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Sonntag, 27. Januar 2013

Nieder mit der Sklaverei: Lincoln (7/10) und Django Unchained (7/10)

Gleich zwei Dramen aus der Endphase der amerikanischen Sklaverei sind dieses Jahr für den Oscar als bester Film nominiert. Beide von berühmten Regisseuren erzählt, beide fast quälend überlang, ergänzen sie sich so sehr, daß sie in der Erinnerung gemeinsam besser wegkommen als einzeln.

Lincoln konzentriert sich auf das letzte halbe Jahr der Amtszeit des ikonischen Präsidenten. Es kommt ein wenig als Geschichtsstunde daher, für uns ignorante Europäer gibt es eine zusätzliche kurze Einführung in Textform. Tatsächlich waren mir die Details dieser historischen Ereignisse nicht geläufig. Grob gesagt war es wohl so, daß Lincoln zwar durch seine präsidialen Sonderrechte in Kriegszeiten die Sklaverei quasi aufgehoben hatte. Viele rechneten aber damit, daß diese Regelung nach Ende des Krieges, gerade als Konzession an den Süden für eine schnelle Kapitulation, wieder aufgehoben werden würde. Daher versuche der gerade wiedergewählte Präsident, einen Verfassungszusatz zur endgültigen Abschaffung der Sklaverei durch das Repräsentantenhaus zu bringen, wozu er eine Zweidrittelmehrheit und damit etliche oppositionelle Stimmen erlangen mußte.

Steven Spielberg inszeniert das als bedächtiges, dialoglastiges politisches Drama, das sich erst gegen Ende mit der namentlichen Abstimmung zum Thriller verdichtet, dessen Ende natürlich bekannt ist. Damit spiegelt der Film quasi die Persönlichkeit seiner Hauptfigur, die ihre Argumente oft durch ausschweifende Anekdoten versinnbildlichte. Die Stärke des ganzen ist ein wieder mal erstaunlicher Daniel Day-Lewis, der sich seit seinem Debut als Hauptdarsteller in Stephen Frears herausragendem Mein wunderbarer Waschsalon von 1985 schon immer rar gemacht hatte und im letzten Jahrzehnt nur in fünf Filmen auftrat, auf die er sich offenbar so intensiv vorbereitet wie sonst nur ein Regisseur. Zuletzt gefallen hat er mir in Scorseses fabelhaften Gangs of New York von 2002 als brutaler "Fleischer" Bill. Nun schlüpft er chamäleonartig in die Rolle des 16. Präsidenten der USA, geschwächt von einsamer Verantwortung und doch mit stählernem Willen gewappnet. Mutig hat er eine der Erwartungshaltung widersprechende, aber historisch wohl akkurate hohe Stimmlage und den korrekten Akzent eingeübt. Sein historischer dritter Hauptrollen-Oscar scheint fast sicher. Am besten unter den weiteren Akteuren fand ich tatsächlich den für eine Nebenrolle nominierte Tommy Lee Jones als Führer der "radikalen" Republikaner, der seinen Haß auf den allgegenwärtigen Rassismus zügeln mußte, um das bescheidene Ziel des Verfassungszusatzes zu erreichen; zwar eine typische Rolle für den Oscar-Preisträger (Auf der Flucht), aber immer noch emotional überzeugend. Die Schwäche des ganzen ist ansonsten leider das Drehbuch von Tony Kushner, das im Gegensatz zu seinem ebenfalls von Spielberg inszenierten, komplexen Buch zu München seine weiteren Figuren nur sehr blaß zu zeichnen vermag und das Thema Sklaverei nur theoretisch anreißt.

Da paßt es gut, daß Quentin Tarantino in seiner Hommage an den Italo-Western die Sache handfest von der anschaulichen Seite anpackt. Da sieht man die Auspeitschungen und die Narben, die sie hinterlassen, die Erniedrigungen und Qualen, das zerfetzte Fleisch, nachdem auf den flüchtigen Gladiatorensklave die Kampfhunde gehetzt werden.. Aber man sieht auch einen entfesselt aufspielenden Jamie Foxx (Oscar für Ray 2005) als Django, den befreiten Sklaven, der seine Frau sucht und dabei stellvertretend für all seine gequälten Kameraden blutige Rache nimmt. Diese Erhöhung zur Kultfigur erfolgt allerdings erst im letzten Drittel. Zunächst gehört der Film Christoph Waltz als Zahnarzt Dr. Schultz aus Düsseldorf, der nun als Kopfgeldjäger Banditen zur Strecke bringt und Django erst als Helfer, dann als Partner aufnimmt (nicht zur Zahnbehandlung). Tarantino liebt es, Waltz seine schrägen Dialoge in den Mund zu legen, und einige Szenen erinnern stark an die erste Zusammenarbeit der beiden, Inglorious Basterds. Leider erreichen sie selten die Intensität des Vorgängers, jene atemlose Spannung in der ersten Verhörszene und der Kartenrunde der "Basterds" wird selbst in der entscheidenden Dinnerszene mit Leonardo DiCaprio als brillant-unmenschlichem Plantagenbesitzer nicht erreicht. Und Samuel L. Jackson als übelste "Onkel Tom"-Figur spielt zwar gekonnt gegen sein Image an, wirkt aber doch eher wie eine Karikatur.

Überhaupt scheint sich Tarantino in der Konstruktion dieses Westerns etwas verhoben zu haben. Der Weg zum großen Action-Finale ist recht episodisch angelegt, mit Nebenfiguren, die (wie etwa Jonah Hill als motzendes Ku-Klux-Klan-Mitglied) nur für wenige Minuten auftauchen und dann wieder aus dem Film verschwinden. Der Chef selbst hat übrigens ein kurzes, explosives Cameo, wie etliche Mitglieder seines Stammpersonals. Dieses Prinzip mag den Genre-Vorbildern geschuldet sein, aber Tarantino ist es bislang oft gelungen, solche Vorbilder in neuem Kontext zu verdichten und zu überhöhen, so wie einst Sergio Leone die Western John Fords und die Samuraigeschichten Kurosawas in seine Erzählsprache übertrug und daraus einige der gewaltigsten Epen der Filmgeschichte strickte. Nur wollen Tarantino in diesem Fall weder die epische Breite noch die wuchtigen Charaktere so recht gelingen. Vielleicht fehlt ihm seine langjährige Cutterin Sally Menke, die 2010 bei einem Unfall ums Leben kam, vielleicht traut sich niemand mehr, beim Meister konstruktive Kritik anzubringen. Die Fans jedenfalls haben Django Unchained momentan auf Platz 37 der Ewigenbestenliste der IMDB gehievt, in deren Top Ten Pulp Fiction seinen berechtigten Stammplatz hat. Ich selbst verbringe zwar auch mit einem mittelmäßigen Tarantino gern mal drei Stunden im Kino, aber ordentliche Unterhaltung ist wirklich eine Minimalanforderung an einen meiner Lieblingsregisseure.

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