehen. in seiner vierten Rolle binnen zwölf Monaten (es scheint, daß in jedem zweiten Film des vergangenen Jahres wenigstens einer der drei Darsteller aus dem SF-Drama auftaucht).
Übrigens kann ich zumindest bei den Damen keinen Mangel an Diversität bei den diesjährigen Oscar-Nominierungen feststellen. Neben der in New York geborenen, aber in Irland aufgewachsenen Saoirse haben wir da die Australierin Cate Blanchett, die Engländerin Charlotte Rampling, die aparte franko-kanadisch-europäische Mischung Brie Larson und America's Darling Jennifer Lawrence, dazu bei den Nebenrollen die Schwedin Alicia Vikander, die britische Ikone Kate Winslet, Jennifer Jason Leigh mit russisch-österreichischen Vorfahren, die Kanadierin Rachel McAdams und Rooney Mara, Sproß einer Football-Dynastie. Favoriten sind zum einen Brie Larson (ihr Film läuft hierzulande erst im März) und Jennifer Lawrence, zum anderen Alicia Vikander und Kate Winslet. Aber auch Saoirse wäre ein Gewinn zu gönnen.
Wie auch immer das Rennen ausgeht, Brooklyn hat von den acht nominierten Filmen wahrscheinlich die geringsten Siegchancen. Trotzdem hat er zum Glück seine Fans auch in der Akademie. Zum Weiterlesen empfehle ich die Rezension von Pia Reiser vom ORF. Meine Wertung: Gut (7/10).
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